Soziologe Hartmut Rosa übrig Burn-Out: Nur wer handelt, fühlt sich lebendig
Jeder kennt’s: Man füllt ein Formular aus – und etwas stimmt nicht. Das eigene Tun gerät unter den „Vorbehalt des Irgendwie-nicht-Richtigen“. Soziologisch gesprochen, macht man „eine geradezu physisch wahrnehmbare Entfremdungserfahrung, wenn das Gemeinte eben nur teilweise oder nur eingeschränkt ‚zutrifft‘, wir das aber nicht angeben können“. So beschreibt es Hartmut Rosa in seinem neuen Essay Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums.
Ähnliches sei im Stadion zu erleben, wo die Schiedsrichterentscheidung beim Profifußball unter Vorbehalt steht – Videobeweis sticht Augenmaß. Der Jubel der Fans bleibt gespenstisch vorläufig, bis er bildschirmratifiziert ist. Wenn aus Situationen „Konstellationen“ werden, handelt der Mensch nicht, er vollzieht, befindet Rosa. Mit „Konstellation“ meint er die Zurichtung der Welt anhand von Parametern, Kriterienkatalogen, immer weiter verfeinerten Gesetzen und vorgeschriebenen Abläufen. Komplexe Lebenssituationen verengen sich auf binäre Optionen, Entscheidungen verkümmern zu multiple choice.
Mit Gebrauchsanweisungen lässt sich nicht verhandeln oder streiten, sie sind immun gegen Erfahrungen, Uneindeutig- oder Befindlichkeiten. Der Vollzug kennt nur ein Ja oder ein Nein und schrittweises Befolgen, so unbestechlich wie unpersönlich. Dahinter steckt das ursprünglich progressive, aufklärerische Motiv, mit rationaler, umfassender Regelkonformität, Objektivität und Gleichbehandlung mehr Gerechtigkeit und Transparenz zu erwirken.
Der Mensch wird zum „Anhängsel der Algorithmen“
Dass Bürokratie, die von der Person absieht, notwendig ist, um den weniger Mächtigen Spielräume zu verschaffen, bestreitet der Autor nicht. Längst habe sich das Ganze jedoch verselbstständigt und bewirke das Gegenteil: Man sieht sich undurchschaubaren Prozessen unterworfen. Der Zugschaffner bei der Fahrkartenkontrolle, die Lehrerin, die nach starren Kriterien zu benoten hat oder die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, hätten kaum noch eine Möglichkeit – außer, sie verstoßen gegen Regeln –, selbstwirksam in einer Situation „handelnd ein[zu]greifen und das Unrichtige [zu] korrigieren“. Der Mensch wird zum „Störfaktor“, oder jedenfalls zum „Anhängsel der Algorithmen“.
Bekannt geworden war Hartmut Rosa mit Abhandlungen über „Beschleunigung“ und „Resonanz“. Seine Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung schreibt er nun fort. „Handeln ist Leben“, lautet, so bedrängt wie drängend, die These, der sich durchaus widersprechen ließe. Menschen seien konstitutionell „situierte Handelnde, die von affektiven Energien angetrieben werden“.
Mag sein, aber reicht die Fähigkeit für bewusste Entscheidungen wirklich, um menschliches Leben zu definieren? Gibt es kein empfangendes Leben? Nur wer handelt, fühle sich lebendig, motiviert, sogar glücklich, insistiert der Soziologe.
Die Kindheit ist zunehmend verplant
Leben entfalte sich expressiv „in der tätigen Auseinandersetzung mit einer Wirklichkeit, die uns Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Urteilskraft abverlangt“. Um sie zu entwickeln, sei es nötig, Erfahrungen zu machen, und dafür brauche es wieder mehr Spielräume in allen Lebensbereichen, gerade in der Kindheit, die zunehmend verplant wird.
Auch Politik droht zum Fragebogen zu verkommen, wenn Politikerinnen stumpf ankreuzen sollen „trifft zu“ oder „trifft nicht zu“. Taurus liefern ja-nein, Impfpflicht ja-nein. Darin sieht Rosa die „radikal konstellative…Reduktion des Handlungshorizontes“, der auch in der Pflege beobachtbar sei: Wie am Fließband arbeiten Pflegekräfte sogenannte „Leistungskomplexe“ ab, und die Katze des Pflegebedürftigen zu füttern steht nicht auf dem Zettel, sie müsste regelkonform verhungern.
Kein Wunder, findet Rosa, dass Erschöpfung um sich greift. Ursächlich für Burnout wäre demnach nicht zu viel Arbeit, sondern zu wenig Handeln, weil man ohne Ermessensspielräume frustriert, wütend, depressiv werde. Der Verlust von Spielräumen motiviere rechtspopulistische Bewegungen: „Wenn Rechtspopulisten heute rufen ‚Take Back Control‘, ,Make America Great Again‘ oder ,Wir sind das Volk!‘, dann mag dahinter unbewusst auch die Sehnsucht nach Handlungsfähigkeit stehen“.
Dabei weiß Rosa, dass modernes Leben „ohne die formalisierte, konstellative Reduktion von Komplexität, also ohne Bürokratie und Technik (…) schlechterdings nicht denkbar“ wäre. Er redet nicht der Willkür das Wort, sondern denkt situative Handlungsspielräume als „Komplementär- und Balancekonzepte“, die „die progressive Eliminierung von Spielräumen“ verhindern und neuer Knechtschaft à la „Mir sind die Hände gebunden“, „Vorschrift ist Vorschrift“, „Wenn das jeder täte“, „Die Technik erlaubt das nicht“ vorbeugen.
Rosa unterliegt selbst der binären Versuchung
Wenn Menschen jedoch nach Gebrauchsanweisung leben, wenn „alle Legoschiffe (bauen)“, gibt es perfekte Produkte – und keinen Spielraum. Regelfetischismus und ellenlange To-Do-Listen ersticken nicht nur Engagement und Kreativität, sondern auch Solidarität und Mut. Wo jedes Handeln auf eigene Kappe sanktioniert wird, verlieren Menschen die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, zumal bei jedem Fehler, etwa im Bau- oder Gesundheitswesen, geklagt wird, „und die Gerichte sind dann gezwungen, konstellative Klarheit zu schaffen“. Ängste und eine Unkultur des Misstrauens breiten sich aus.
Der „Hermeneutik des Verdachts“ setzt Rosa eine „Hermeneutik des Zutrauens“ entgegen, Vertrauen denkt er als „Ressource“. Mitunter schießt der Autor bei seinem, wie er es nennt, „Parforceritt durch alle möglichen Handlungskontexte“ übers Ziel hinaus und erliegt selbst der binären Versuchung, etwa wenn er Ampeln als konstellativ kritisiert oder zentral organisierte Feuerwerke denunziert als „passives ästhetisches Mitvollziehen“.
Die alten Konfliktlinien zwischen Sicherheit und Freiheit werden auch hier nicht zu Ende gedacht – zum Glück. Rosa liefert keinen fertigen Denkbausatz, sondern Bausteine zum Weiterdenken. So öffnen sich Spielräume, auch auf die Gefahr hin, „im Sinne neoliberaler Interessen“ missverstanden zu werden.
Situation und Konstellation Hartmut Rosa Suhrkamp 2026, 247 S., 25 €