Soziologe: „Die Haftbefehl-Doku folgt jener Hip-Hop-Logik einer Männerwelt“
Ein Zug ins linke Nasenloch, ein Zug ins rechte Nasenloch: Netflix zeigt eine Dokumentation über den Rapper Haftbefehl, sein Aufwachsen und seine schweren gesundheitlichen Probleme. Die Veröffentlichung bewegt viele Menschen und sorgt für hohe Klickzahlen. Auch der Arbeitssoziologe Martin Seeliger, Autor des Buches Soziologie des Gangstarap. Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte, hat sie gesehen. Mit der Freitag sprach er über Leerstellen der Doku, die Bedeutung von Haftbefehl und die Rolle, die Gangsta-Rap in Zeiten von „Stadtbild“-Debatten und Faschisierung spielen kann.
der Freitag: Herr Seeliger, Sie haben kürzlich die Dokumentation über Aykut Anhan aka den Rapper Haftbefehl gesehen. Wie ging es Ihnen dabei?
Martin Seeliger: Ich hatte mich wirklich auf die Doku gefreut und sie mir abends im Feierabend angesehen. Am Ende war sie dann doch anders, als ich sie mir vorgestellt – und ehrlich gesagt auch gewünscht – hatte.
Was meinen Sie?
Die Dokumentation konzentriert sich stark auf die persönliche Ebene – auf die innere Zerrissenheit eines Mannes zwischen Familie und Drogensucht. Stattdessen hätte ich gern mehr darüber erfahren, wie Haftbefehl in den 1990er und 2000er Jahren in Offenbach aufgewachsen ist – wie das Leben dort aussah, welche Rolle der Schwarzmarkt spielte, welches Umfeld ihn geprägt und wie sich die Musik damals angefühlt hat. Darüber erfahren wir wenig. Die Dokumentation lebt stattdessen von erschütternden Momenten, die auf Schock ausgelegt sind. Es ist natürlich wiederum das Recht von Haftbefehl, seine Geschichte so zu erzählen. Eine Bekannte hatte mich dafür kritisiert, dass ich mir als weißes, privilegiertes Bürgerkind eine soziologische Untersuchung gewünscht habe und nun unzufrieden bin, weil ich sie nicht bekommen habe. Ob es ein gutes Biopic ist, sollen andere beurteilen.
Die Dokumentation scheint dennoch sehr viele Menschen zu bewegen. Woran liegt das?
Haftbefehl ist für das deutsche Bürgertum interessant, weil er eine glaubwürdige Straßengeschichte erzählt und dabei auf kulturell versierte Art mit Sprache spielt. Gleichzeitig ist er durch seine Aggressivität und Authentizität auch eine Identifikationsfläche für migrantische, prekäre Jugendliche. Er kann beide Seiten ansprechen, ohne sich dabei verbiegen zu müssen. Das macht ihn erfolgreich – und wie wir gesehen haben, auch kaputt. Er kommt offensichtlich nicht mit seinem Leben zurecht und hat sich die Nase weggekokst.
Sie haben die teils voyeuristischen Schockmomente angesprochen. Was war Ihr Eindruck dieser Bilder?
Der gezeigte Drogenkonsum wirkt tatsächlich echt, aber die Darstellung bleibt oberflächlich. Zur Erklärung hat die Dokumentation auf das Fernbleiben und den Suizid des Vaters von Haftbefehl verwiesen – und auch das ist sicherlich nicht falsch. Zum Verständnis solcher Szenen gehört aber schließlich mehr: das soziale Umfeld, die Orte, an denen konsumiert wird, das Milieu, mit dem man teilt. Das wurde gar nicht so sehr gezeigt, was ich schade fand. Letztlich geht es ja um ein reales Problem in unserer Gesellschaft – wir erleben aktuell einen Kokain-Hype in Deutschland.
Der gezeigte Drogenkonsum wirkt tatsächlich echt, aber die Darstellung bleibt oberflächlich
Ein anderer diskutierter Aspekt ist die Geschlechterrepräsentation. Im Film kommt vor allem Nina Anhan, die Partnerin von Haftbefehl, zu Wort. Was ist ihr Eindruck?
Die Dokumentation folgt weitgehend der traditionellen Hip-Hop-Logik einer Männerwelt, in der Männer über Männer sprechen. Diese Struktur hat das Genre lange geprägt, verliert heute aber zunehmend an Bedeutung. Frauen haben mittlerweile eine neue Präsenz im Hip-Hop gewonnen – eine begrüßenswerte und schöne Entwicklung.
Sie sprechen davon, dass sie gern mehr von den konkreten sozialen Verhältnissen gesehen hätten, in denen Haftbefehl lebt. Wie stark ist der Aspekt in der Doku aus Ihrer Sicht ausgeprägt?
Es wurden schon bestimmte soziale Erfahrungen transportiert. Und es gibt auch politisch fortschrittliche Momente: Wenn Haftbefehl als verletzlicher Mann gezeigt wird, ist das ungewöhnlich. Auch das Aufzeigen der Folgen, die Vaterlosigkeit für die eigene Biografie haben kann, ist interessant. Gleichzeitig ist Haftbefehl ja auch ein Gangsta-Rapper und für diese Inszenierung muss man bestimmte Gangsta-Geschichten erzählen, sonst ergibt das keinen Sinn. Der Rapper MC René hatte auf Facebook zur Dokumentation geschrieben: „Wir sind alle Teil der Maschine, die Echtheit in Content verwandelt.“
Wir sind alle Teil der Maschine, die Echtheit in Content verwandelt
Das trifft es ganz gut. Dennoch hätte man auf ein paar Redundanzen, Allgemeinplätze und Huldigungen anderer Rapper verzichten können und dafür mehr über den Alltag im migrantischen Milieu, Integrationsdruck und Fremdheitserfahrungen sprechen können. Da wäre mehr möglich gewesen. Es war halt eher ein Mainstream-Format, das einen Gangsta-Rapper in Szene gesetzt hat. Mit Elyas M’Barek als Produzent überrascht das auch nicht so sehr.
Andere Rapper fallen gerade stärker mit politischen Statements auf: Ekrem Bora aka Eko Fresh hat kürzlich Kanzler Friedrich Merz für seine rassistischen „Stadtbild“-Aussagen kritisiert und den Track „Friedrich“ veröffentlicht.
Eko Fresh ist schon immer eher Typ Klassensprecher, oder? Ich meine das gar nicht despektierlich, ganz im Gegenteil. Der macht seinen Job super, den Deutschen Integration zu erklären und sich dabei auf unheimlich konstruktive und zugängliche Art zu Wort zu melden. Er kann da mit den Deutschen völlig normal diskutieren – Haftbefehl würde eher rappen, dass er jemanden eine Kugel durch den Schädel knallt. Das sind zwei unterschiedliche Ausdrucksformen für dasselbe Thema.
Welche Bedeutung hat die „Stadtbild“-Debatte für die Rapper in Deutschland?
Die Rap-Szene bekommt das natürlich alles mit. Gleichzeitig lebt sie auch von dem Stereotyp, eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, für die Allgemeinheit zu sein. Gangsta-Rapper schlagen daraus Kapital – sie brauchen das Skandalöse, die rassistischen Diskurse, um ihren Schockeffekt erzielen zu können. Dass sie als Privatmenschen die Darstellungen und Stigmatisierungen gut finden, glaube ich nicht. Was wir objektiv erleben, ist ein rechter Kulturkampf – und der beschäftigt die Menschen.
Wird der Gangsta-Rap dadurch politischer?
Ich glaube ehrlich gesagt nicht. Es gibt ja politische Rapper, Megaloh, Hanybal oder Disastar etwa. Auch der Krieg in Gaza hatte bei einigen Künstler*innen eine gewisse Rolle gespielt, aber auch nicht sehr stark. Im Kleinen hat sich die Szene politisiert – der Großteil hat das jedoch nicht gemacht. Hier erwarte ich auch keine großen Veränderungen. Wir erleben derzeit womöglich den Beginn einer Faschisierung der Gesellschaft. Gangsta-Rap leistet aktuell keinen Beitrag, um das aufzuhalten.
Welche Rolle spielt er dann in einer anlaufenden Faschisierung?
Durch Rap fühlen sich Menschen empowert. Er hilft dabei, dass sie stolz, aufrecht und souverän durchs Leben gehen können, weil sie Identifikationsangebote bekommen. Das sind subjektive Bewältigungsmechanismen – sie führen jedoch nicht zu einem politischen, organisierten Handeln. Alles findet auf einer individuellen Ebene statt.
Warum ist die Gangsta-Erzählung für viele Künstler*innen naheliegender als eine klare politische Positionierung?
Gewerkschaften und linke Parteien haben in Deutschland keine Erfolgsgeschichte beim Versuch, die migrantische Arbeiter*innenklasse zu organisieren. Viele Rapper, die ja die Kinder dieser Klasse sind, haben nicht zu Unrecht den Eindruck, dass sie dort eigentlich unerwünscht sind. Hip-Hop und der Schwarzmarkt werden so zu individualistischen Strategien. Wo kollektive Strukturen fehlen, achtet man auf sich selbst. Der Soziologe Pierre Bourdieu argumentierte: Um politisch und vorausschauend denken zu können, muss man zuerst dem alltäglichen Überlebenskampf entkommen. Das zeigt, denke ich, gut auf, worauf es ankommt.