Soziale Ungleichheit: Wir sollen Superreiche endlich stärker mit einer Steuer belegen

Ein neuer Oxfam-Bericht versetzt einer ohnehin
düsteren Entwicklung den nächsten Schlag: Ein kleiner Kreis Superreicher
verzeichnet binnen zwölf Monaten enorme Zugewinne – während Millionen weiter
abrutschen. Inzwischen kontrolliert das reichste Prozent weltweit mehr Vermögen
als die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. Das ist kein Randphänomen,
sondern Ausdruck einer Dynamik, in der Vermögen immer schneller aus sich selbst
heraus wächst – und große Teile der Gesellschaft kaum noch Chancen auf eigenen
Kapitalaufbau haben.

Auch in Deutschland
zeigt sich dieses Muster in besonderer Schärfe. Seit vielen Jahren gehört die
Bundesrepublik zu den Ländern mit der höchsten Vermögensungleichheit in Europa.
Die reichsten zehn Prozent der Haushalte halten zwei Drittel des Nettovermögens; die untere Hälfte der Bevölkerung kommt zusammen
gerade einmal auf ein Prozent. Besonders alarmierend: Nahezu dreißig
Prozent der Haushalte besitzen keinerlei Vermögen – viele sind sogar
überschuldet. Ihnen fehlen nicht nur finanzielle Rücklagen, sondern auch jede
reale Chance auf eine stabile wirtschaftliche Perspektive.

Anders als in vielen anderen
Industrieländern hängt Vermögen hierzulande stark vom Zufall der Geburt ab, da
große Vermögensbestände vor allem über Erbschaften weitergegeben werden. Mehr
als die Hälfte des gesamten privaten Vermögens wurde geerbt, nicht selbst
erarbeitet. Dies gilt noch stärker für die Hochvermögenden. Die strukturelle
Ungleichheit wird dadurch zementiert, statt im Laufe einer Lebensarbeitszeit
ausgeglichen werden zu können.

Die Ursachen liegen in politischem Gestaltungsversagen und
verzerrten Anreizen: Kaum ein anderes Land belastet Arbeit so hoch und Vermögen
so niedrig wie Deutschland. Kapital und große Vermögen tragen vergleichsweise
wenig zum Gemeinwohl bei. Zugleich bleibt der Zugang zu Immobilien – der
zentralen Vermögensbasis deutscher Haushalte – für viele unerreichbar.

Zudem fällt die öffentliche
Förderung von Vermögensaufbau gering aus und kommt häufig gerade jenen zugute,
die ohnehin über hohe Einkommen verfügen. Die Folge ist eine Spaltung, bei der
Kapital aus Renditen und Immobilienwertsteigerungen rascher wächst als
Arbeitseinkommen, und zwar selbst dann, wenn Menschen hart arbeiten. So sind
die Vermögen der Superreichen im vergangenen Jahr um 16,5 Prozent angewachsen, zeigen
die Berechnungen von Oxfam – das ist ein vielfach höheres Wachstum als für die
meisten Arbeitseinkommen.

Ungleichheit befeuert Radikalisierung

Die Folgen reichen weit über
individuelle Chancenungleichheiten hinaus. Ökonomisch führt die hohe
Konzentration von Vermögen zu einer ineffizienten Nutzung von Kapital.
Vermögensarme Haushalte können kaum in Bildung, berufliche Weiterbildung oder
selbstständige Tätigkeit investieren. Das hemmt Innovation, Produktivität und
die gesamtwirtschaftliche Dynamik. 

Dabei sind Gesellschaften mit breiter
verteiltem Vermögen resilienter, investieren mehr und sie können ihre soziale
Marktwirtschaft besser verwirklichen. In Deutschland hingegen führt die
Vermögensarmut großer Bevölkerungsteile zu einer chronischen Unterinvestition
in menschliches Kapital und privates Eigentum – beides Säulen langfristigen
Wachstums.

Doch die wirtschaftlichen Risiken
sind nur ein Teil des Problems. Gesellschaftlich befeuert Vermögensungleichheit
Polarisierung und Misstrauen. Wer das Gefühl hat, trotz Arbeit nicht
voranzukommen, verliert Vertrauen in staatliche Institutionen und demokratische
Verfahren. Der Aufschwung populistischer Bewegungen geht in vielen
Ländern Hand in Hand mit wachsenden sozialen Ungleichheiten. 

Extreme Ungleichheit schwächt demokratische Systeme
zudem unmittelbar, weil wirtschaftliche Macht politischen Einfluss verstärkt
und gesellschaftliche Fairness zunehmend infrage gestellt wird. Wenn ein
erheblicher Teil der Bevölkerung weder Vermögen aufbauen noch am Wachstum des
wirtschaftlichen Wohlstands teilhaben kann, entsteht ein gefährlicher Nährboden
für politische Radikalisierung.

Die Oxfam-Ergebnisse verdeutlichen, dass nur ein
entschlossenes politisches Umsteuern Abhilfe schaffen kann. Eine Schlüsselrolle spielt dabei eine grundlegende Neuordnung der
Steuerpolitik
– national wie global. International bieten die
jüngst diskutierten Vorschläge einer Mindestbesteuerung großer Vermögen – etwa
das sogenannte Zucman-Modell, also einer globalen Steuer von zwei Prozent pro
Jahr auf Vermögen von mehr als 100 Millionen US-Dollar – einen wichtigen
Schritt, um Steuervermeidung durch Vermögensverlagerung einzudämmen. So könnte ein fairerer Beitrag sehr großer Vermögen zur Finanzierung öffentlicher Güter
sichergestellt werden. Globale Zusammenarbeit ist
unverzichtbar: Kapital ist mobil, und nationale Alleingänge verlieren in der
globalisierten Wirtschaft rasch an Wirkung.

Ein Weckruf für die Politik

Deutschland muss diesen Weg
konsequent unterstützen und zugleich sein eigenes Steuersystem modernisieren.
Die Besteuerung von Arbeit sollte deutlich reduziert, die Besteuerung großer
Vermögen, Kapitalerträge und Erbschaften hingegen angemessen gestärkt werden.
Eine gerechte Erfassung großer Immobilienwerte, eine Reform der Erbschaftsteuer
und die konsequente Einbeziehung hoher Kapitalgewinne sind zentrale Elemente
einer solchen Reform. Dadurch könnten nicht nur staatliche Einnahmen
stabilisiert, sondern auch ein fairerer Wettbewerb zwischen Arbeit und Kapital
hergestellt werden.

Ebenso wichtig sind konkrete Schritte, die breite
Bevölkerungsschichten beim Vermögensaufbau unterstützen. Dazu zählen sichere,
kapitalgedeckte Vorsorge, gezielte Hilfen für kleine und mittlere Einkommen
beim Ansparen, Investitionen in bezahlbaren Wohnraum sowie ein besserer Zugang
zu Bildung und Qualifizierung. Ein inklusiver Arbeitsmarkt, der
auch Menschen mit geringeren Startchancen ermöglicht, stabile Erwerbsbiografien
aufzubauen, bleibt ein zentraler Baustein jeder vermögenspolitischen Strategie.

Schließlich trägt Deutschland
auch international Verantwortung. Eine engagierte Entwicklungszusammenarbeit,
faire Handelsbeziehungen und die Stärkung multilateraler Institutionen sind
notwendig, um globale Ungleichheit zu reduzieren und Hunger sowie extreme Armut
nachhaltig zu bekämpfen. Oxfam weist seit Jahren darauf hin, dass strukturelle
Notlagen im Globalen Süden nur durch langfristige Investitionen in
Ernährungssicherheit, Bildung, Gesundheit und wirtschaftliche Teilhabe
überwunden werden können.

Ungleichheit
ist keine naturgegebene Tatsache, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen.
Sie kann daher auch durch politische Entscheidungen überwunden werden.

Die Befunde sind ein Weckruf: Ein System, das Wohlstand bündelt, sägt an
seinem eigenen Ast. Gerecht verteilte Chancen und Vermögen sind kein Zierwerk,
sondern die Voraussetzung für Stabilität, Stärke – und eine lebendige Demokratie.