So treibt die Kirche Menschen in die Radikalisierung

Sollte Differenziertheit die Zärtlichkeit des Denkens sein, wäre die Führung der rheinischen Protestanten ein Klub der Grobiane. Dieses Urteil legte die zweitgrößte Landeskirche Deutschlands jüngst nahe, als sie einen Warnruf gegen einen rechts-christlichen Nationalismus verkündete. Mit dieser Erklärung schlugen die Kirchenfunktionäre die Verheißungen der Differenziertheit leider aus – also die Chance, Feindbilder aufzulockern, Brücken zu bauen und die Menschheit nicht auf verfeindete Weltanschauungslager zu reduzieren.

Dabei ist das Anliegen der Protestanten zunächst respektabel. Ihnen dreht sich der Magen um, wenn sich US-Präsident Trump und seine nationalistischen Gefolgsleute auf Jesus berufen, während sie Feindbilder schüren und demokratische Institutionen schleifen. Das wollen die hiesigen Protestanten nicht auf Jesus sitzen lassen. Weshalb sie sich davon distanzieren. Wem es aber allein um maximale Distanzierung geht, der wird schnell ein wenig grob.

Migrationskritik gleich Migrationsfeindschaft?

So beklagt die Synode, rechte Christen missbrauchten den Glauben „zur Legitimation für Nationalismus, imperiale Machtpolitik und Migrationsfeindlichkeit“. Recht gesprochen! Nationalegoismus ist unchristlich. Und „Migrationsfeindlichkeit“ ist jedenfalls schädlich. Die kann sich unser Land nicht leisten, weil eine derartige Feindlichkeit schnell von der Migration auf die Migranten überschwappt. Und da demnächst knapp 50 Prozent unserer Kinder und Jugendlichen Migrationshintergrund besitzen werden, liefe das auf Feindschaft gegen unsere Zukunft hinaus.

Das Erstaunliche ist nur: Obwohl eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Migration, wie sie stattgefunden hat, seit Jahren für ein Problem hält, taucht Migration in der Erklärung der Synode nur in einer einzigen verbalen Einkleidung auf: als illegitime „Migrationsfeindlichkeit“. Warum nutzten die Kirchenfunktionäre nicht die Gelegenheit für ein bisschen Differenzierung und grenzten illegitime Feindlichkeit von legitimer Kritik ab? Sie wissen doch um die Stimmung im Volk!

Trotzdem erscheinen Vorbehalte gegenüber Migration dort ausschließlich in ihrer unchristlichen Variante. Die suggerierte Botschaft: Entweder kein kritisches Wort zum Thema Migration oder man ist unchristlich-rechts. So treibt man Menschen in die Radikalisierung – indem man den Anschein einer Entweder-oder-Dichotomie erweckt. Damit schaufelt die Landeskirche in genau dem Graben der Polarisierung herum, dessen Tiefe sie stets betrauert.

Sorge vor kulturellen Konflikten? Muss rassistisch sein!

Nächstes Beispiel: Die Kirche warnt, es werde von christlichen Nationalisten „ein rassistischer Kampf der Kulturen behauptet“. Selbstverständlich mahnt sie zu Recht. Wer Kulturen als rassisch begründet versteht und diese in einem Überlebenskampf der Rassen sieht, verkündet eine ideologische Pest. Und ganz gewiss sollten wir uns nach Kräften bemühen, vom Gegeneinander zum Miteinander der Kulturen und Religionen zu kommen. Aber: Die Möglichkeit, dass man einen Kampf der Kulturen auch ohne jede Nähe zu Rassismus für plausibel halten kann, kommt bei den Autoren einfach nicht vor. Der Text legt nahe, ein Kampf der Kulturen sei nur in rassistischer Variante denkbar. Wer solch einen Kampf für wahrscheinlich halte, sei also zumindest rassismusaffin.

Auch hier unterschlagen die Kirchenoberen Bedeutsames: Natürlich gibt es Denker, die von einem Konflikt kultureller Gruppen ausgehen (oder ihn für möglich halten), der aber rein gar nichts mit rassischen Kategorien zu tun hat. Der konservative US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington zum Beispiel, der den Begriff einst prägte, betonte stets, diese Auseinandersetzung habe keinerlei biologische, rassische Dimension.Warum üben sich die Christen nicht in der Kunst, Dichotomien zu sprengen, anstatt sie zu zementieren? Wäre das nicht im Geiste Jesu?

Vorbehalte gegenüber sexueller Vielfalt? Reaktionär!

Wer Debatten entgiften möchte, muss aufhören, Menschen als Rassisten zu denunzieren, nur weil diese einen Kampf der Kulturen fürchten. Wieso ist das so schwer zu verstehen? In vielen Kirchen werden doch Kurse in achtsamer Kommunikation angeboten. Ein Prinzip derselben besteht darin, das Gegenüber niemals abzuwerten, weil es dann eine Kampfhaltung einnimmt und der rationale Austausch endet. Bei den Kirchenoberen ist das nicht angekommen.

Nach dem Entweder-oder-Grobschema verfahren sie auch anderswo. So empört sich die Synode, christliche Rechtsnationalisten pflegten eine „Feindschaft gegenüber sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“, sie missbrauchten das Christentum „zur Rechtfertigung reaktionärer Wertvorstellungen“. Klar: Man darf Menschen nicht hassen, nur weil sie sich nonbinär nennen oder weil sie ihr Geschlecht gewechselt haben. Aber: Viele Aspekte der Trans-Bewegung sind zurecht umstritten, etwa die bisweilen fatal-voreilige Bereitschaft, jungen Menschen unwiederbringlich ihre Geschlechtsmerkmale wegzuoperieren – was so einige später bereuten.

Doch punktuelle Kritik am Siegeszug der sexuellen Vielfalt kommt im Weltbild der Synodalen anscheinend nicht vor. Sie kennen nur reaktionäre „Feindschaft“ – als existierte nicht auch eine nicht feindselige, fürsorgliche Kritik. Doch wer es differenzierter mag und Schwarz-Weiß-Malerei nicht schätzt, für den gibt es offenbar kaum Raum in dieser Kirche – so signalisieren zumindest ihre Verlautbarungen.

Zu Besuch in Orwells Wahrheitsministerium

Allen Ernstes beteuern die Synodalen zudem, in ihrem Kampf gegen „reaktionäre Werte“ und für sexuelle Vielfalt stünden sie „in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung“ von 1934. Das mutet beinahe skurril an. 1934 fanden sich in Barmen mutige Christen zusammen, um gegen ein nationalsozialistisch verseuchtes Schein-Christentum öffentlich zu protestieren. Sie wagten es, sich mit einer Diktatur anzulegen. Ganz gewiss aber waren die führenden Köpfe von Barmen seinerzeit keine Regenbogenaktivisten. Homosexualität verurteilten sie als widernatürlich (so Karl Barth auch später noch in seiner „Dogmatik“). Sie galt als Verstoß gegen die göttliche Schöpfungsordnung.

Natürlich verloren sie kein Wort über Non-Binäre oder Trans-Menschen, was zu jener Zeit undenkbar gewesen wäre. Aber was hätten sie wohl zu einem Rechtsanspruch 14‑Jähriger auf Geschlechtsänderung gesagt? Heutige Protestanten können selbstverständlich bekennen, was sie wollen. Aber ihre Tradition kurz und klein zu häckseln, bis sie passt – das erinnert fast schon an die Geschichtsumschreiber in Orwells Wahrheitsministerium. Oder beginnt dieser Text nun auch zu polarisieren?

Source: welt.de