So mörderisch können Kindersendungen sein

Wir müssen leider wieder einmal eine Warnung vorausschicken: Sollten Sie noch an die Maus glauben und den Elefanten, an Ernie und Bert, Tinky-Winky und Po und daran, dass sie alle so unschuldig sind wie das Christkind und der Osterhase, empfiehlt es sich vielleicht, etwas anderes lesen.

Vor allem aber sollten Sie auf gar keinen Fall „Showtime“ anschalten. Das ist der neue Kölner „Tatort“. Der etabliert sich allmählich als Entzauberungsmaschine. Schenk und Ballauf, die Kommissare, werden in ihrem schon fast methusalemischen Alter in eine Traumfabrik nach der anderen geschickt. Um zu beweisen, dass deren Maschinen vor allem mit dem Blut ihrer Angestellten betrieben werden.

Für den Beweis der Toxizität der Oper – in der Folge „Die Jahreszeiten“ – mussten die Kölner Kommissare noch auf der anderen Rheinseite beziehungsweise im Zentrum der Domstadt ermitteln; diesmal können sie auf dem „Tatort“-Produktionsgelände bleiben. Eine Halle entfernt auf der labyrinthischen Anlage wird – so will es das genialische „Showtime“-Drehbuch von Arne Nolting und Jan Martin Scharf – „Sachen und Lachen“ gedreht, eine legendäre Kindersendung, deren Titellied einer der Kommissare noch immer auswendig kann.

Held dieser Sendung ist der Frank, Frank Anders mit vollständigem Namen (die Namen in „Showtime“ sind sprechend). Frank erklärt Kindern die Welt wie eine Kreuzung aus Armin Maiwald und Peter Lustig. Er trägt Knickerbocker und merkwürdige Mützen. Um Gerechtigkeit geht es ihm am Anfang und warum die so wichtig ist. Ein bunter Tapir schmeißt mit Torte. Es gewittert hinter den Kulissen, was sehr symbolisch ist. Überhaupt ist die Exposition dieses Falles mustergültig: Wer wichtig wird, kommt vor. Warum er wichtig wird, auch. Alles ist sehr schön bunt in der Sendung. Trotzdem ahnt man (Gewitter!) das Schlimmste.

Der Happy muss sterben

Der eigentliche Kriminalfall ist dann verhältnismäßig simpel. Stefan Glück, den sie alle Happy nennen, ist der Kameramann vom Frank und seit der ersten Sendung dabei, wie sich später herausstellt. Man sieht ihn bei der Arbeit. Dann sieht man ihn Autofahren. Hört ihn Geld erpressen. Das braucht er auf der Rennbahn.

Als säße man im Regie- und Schneideraum von „Sachen und Lachen“ teilt Regisseurin Isabell Suba den Bildschirm. Mit dem Splitscreen rhythmisiert Suba, die schon in „King of Stonks“ und der „König von Palma“ ihr Talent für fiese und lustige Lach- und Sachgeschichten bewiesen hat, die Ermittlungen, zerlegt die Charaktere wie die Gesichter und die Szenen.

Dann macht sich Kameramann Happy ein Chili in der Mikrowelle heiß, das er aber nicht mehr essen kann, weil das Chili verbrutzelt, während Happys Leiche im Kofferraum verbrennt. Das wird direkt hintereinander geschnitten. Hatten wir schon mal erwähnt, dass alles in „Showtime“ sehr symbolisch ist?

Es brennt jedenfalls im Studio. Das weiß jeder, der da arbeitet, bevor die Kölner Kommissare sich auf dem Gelände der Bavaria Studios das erste Mal verlaufen. Die heile Familie, die Frank und Caro, seine Frau und Stichwortgeberin, den Kindern vorspielen, grillt über einem Schwelbrand.

Hin und wieder sprengselt Suba Szenen aus einem Kinderheim ein und von Marianne, die sanft autistisch wippend mit einem Kuscheltier vor dem Fernseher sitzt und dem Frank an den Lippen hängt. Sie ist Fan und nicht mehr allein, wenn der Frank da ist. Sie macht auch ein Video und will sich bewerben. Der Frank und der Happy würden dann kommen und der ganzen Welt zeigen, was sie alles kann. Sie kommen aber nicht, weil der Frank halt anders ist, als er scheint. Er ist ein Tyrann. Ein Choleriker. Ein Menschenfeind.

Der Kinski-Parodist ist Anders

Jetzt müssen wir zu Max Giermann kommen. Der ist der begabteste aller Kinski-Parodisten und in „Showtime“ spielt er den Frank. Und man hätte keinen besseren finden können für diese Rolle. Für diesen Jekyll-Hyde-Typ, dessen Falschheit man zwar ahnt, wenn er der Fernsehfrank ist, von dessen Dämonie man aber dennoch ein ums andere Mal überrascht wird, wenn sie hervorbricht hinter den Kulissen oder in der Sekunde, in der die Kameras aus sind. Diese Falschheit bricht wie ein Gewitter alle paar Minuten hervor.

Das ganze verwirrende Gängelabyrinth des Studios, die komplizierte Konstruktion von Schicksalen, die mittelbar abhängig waren vom Frank, ist voll von Verdächtigen, denen man jeweils mildernde Umstände zubilligen würde. Zumindest für den Mord an Frank. Der liegt nämlich nach nicht allzu langer Zeit neben seinem blutverschmierten Haarteil am Fuß einer verkommenen (Vorsicht: Symbol) Traumvilla am Rhein.

Von Schein und Sein handelt „Showtime“, vom potenziell tödlichen Ende einer Illusion, vom Verrat an Kinderseelen, von der vergeblichen und verzweifelten Flucht in eine Welt, die so bunt ist wie giftig. Und von toxischen (versprochen: wir benutzen das Wort in den kommenden fünf Wochen nicht mehr) Arbeitsverhältnissen auch im Kölner Kommissariat. Zum üblichen Problembär-„Tatort“ wird das Ganze – auch wegen der Kommissare, die selbstironisch und seltsam schwerelos ihrem gefühlt fünften Frühling entgegenzugehen scheinen – aber nie. „Showtime“ ist lustig und böse und leicht und todtraurig. Ein „Tatort“, der das Zeug zum Klassiker hat.

„Showtime“, der neue „Tatort“ aus Köln, ist am 12. April um 20 Uhr 15 im linearen Programm der Ersten und auch in der Mediathek der ARD zu sehen.

Source: welt.de