So geht es Pflanzen und Tieren zum Frühlingsanfang
Auf den vielerorts bitterkalten Winter folgte rasant Frühjahrsstimmung – mit bis zu 20 Grad Anfang März. Dabei beginnt der Frühling offiziell erst heute. Bringt das Pflanzen und Tiere aus dem Takt?
Anfang März hielt der Frühling Einzug – zumindest gefühlt. In Teilen Deutschlands wurde es zu Beginn des Monats bis zu 20 Grad warm. Die für diese Jahreszeit hohen Temperaturen und viele sonnige Tage weckten die Natur im Nu. Kalendarischer Frühlingsanfang ist in diesem Jahr aber erst heute.
„Dass die Temperaturen Anfang März so hoch waren, war sehr ungewöhnlich“, sagt Meteorologe Tim Staeger aus dem ARD-Wetterkompetenzzentrum. Er und seine Kollegen nutzen einen Referenzwert, um das aktuelle Wetter zu vergleichen: die sogenannte Klimanormalperiode. Sie beschreibt den Durchschnitt von Daten zu Temperaturen, Sonnenschein, Wind & Co. über 30 Jahre. Meteorologen beziehen sich heute standardmäßig auf die Zeit zwischen 1991 und 2020. Im Vergleich mit Mittelwerten aus dieser Zeit schätzen sie ein, ob ein Monat oder ein Jahr besonders warm oder kalt oder zum Beispiel besonders trocken war. Der Blick auf die Daten zeigt Staeger zufolge: Der März dieses Jahres war bislang gut zwei Grad wärmer als der Schnitt.
Tage ab jetzt länger und wärmer
Am Datum des kalendarischen Frühlingsanfangs ändert das nichts. Er orientiert sich nicht an Temperaturen, sondern am Stand der Sonne. Deshalb wird er auch astronomischer Frühlingsanfang genannt. Steht die Sonne exakt senkrecht über dem Äquator, sind Tag und Nacht weltweit nahezu gleich lang, wie Staeger erklärt. Der Zenit der Sonne wandere anschließend von Süden nach Norden. Auf der Nordhalbkugel der Erde, auf der auch Deutschland liegt, würden die Tage von nun an länger. Der Tag der sogenannten Tagundnachtgleiche markiert deshalb den kalendarischen Frühlingsanfang.
„Mit jedem Tag werden die Tage bei uns aktuell etwa vier Minuten länger“, sagt Staeger. Dass die Temperaturen steigen, liege daran, dass die Sonne jeden Tag etwas höher am Himmel steht. Denn je senkrechter die Sonne stehe, desto kürzer sei der Weg der Sonnenstrahlen bis zur Erdoberfläche. Die Strahlung werde intensiver.
Gelb blühende Forsythien läuten den Frühling ein
Das spürt auch die Natur. So blühen etwa seit einigen Tagen die Forsythien leuchtend gelb. Nach dem phänologischen Kalender hat der Frühling damit besonders zeitig begonnen. „Etwa acht Tage früher als im Schnitt“, sagt Meteorologe Staeger. Denn normalerweise ließen die Blüten der Forsythie um diese Jahreszeit noch etwas auf sich warten. Weil der phänologische Kalender sich an den Entwicklungsstadien von Pflanzen orientiert, hätten die Sträucher am 16. März in diesem Jahr verfrüht den sogenannten Erstfrühling eingeleitet.
Das Blühen der Forsythien markiert eine der ersten Frühlingsphasen – in diesem Jahr öffneten sich die gelben Blüten besonders früh.
Helge May vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) weiß, woher der Vorsprung der Forsythien kommt: Die Pflanzenwelt konnte sich in diesem Jahr ungestört entwickeln. Denn neben den verhältnismäßig hohen Temperaturen zähle für die Pflanzen auch, wie beständig das Wetter sei. „Wenn es zwischendurch wieder kühler ist, verlangsamen Pflanzen ihre Entwicklung“, sagt May. „Anfang März gab es aber nur wenig Auf und Ab.“
Pflanzen entwickeln Knospen, Triebe und Blätter
Steigende Temperaturen und längere Tageslichtzeiten gäben den Pflanzen das Signal, ihre winterliche Ruhephase zu beenden. Die Energie des Lichts sei der Treibstoff für die Photosynthese der Pflanzen, sagt May. Dabei würden energiearme Moleküle wie Kohlendioxid und Wasser in energiereiche Zuckermoleküle umgewandelt, aus denen neue Pflanzenteile entstehen. Unter optimalen Lichtbedingungen treiben Blumen, Bäume & Co. im Frühling deshalb besonders schnell aus. Den Impuls für das Pflanzenwachstum im Frühling geben bestimmte Enzyme. Bei Wärme reichern sich diese an. Ist ein bestimmtes Enzymniveau erreicht, fällt der Startschuss für neue Blätter, Knospen und Blüten.
An Bäumen und Sträuchern entfalten sich die ersten Blätter. Licht und Wärme signalisieren ihnen: Jetzt ist Frühling.
Pollenflug von null auf hundert
Besonders zu spüren bekommen das diese Saison Allergiker. Wer Heuschnupfen hat, reagiert allergisch auf die Pollen windbestäubter Pflanzen. Im Frühjahr zu schaffen machen vor allem die feinen Staubkörner aus den Blüten von Hasel, Erle und Birke. Weil Januar und Februar in diesem Jahr lange kalt waren, sei Allergikern zunächst zwar viel erspart geblieben, sagt Allergologin Sylvia Brockhaus. „Aber dann ging es von null auf hundert.“ Bei einem gemächlicheren Temperaturanstieg hätte sich die Pollenbelastung besser verteilt. Wenn schnell viele Pollen auf einmal fliegen, seien Symptome einer Allergie oft stärker. „Sobald das Wetter schön wurde, ging es wahnsinnig los bei den Patienten“, berichtet Brockhaus.
Erste Igel gucken aus ihren Verstecken
Nicht nur die Pflanzenwelt reagiert auf das frühlingshafte Wetter. „Wenn die Tage länger und wärmer werden, gucken Igel schon mal aus ihren Verstecken, ob es etwas zu fressen gibt“, sagt Sylvia Ortmann. Sie ist Biologin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Igel müssten einige Monate im Energiesparmodus verbringen, denn im Winter fänden die Insektenfresser kein Futter. Insekten könnten ihre Körpertemperatur nicht selbst erhalten und verbrächten die kalte Jahreszeit in einer Winterstarre. Erst, wenn die Sonne ihre Verstecke in Böden, Laub und Ritzen erwärme, würden sie wieder aktiv, sagt Ortmann.
Ein warmer Märzanfang bedroht noch keine Populationen
Wird es draußen zu früh zu warm, besteht die Sorge, Igel könnten nicht genug Nahrung finden und verhungern. Doch Winterschlafforscherin Ortmann gibt Entwarnung: Ist das Angebot an Insekten noch mau, kehrten die Igel einfach in ihr Überwinterungsnest aus Zweigen und Laub zurück. Dort blieben sie weiter inaktiv. Zur Not begnügten sie sich auch mit etwas, das sonst eher nicht auf ihrem Speiseplan steht: Schnecken. „Wer ausgehungert ist, kann nicht wählerisch sein“, sagt Ortmann.
Nach und nach erwachen die Igel aus dem Winterschlaf. Bei wärmeren Temperaturen finden die Insektenfresser wieder Nahrung.
Zwar könnten einzelne Tiere tatsächlich verhungern. Eine gesamte Igelpopulation sei durch einen warmen Märzanfang aber nicht bedroht. „Für Tiere, die sich Millionen von Jahren an ihren Lebensraum angepasst haben, sind solche Abweichungen innerhalb des normalen Rauschens“, sagt Ortmann. Auch Fledermäuse sind pragmatisch: Wenn es den in Höhlen Winterschlaf haltenden Säugern am Höhleneingang zu warm werde, zögen sie sich eben weiter zurück ins Kühle.
Zugvögel kehren zurück und suchen Nahrung
Trotzdem könnten zu frühe Frühlinge die Tierwelt aus dem Takt bringen. Wärmt die Sonne zu früh zu stark, kann das etwa ein Problem für Zugvögel werden. Wie Igel sind sie angewiesen auf Insekten – als Nahrung für ihre Nachwuchs. Denn nach der Rückkehr aus dem Süden geht es für Zugvögel an Partnersuche, Nestbau und Brut. „Normalerweise gibt es genau dann ein großes Angebot an Insekten, wenn die Vogeleltern für ihre Jungen Futter beschaffen müssen“, sagt Ortmann. Kriechen und schwirren die Insekten zu früh, hilft das vielleicht voreilig aus dem Winterschlaf erwachten Igeln. Für Zugvögel bleibt der Biologin zufolge aber wenig übrig. Nahrungsketten könnten sich so verschieben. Langfristig kann das Arten bedrohen.
Zumindest Störche machen sich nach dem Winter ohnehin zeitig auf den Weg zurück in ihre deutschen Reviere. Im Rennen um die besten Brutplätze nehmen sie selbst kalte Temperaturen in Kauf.
Störche sind frühe Frühlingsboten. Einige der Zugvögel sind schon nach Deutschland zurückgekehrt.
Es bleibt frühlingshaft
Wirklich kalte Temperaturen, wie sie der März in manchen Jahren bereithielt, bleiben aber auch nach dem kalendarischen Frühlingsanfang offenbar erst einmal aus. Das kommt laut NABU auch den Pflanzen zugute: Junge Triebe, Blätter und Blüten seien immer weniger vor dem Erfrieren geschützt, je weiter sie sich ausbildeten.
Ein Winterrückfall oder strenger Nachtfrost sind mit Blick auf die nächsten Tage aber nicht in Sicht: „Es bleibt frühlingshaft“, sagt Meteorologe Tim Staeger. Die 20-Grad-Marke werde in der kommenden Woche in den meisten Regionen wohl nicht wieder geknackt. Dafür seien um den Frühlingsanfang theoretisch zwölf Sonnenstunden möglich. „Da kommen wir am 20. März nah heran“, sagt Staeger.
Source: tagesschau.de