Snapchat und welcher Louvre: Mehr Schein denn Sein

Es dauert einen Moment, bevor die Smartphone-Kamera sich justiert hat, dann fliegen auf dem Handybildschirm wie von einem digitalen Sturm erhoben, Steinbrocken um die antike Statue vor der Linse. Sekunden später sieht das fragmentierte Bildnis des altägyptischen Pharaos Echnaton wieder aus wie vor knapp dreieinhalb Jahrtausenden – oder so, wie Konservatoren des Louvre sich den unversehrten Zustand des Standbilds vorstellen. Die fehlenden Arme sind ergänzt, die königliche Haube sitzt, zuletzt überziehen kräftige Farben die Skulptur im Bild. Voilà, eines der sechs als „Unglaubliche unbekannte Werke des Louvre“ annoncierten Kunstobjekte, die das Museum in Kooperation mit Snapchat erlebbar macht: als Augmented Reality (AR).

Über den Blick auf die realen Gegenstände schiebt sich nach Scannen eines QR-Codes in der App die digitale Animation. Hans Holbeins – mitnichten unbekanntes – Porträt der Anna von Kleve, das dem tödlich fortpflanzungswütigen Heinrich VIII. eine geschönte Aussicht auf seine künftige vierte Ehefrau gewährte, zeigt sich im Schnelldurchlauf in rekonstruierten Stadien seiner Entstehung, von der Vorzeichnung bis zum fertigen Bild. Lässt man das Handy sinken, wird das Auge wieder frei für Holbeins meisterhaftes Spiel mit Naturalismus und stilisiertem Detailreichtum im Original von 1539.

Wie von Zauberhand: Echnatons Büste wird von Snapchat virtuell restauriert.
Wie von Zauberhand: Echnatons Büste wird von Snapchat virtuell restauriert.Louvre

Da erzeugt der virtuelle Sonnenkönig schon einen deutlich größeren visuellen Wow-Effekt: Wie die während der Französischen Revolution eingeschmolzene Statue Ludwigs XIV., die das Figuren-Arrangement der erhaltenen „Vier Gefangenen“ überragte, goldglänzend in AR wiederaufersteht, hat zweifellos AR-Grandeur. Um die Gruppe gehend, steht dem Betrachter via Handy das verlorene Beispiel absolutistischer Hybris aus Rundumperspektive vor Augen. Hier beweist die Technik ihre Überzeugungskraft. Sich die tatsächlich vor einem stehenden Monumentalfiguren Martin Desjardins’ anzuschauen, könnte man darüber glatt vergessen.

Snapchat lässt in digitaler „superatio“ der Natur Fische durch eine allerlei Kreaturen täuschend echt darstellende Keramikschale des Barocks schwimmen oder hilft bei der Entzifferung der Keilschrift auf der Stele mit dem babylonischen Codex Hammurapi. Dass man sich in der App zu ausführlichen schriftlichen Informationen vom Louvre weiterleiten lassen kann, ist gut, aber nicht der Clou – sondern das gamifizierte Spektakel der Realitätserweiterung, wie es Pokémon Go vor ein paar Jahren rasend populär machte. Die „Lenses“ von Snapchat – also die Fotofilter, mit denen Nutzer sich auch riesige Hundezungen aus dem eigenen Mund heraushängen lassen oder Bärchenohren aufsetzen – können Hochkultur: Das ist die Botschaft der nach einem Pilotprojekt vor zwei Jahren schon zweiten Zusammenarbeit zwischen dem Museum und der Social-Media-Plattform.

Eine willkommene Abwechslung inmitten vieler Probleme

Die freilich hat, ebenso wie der Louvre, derzeit gehörige Probleme. Dass Snapchat, die App mit dem Geist-Icon, die Bildbearbeitung zum Kinderspiel machte und Nachrichten standardmäßig schnell oder auf Wunsch binnen Sekunden löscht, vor allem bei Jugendlichen beliebt ist, macht sie als museumspädagogischen Partner für den Louvre attraktiv. Da ist von generationenübergreifenden Erfahrungen die Rede, was heißen soll: Der Weg zum von der Kulturbeglückung gelangweilten Teenager führt übers Handy, die Uffizien und Tiktok, und man muss die Leute abholen, wo sie sind. An die fünfhundert Millionen aktive Nutzer täglich soll Snapchat im letzten Quartal 2025 gehabt haben, Durchschnittsalter angeblich 35 Jahre. Problematisch ist die App für die Jüngeren.

Auch in Frankreich tobt – wie in Deutschland und anderen Ländern – die Diskussion um Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche. Bei Snapchat darf man sich anmelden, sobald man dreizehn ist. Das zu umgehen, ist einfach, und welche Gefahren drohen, zeigt gerade ein Prozess in Münster. Dort steht ein Einundsechzigjähriger wegen mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs zweier Mädchen vor Gericht; überdies soll er auf Plattformen wie Snapchat Kinder im Alter von elf bis dreizehn Jahren dazu gebracht haben, Nacktbilder mit ihm zu teilen und sexualisierte Videochats zu führen.

Ein Meisterwerk entsteht: Holbeins Bildnis der Anna von Kleve in Snapchat
Ein Meisterwerk entsteht: Holbeins Bildnis der Anna von Kleve in SnapchatLouvre

Um die Frage, ob soziale Medien Jugendliche gezielt süchtig nach ihrer Nutzung machen, geht es derweil in einem Prozess in Los Angeles, bei dem gerade Mark Zuckerberg aussagen musste. Anders als sein Konzern Meta ist Snap Inc., die börsennotierte Firma hinter Snapchat, nach einem Vergleich mit der Klägerin zwar nicht mehr direkt im Visier, doch vom Urteil wird Verweischarakter für die gesamte Branche erwartet.

Im Louvre wiederum reißt die Serie hausgemachter Skandale nicht ab: Auf den Einbruch Ende vorigen Jahres folgten ein Wasserschaden und Streiks der Mitarbeiter, danach Festnahmen wegen des Verdachts auf Millionenbetrug mit Ticketverkäufen, der nächste Wasserschaden und wieder Streiks. Von „systematischem Versagen“ der Museumsleitung ist in einem jetzt veröffentlichten Bericht der Untersuchungskommission die Rede, die sich mit dem Diebstahl der Kronjuwelen befasst. In anderen Ländern hätten solche Missstände längst zu personellen Konsequenzen an der Spitze geführt: Der Louvre agiere wie ein „Staat im Staate“. Nach dem Einbruch hatte die Direktorin des Museums, Laurence des Cars, zwar ihren Rücktritt angeboten, der aber vom Kulturministerium abgelehnt wurde. Nun steht die Museumsleitung wieder unter Druck.

Da bietet ein bisschen Augmented-Reality-Zauber, der im Rahmen eines großen Pressetermins vorgestellt wurde, eine willkommene Abwechslung. Im Vergleich zu dem, was andere Museen an AR-Technik aufbieten, sind die Snapchat-Erweiterungen freilich nicht mehr als raffinierte kleine Dreingaben. In Gents Sankt-Bavo-Kathedrale etwa hat die Firma Alfavision einen ganzen Parcours durch die Krypta gestaltet, in dem mit AR-Brillen ausgestattete Besucher den Bau der Kirche, Jan van Eycks Werkstatt und die Geschichte des Genter Altars virtuell erleben können. Der Louvre als berühmtestes und meistbesuchtes, an Masse wie Klasse reichstes Universalmuseum der Welt muss freilich keinen solchen Aufwand um ein zentrales Schaustück treiben.

Schein und Sein: Besucherin mit App im Louvre
Schein und Sein: Besucherin mit App im LouvreLouvre

Die Negativschlagzeilen zum Louvre überstrahlen kann das AR-Angebot nicht. So profitiert eher Snapchat von der Private-Public-Partnership, zu der eine Seite die Objekte und die Expertise, die andere die Technik und die mediale Infrastruktur beisteuert. Snapchat will, das zeigt ein Besuch in der auf AR-Inhalte spezialisierten Pariser Niederlassung, inzwischen weit mehr sein als eine Austausch-App für Quatschbildchen. Zur Zukunftsvision gehört die hauseigene Kamerabrille, inzwischen in der vierten Generation. Die ist zwar immer noch schwer und unbequem, lenkt aber den Blick vom Handy weg in den offenen Raum, in dem man mit Gesten in der Luft und Sprachbefehlen die reale Welt nicht verlassen, aber doch erweitern kann, wie es Snap gefällt.

Zur Eröffnung der Filiale kam Emmanuel Macron; zu den Kunden gehört neben der Musik- die Luxusgüterindus­trie. Ob das per AR erweiterte Plakat von Chanel an der Pariser Opéra, virtuelles Anprobieren von Gucci-Klamotten in der App oder eine virtuelle Ramadan-Shoppingmall für Nutzer im arabischen Raum: die Wertschöpfung im Premiumsegment ist in vollem Gang, und Künstliche Intelligenz in den Anwendungen wird sie weiter beschleunigen. Wohin könnte das besser passen als nach Paris, wo Kunst, Mode und Luxus durch Stiftungsmuseen und Messen ohnehin gemeinsame Sache machen? Der wichtige Snap-Kunde Louis Vuitton zeigt gerade in seinem Ausstellungsraum LV Dream eine interaktive Art-déco-Schau – mit AR von Snapchat.

Source: faz.net