„Sie spielen den Biedermann, sind handkehrum Brandstifter“ – SPD-Politiker Stegner greift AfD an
Beim Thema Steuern und Sozialstaat gerät die Debatte zwischen SPD und AfD schnell außer Kontrolle. Ralf Stegner wirft seinem politischen Gegner „Doppelmoral“ vor, Bernd Baumann spricht vom „links-grünen Wahnsinn“.
Am Mittwochabend diskutieren bei Maischberger SPD-Politiker Ralf Stegner und AfD-Fraktionsmanager Bernd Baumann über Sozialstaatsreformen, Steuern und Außenpolitik im Schatten des Iran-Kriegs. Die Bundesregierung ringt derzeit selbst um Antworten – etwa bei der Reform des Sozialstaats, bei steigenden Energiepreisen und möglichen steuerpolitischen Anpassungen. Entsprechend hoch ist die Erwartung an klare Positionen.
Zu Beginn richtet Moderatorin Sandra Maischberger den Blick auf die Lage der SPD. Nach mehreren Wahlniederlagen stellt sie die Frage nach der Parteiführung. Stegner weicht einer klaren Antwort aus und beschreibt stattdessen die Situation der Partei grundsätzlich: „Wir haben ein Problem nicht nur mit den Personen, sondern wir haben ein Problem mit Inhalten, mit Glaubwürdigkeit, mit Vertrauensverlust.“
Die Frage nach personellen Konsequenzen bleibt offen. Stattdessen zieht Stegner früh eine politische Grenze: „Für die SPD kommt eine Zusammenarbeit mit Demokratiefeinden nicht in Frage. Nirgendwo, niemals und aus keinem Grund“, sagt er. Sollte die Union davon abrücken, sei „der Rubikon endgültig überschritten“. In einer Phase, in der sich die Parteienlandschaft zunehmend fragmentiert, setzt die SPD damit sichtbar auf Abgrenzung als strategische Linie.
In der anschließenden Steuerdebatte wird die politische Grundspannung konkret. Baumann bezeichnet bereits die Diskussion über Steuererhöhungen als „eine Katastrophe“. Deutschland habe „überhaupt kein Einnahmenproblem“, sondern ein Ausgabenproblem. Er nennt Migration, Klimapolitik und internationale Verpflichtungen als zentrale Kostentreiber und spricht wiederholt vom „links-grünen Wahnsinn“.
Damit greift er eine Argumentationslinie auf, die auch in Teilen der Opposition verbreitet ist: Entlastung durch Einsparungen statt höherer Einnahmen. Konkrete Gegenfinanzierungen bleiben dabei offen.
Stegner hält dagegen: „Wahnsinn ist das, was Sie sagen.“ Er verweist auf soziale Ungleichgewichte und argumentiert, es sei „geradezu unanständig“, wenn hohe Vermögen kaum belastet würden, während viele Menschen „nicht mehr in der zweiten Monatshälfte“ wüssten, wie sie über die Runden kommen. Die SPD knüpft damit an ihre klassische Umverteilungslogik an, die auch in aktuellen Reformdebatten wieder stärker in den Vordergrund rückt.
„Das ist Amigo-Wirtschaft, das ist Familienfilz und das ist Doppelmoral, AfD“
Mit zunehmender Dauer verschärft sich der Ton. Stegner wirft der AfD mangelnde Glaubwürdigkeit vor: „Man kann im Grunde genommen sagen, das ist bei Ihnen Amigo-Wirtschaft, das ist Familienfilz und das ist Doppelmoral, AfD.“ Baumann weist das zurück und verweist auf frühere Fälle in anderen Parteien.
Als Baumann betont, die AfD vertrete „über zwölf Millionen Wähler“ und sei „der Kern der Demokratie“, reagiert Stegner scharf: „Sie spielen hier den Biedermann, aber Sie sind Brandstifter.“ Der Satz fällt in einer Phase, in der sich die Debatte bereits deutlich von konkreten Reformfragen entfernt hat und grundsätzliche Fragen nach politischer Legitimität in den Vordergrund treten.
Auch beim Thema Energiepreise zeigt sich diese Verschiebung. Baumann fordert unmittelbare Entlastungen: „Sofort runter mit Stromsteuer, CO₂-Steuer und den ganzen Abgaben – runter damit.“ Die Verantwortung für die Preisentwicklung sieht er vor allem beim Staat.
Stegner verweist dagegen auf internationale Entwicklungen. Entscheidend sei, „dass dieser Krieg aufhört“. Die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten belasteten die wirtschaftliche Lage unmittelbar. Konkrete kurzfristige Maßnahmen bleiben dabei vage.
Streit um Prinzipien der Außenpolitik
In der Außenpolitik treten die Unterschiede noch deutlicher hervor. Baumann relativiert die Bedeutung internationaler Regeln: „Über das Völkerrecht kann man lange streiten, das ist eine moralische Kategorie.“ Außenpolitik erscheint bei ihm vor allem als Frage von Macht und Interessen.
Vor diesem Hintergrund spricht er sich für eine engere Zusammenarbeit mit den USA aus. „Ich würde ihm auf jeden Fall näher treten“, sagt Baumann mit Blick auf entsprechende Initiativen von Donald Trump. In einer Zeit wachsender globaler Spannungen verweist diese Position auf eine stärkere Orientierung an machtpolitischen Bündnissen außerhalb klassischer Institutionen.
Stegner hält dagegen und verweist auf die Bedeutung bestehender internationaler Strukturen. „Ich bin froh, dass wir ein Staatsoberhaupt haben, das die Wahrheit ausspricht“, sagt er mit Blick auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der den Iran-Krieg als völkerrechtswidrig bezeichnet hatte. Für die SPD bleibt das Völkerrecht damit zentraler Bezugspunkt deutscher Außenpolitik.
Source: welt.de