„Sie nach sich ziehen nur im Kopf, welches ihnen reingeblasen wurde, doch sind immer besser qua die anderen“
Gerade hat der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel in seiner Monografie zur DDR-Literatur („Ausradiert?“, Reclam) bekannt, genau zwei DDR-Romane in jeweils einer Nacht gelesen zu haben: Zum einen Erich Loests „Es geht seinen Gang“, der 1978 nach nur einer Auflage vom Markt genommen worden war. Und zum anderen Monika Marons Roman „Flugasche“, der 1981 nur im Westen erscheinen durfte. Beide Bücher waren in der DDR nur zu lesen, wenn man Beziehungen hatte, etwa zur Deutschen Bücherei in Leipzig, denn diese im Kaiserreich gegründete Archiv-Bibliothek sammelte als Institution weiterhin das gesamte deutsche Schrifttum. Weil es aber eine Präsenzbibliothek war und ist, konnten Romane vom Personal nur über Nacht entwendet werden. Eine noch zu schreibende Kulturgeschichte solcher heimlichen Lektüren sollte die von Gansel angedeuteten Nachtlektüren als Anekdoten unbedingt aufgreifen.
Doch um Monika Maron soll es hier gehen: Jeder, der sich mit dieser Autorin beschäftigt, wird auf ihr Debüt „Flugasche“ zu sprechen kommen: die Geschichte der Journalistin Josefa Nadler, die in die Industriestadt B. (Bitterfeld) fährt, um über die dortige Umweltverschmutzung eine Reportage zu schreiben. Doch als überzeugte Sozialistin gerät sie in tiefe Konflikte, denn solche Kritik am Arbeiter- und Bauernstaat möchte die tonangebende SED nicht medial verbreitet wissen. Nadler erlebt den real existierenden Sozialismus als System der Nivellierung, das jede Form von Eigeninitiative im Keim erstickt.
Welche Folgen die Nicht-Publikation des Romans „Flugasche“ für Monikas Marons Standing in der DDR hatte, lässt sich in den jetzt erstmals veröffentlichten Tagebüchern der Schriftstellerin nachlesen. Schon deshalb, schon für diesen zeithistorischen Wert, muss man Maron dankbar sein, dass sie nicht umgesetzt hat, was sie ursprünglich vorhatte: „Eigentlich war ich entschlossen, meine Tagebücher vor meinem Tod zu verbrennen.“ Die von ihr jetzt öffentlich gemachte Sammlung ihrer Notate aus den Jahren 1980 bis 2021 macht anschaulich, wie eine Autorin, die sich in den Augen des Staates bereits durch ihr Debüt unmöglich gemacht hatte, um ihre schriftstellerische Autonomie kämpft. Der Kontext reicht von Bittbriefen an die DDR-Funktionäre zwecks Erlaubnis von Auslandsreisen bis hin zu schillernden Reisenotizen aus Mailand, Rom, Paris, London und New York.
Vom 11. Oktober 1983 an geht Maron, damals 42, für ein Jahr auf Reisen; „mit sehr wenig Geld, ohne Sprachkenntnisse“ und „meistens allein“ ging es nach Mailand, Rom, Paris, London und New York. In ergänzenden Bemerkungen lässt Maron ihre heutige Leserschaft wissen, wie sie oft bei Freunden von Freunden unterkam, „die mich weder kannten noch freiwillig eingeladen hatten“. Aber für eine DDR-Bürgerin, die Mutter, Mann und Kind hinter der Mauer zurückließ und nicht wusste, ob sie jemals eine zweite Reisegenehmigung erhalten würde, hatte diese Tour etwas Dringliches und Unbedingtes: Sie wusste ja nicht, ob sie all diese Orte „sonst je in meinem Leben sehen würde“.
Auch aus medienhistorischer Sicht sind Marons Reisenotizen interessant, „denn es gab noch kein Internet, keine E-Mail, kein WhatsApp, international telefonieren war teuer“. Im Telefonbuch von Manhattan entdeckt sie „15 Marons“ und sogar einen „Iglarsh“. Marons Großeltern, getaufte polnische Juden, trugen den Namen Iglarz, der polnisch Iglasch ausgesprochen wird, wie Maron als heutige Herausgeberin ergänzt. Auch wenn sie in ihrer New Yorker Bleibe mit Kakerlaken zu tun hat, notiert sie am 18. Juni 1984, mit Blick auf die Stadt: „Wenn ich genug Geld hätte, würde ich hier gern für ein Jahr leben.“
Und am 5. Juli 1984: „Immer wieder das Gefühl, ich habe an meinem Leben vorbeigelebt, weil es nicht in New York stattgefunden hat, sondern in Ost-Berlin.“ Im gleichen Sommer hält sie in London fest: „Das Schlimme ist: Alles, was ich jetzt erlebe, hätte ich mit 25 erleben müssen, statt wie eine hypnotisierte Idiotin auf die bescheuerten Beschlüsse meiner Regierung zu warten.“ Leicht sarkastisch dann ihr Eintrag vom 9. Oktober 1984: „Seit einer Woche wieder in den Mauern.“
Auch wenn die Tagebücher nie zur Veröffentlichung bestimmt waren, sondern „nur zur Selbstverständigung und für meine Erinnerung“, entschloss sich Maron zur Veröffentlichung. Denn bei der Relektüre ihrer Notizen wurde für sie „eine Zeit lebendig, die abgearbeitet und eingeordnet in meinen Erinnerungskammern ruhte.“
Die tiefen Einblicke, die uns Maron mit der Veröffentlichung in ihre Laufbahn und teilweise auch in ihr Seelenleben als Schriftstellerin gewährt, sind von ihr selbst kuratiert. Wie viel Rücksicht sie dabei auf lebende oder tote Personen nehmen wollte oder musste, wird die Literaturwelt, wenn überhaupt, erst in einigen oder etlichen Jahrzehnten wissen. Was die veröffentlichten Notizen aufrichtig erscheinen lässt, ist der Umstand, wie offen Maron auch Einblicke in die eigenen Ängste (vor schlechten Kritiken), Aversionen (gegen Germanistentagungen) und Idiosynkrasien („Lesereisen sind geisttötender Blödsinn, so schlimm wie Fließbandarbeit“) gewährt.
Vom linken Denken genervt
Im Jahr 1988 beantragt und erlangt Maron eine dauerhafte Ausreisegenehmigung und übersiedelt nach Hamburg. 1991 notiert sie Kritisches über ihre Wende-enttäuschten Landsleute im Osten, so wie sie auch schon 1984 (in London) gegen die Selbstgerechtigkeit der Linken im Westen ätzt:
„Nachmittag und Abend mit (…) westdeutschen (bayerischen) Freunden. Diese ‚Sozialisten‘, etwa 30 Jahre alt, gehören zu diesen hirnrissigen, tönenden Weltverbesserern, die immer nur sagen, dass man doch alles ordnen können müsste, wenn man nur wollte. Diese Bewegungsmenschen machen mich krank, sobald sie einen hehr klingenden Satz für ihre eigenen Kleinmütigkeiten finden, posaunen sie ihn auch schon als ihre eigene tiefschürfende Lebenserkenntnis raus. Sie haben nichts gelesen außer ihren Alternativblättchen, haben nur im Kopf, was ihnen reingeblasen wurde, aber sie sind immer besser als die anderen, weil sie für das Gute und gegen die Bösen sind.“
Da funkelt schon etwas vom politischen Furor der späteren Maron durch, die sich 2021 mit Siv Bublitz, der Verlegerin von S. Fischer, überwarf. Wer übrigens saftige Hintergründe zu diesem „Rauswurf“ erwartet hatte, der in der literarischen Öffentlichkeit rege kommentiert wurde, wird enttäuscht. Lediglich zwei dürre Tagebuchvermerke dazu gibt es, die über die bekannten Umstände nicht hinausweisen. Man spürt allerdings etwas von Marons Erschütterung, nach 40 Jahren plötzlich ohne Verlag dazustehen:
„Zwischendurch habe ich schon über Selbstverlag und Wohnung beleihen nachgedacht. Am Ende ist alles nur mein Glück geworden. Bei Fischer (unter Siv Bublitz) wäre ich, zwanzig Jahre jünger, gar nicht geblieben. Ich dachte nur, dass niemand eine 80-jährige Autorin will. Bin immer wieder verwundert über diese Fügung.“
Die Leerstellen in den Tagebüchern
Doch warum, monieren jetzt einige Kritiker, präsentiert sich Marons Tagebuch ab den 2010er Jahren geradezu blank, und enthält quasi nichts zu ihrer politischen Positionierung seit der Flüchtlingskrise? Die fehlenden Einträge erklärt Maron von heute her auch damit, dass sich ihre Medien für Notizen geändert haben. „Ich frage mich, ob nicht auch meine allmähliche Gewohnheit, mit dem Computer zu schreiben, das Tagebuch verdrängt hat. Alle Tagebuchnotizen, selbst auf losen Zetteln, die ich hier und da fand, waren mit der Hand geschrieben. Zu dieser Art der Selbstverständigung gehört die Handschrift.“
Vieles, das man früher für sich notiert hat, findet heute auch im Austausch bei WhatsApp oder anderen digitalen Netzwerken statt. Bereits seit „Animal Triste“, so Maron, schreibe sie ihre Bücher mit dem Notebook. Ob der „Verzicht auf die Kopplung von Hirn und Hand“ ihren Büchern geschadet habe, wisse ich nicht. „Jedenfalls habe ich mir für die Zukunft vorgenommen, wieder öfter mit der Hand zu denken.“
Monika Maron: „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig“. Tagebücher 1980–2021. Hoffmann und Campe, 256 Seiten, 28 Euro.
Source: welt.de