Sichtbarkeit zurückgezogen ist ungenügend!
Frauen bekommen im Kunstbetrieb immer mehr Aufmerksamkeit: Museen machen verstärkt Retrospektiven von Künstlerinnen, im Handel wachsen die Marktanteile für weibliche Positionen. Stellt sich die „Frauen-Frage“ der Feministinnen überhaupt noch?
Frauen in der Kunst sind weiter auf dem institutionellen Vormarsch: Große Museen widmen ihnen Retrospektiven, historische und marginalisierte Positionen werden neu entdeckt. 2025 wurden im New Yorker Museum of Modern Art mit Helen Frankenthaler (ab 18. April 2026 zeigt das Kunstmuseum Basel eine große Ausstellung) und Ruth Asawa (ab 19. März 2026 auch im Guggenheim Museum Bilbao) gewürdigt. Mit Lygia Clark und Yoko Ono in Berlin, mit Leonora Carrington in Mailand, Michaelina Wautier in Wien und Artemisia Gentileschi in Paris wurden Künstlerinnen gefeiert, die über Jahrzehnte unterschätzt oder übersehen worden sind.
Neben Wiederentdeckungen und Neubewertungen standen explizit feministische Positionen auf dem Programm: So präsentierte das National Museum of Women in the Arts in Washington das Kollektiv Guerilla Girls, das seit Jahrzehnten die Ungleichheiten im Kunstbetrieb thematisiert, während sich die Londoner Hayward Gallery der britischen Collage-Punk-Künstlerin Linder Sterling widmete. Mit Punk, Performance und Provokation hatte Vaginal Davis einen Auftritt im Berliner Gropius-Bau, der queeren Aktivismus und schwarze Gegenkultur verband.
„Women Artists from Antwerp to Amsterdam, 1600–1750“ im Frauenmuseum in Washington beleuchtete den Barock aus weiblicher Perspektive neu. Und während die „Künstlerinnen!“ im Kunstpalast Düsseldorf mit Ausrufezeichen im Titel auftraten, stellt das Warschauer Museum für moderne Kunst mit „Women Question 1550–2025“ Kunst von Frauen aus der Renaissance bis in die Gegenwart aus (noch bis zum 3. Mai).
„Warum gab es keine großen Künstlerinnen?“, wurde in den 1970ern gefragt
Stellt sich da die „Frauen-Frage“ angesichts der zahlreichen „Frauen-Ausstellungen“ überhaupt noch? Sind sie fünfzig Jahre nach der ersten großen Überblicksausstellung von Künstlerinnen der Zeit von 1550 bis 1950, kuratiert von den Kunsthistorikerinnen Ann Sutherland Harris und Linda Nochlin, Letztere ist Autorin des Essays „Why Have There Been No Great Women Artists?“, immer noch überfällig oder längst überflüssig?
Keine Frage: Auch wenn sich die Sichtbarkeit von Künstlerinnen eindeutig erhöht hat, bleiben sie sowohl in den Museen als auch im Kunstmarkt deutlich unterrepräsentiert. Nicht nur in den historischen Sammlungen liegt der Anteil von Künstlerinnen meist im einstelligen Bereich. In einer aktuellen, wenn auch vorläufigen Analyse zur Sammlung des MoMA zeigt sich ein signifikanter Gender-Gap: Rund 18 Prozent – nicht einmal ein Fünftel – der untersuchten Werke stammen von Frauen. Im Auktionshandel konnten sich zwar laut „Sotheby’s Insight Report 2025“ die weltweiten Umsätze für Künstlerinnen in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppeln, liegen aber mit knapp 14 Prozent immer noch deutlich niedriger als bei ihren männlichen Kollegen.
Einer Geschlechterparität am nächsten kommen die kommerziellen Galerien im Primärmarkt. Dort liegt der Anteil der vertretenen Künstlerinnen laut dem aktuellen von der Kunstmesse Art Basel und der Bank UBS herausgegebenen „Art Market Report“ mittlerweile zwischen 41 und 46 Prozent. Dass die Ursachen für diese tief verwurzelte Ungleichheit nicht naturgegeben, sondern gesellschaftlich und systemisch bedingt sind, ist hinlänglich bekannt.
Die Personen „hinter dem Meister“
Daraus folgt: „Frauen-Ausstellungen“ bleiben ein wichtiges und notwendiges Instrument – im kritischen Bewusstsein, dass das Geschlecht als Kriterium sowohl patriarchale Verhältnisse stabilisieren als auch infrage stellen kann. Während dieser Widerspruch einigen Künstlerinnen das Argument liefert, eine Beteiligung an „Frauen-Ausstellungen“ grundsätzlich abzulehnen, ließe sich dagegen argumentieren, dass es dieses Paradox so lang auszuhalten gilt, bis eine wirkliche Parität erreicht ist und sich die „Frauen-Frage“ nicht mehr stellt.
Kritikern, die das Geschlecht als Kriterium hinterfragen, um allein auf die Qualität zu pochen, konnte die bahnbrechende Ausstellung „Making Her Mark: A History of Women Artists in Europe, 1400–1800“ in Baltimore und Toronto eine neue Perspektive eröffnen. Dort wurde eine enorme Vielfalt künstlerischer Beiträge von „Macherinnen“ in unterschiedlichsten Medien jenseits der hierarchischen und stereotypen Unterscheidung von bildender Kunst und Kunstgewerbe präsentiert.
Einen ähnlichen Gedanken formuliert Dagmar Korbacher, Direktorin des Berliner Kupferstichkabinetts. Sie plädiert dafür, den Qualitätsbegriff neu zu justieren: „Es ist an der Zeit zu überlegen, ob in den Werken von Frauen auch andere Qualitäten, als die von Männern (Vasari etc.) festgelegten, zum Tragen kommen und damit der Begriff der Qualität in der Kunst neu, diverser, partizipativer und offener zu definieren sein könnte.“ Aus heutiger Sicht sei es wichtig, „sich mit gemeinschaftlicher Arbeit und Werkstattpraxis sowie mit den Personen hinter dem Meister zu befassen“.
Trotz solcher Fortschritte besteht die Gefahr, dass „Frauen-Ausstellungen“ als Alibiveranstaltungen zur Imagepflege genutzt werden – vor allem, wenn reine Quotendebatten die inhaltliche Auseinandersetzung ersetzen. Ohne eine entsprechende Ankaufs- und Personalpolitik, die zu einer dauerhaften Veränderung in der Kanon-Bildung führt, bleibt der Verdacht eines bloßen „Women-Washings“ bestehen – einer symbolischen Geste ohne Konsequenzen. Aufmerksamkeit auf Zeit genügt nicht, wenn sie nicht in strukturelle Veränderungen übersetzt wird.
Ein weiterer Vorbehalt richtet sich gegen eine eindimensionale Fokussierung auf das Geschlecht. Künstlerische Biografien und Produktionsbedingungen sind stets auch von Klasse, Ethnie und Sexualität geprägt. Genau hier liegt eine Chance: Die Verbindung akademischer Diskurse wie Gender und Postcolonial Studies kann helfen, strukturelle Machtverhältnisse sichtbar zu machen, statt neue Ausschlüsse zu produzieren.
„Frauen-Ausstellungen“ können – im besten Fall – Räume sein, in denen diese Überschneidungen reflektiert und produktiv gemacht werden. Eindrucksvoll gelingt dies im Werk der afroamerikanischen Künstlerin Kara Walker, deren neue Scherenschnitte in der Berliner Galerie Sprüth Magers zu sehen sind und die im kommenden Jahr mit einer Retrospektive im MoMA geehrt wird.
Wie notwendig die Auseinandersetzung weiterhin ist, zeigen auch kleinere und regionale Ausstellungshäuser. Die Städtische Galerie Berlin-Pankow erweiterte das Thema in der Ausstellung „Frauen in Kunst und Kunstgeschichte“ um einen Ost-West-Vergleich. Die beiden Kuratorinnen Angela Lammert und Annette Tietz brachten die Situation auf den Punkt: „In einer Zeit, in der Worte wie ‚Gender, Sexuality, Nonbinary, Race, Diversity‘ oder einfach nur ‚Women‘ andernorts verboten werden, macht einmal mehr deutlich, dass die Sichtbarkeit von Frauen in der Kunst noch immer nicht selbstverständlich ist.“
Dem häufig erhobenen Vorwurf eines Zuviels an „Wokeness“ oder „Political Correctness“ steht zudem ein gewichtigeres Risiko gegenüber: das eines emanzipatorischen Rollbacks. In Zeiten, in denen kulturelle und gesellschaftliche Errungenschaften offen infrage gestellt werden, erscheint der Rückzug aus solchen Debatten gefährlicher als ihre Zuspitzung.
Source: welt.de