Sexualisierte Gewalt im Internet: Männer, jetzt deepfaken wir zurück!
Wer nicht hören will, muss fühlen. Diesen gewaltvollen Spruch kennen manche noch aus ihrer Kindheit. Schwarze Pädagogik ist nicht so mein Ding. Ich bin eher der Typ „das Böse mit Gutem überwinden“. Aber wenn das Böse nicht begreifen will, dass es böse ist, muss man härter durchgreifen. Gewalt gegen Frauen, im Netz oder anderswo, wird oft als Kavaliersdelikt abgetan und nicht klar genug bestraft. Vornehme Zurückhaltung bringt da nichts.
Deshalb mein Vorschlag: Wäre es nicht effektiv, wenn Digitalkundige das Internet mit Deepfakes von herabhängenden männlichen Genitalien fluten? Auf den Körpern kleben echte Köpfe von Männern, die sich wichtig nehmen, aber die wichtigen Dinge nicht tun. Gesetze zum Beispiel. Gesetze, die Frauen gerecht werden und Gewalt bekämpfen. Also wirklich bekämpfen, nicht nur in späten Distanzierungsposts oder hübsch geschminkten Reden zum Frauentag.
Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wer nicht fühlen kann, dem muss man auf den Zahn fühlen. Handeln Männer erst, wenn sie selbst digital verhackstückt werden, auf X und anderen hasserfüllten Netzwerken? Begreifen sie erst, wenn sie am eigenen Digitalleib spüren, wie sich das anfühlt? Gewalt. Ohnmacht. Ausgeliefertsein.
Kommt der Schmerz erst beim Tritt unter die Gürtellinie an? Wo Empathie fehlt, bringen papierene Menschenrechte nichts. Da muss Schmerz her – euer Schmerz, Männer! Ihr Herren der Schöpfung von Deepfakes müsst fühlen, wie sich das anfühlt. Sonst findet ihr die Sache nicht wichtig genug.
Die Saat des Misstrauens
Als Collien Fernandes den mutmaßlichen Täter beim Namen nannte, verstand ich zuerst nicht. Wie funktionieren Deepfakes? Einfachheitshalber stelle ich mir Collagen vor. Fünfjährige, die Bilder zerschnippeln und neu zusammenfügen. Nur landen ihre Werke nicht im Kindergartenmülleimer, sondern stehen weltweit zum Herunterladen bereit.
Geschlechtsgenossen, die daheim den Solidar-Feministen in Elternzeit geben, holen sich einen runter auf das Gesicht von Promi X oder Freundin von Y. Geile Sache. Die kann sich nicht wehren.
Meine Tochter schrieb mir: „Ich bin froh, dass ich nicht verheiratet bin.“ Aber das kann es doch nicht sein! „Nicht alle Männer sind scheiße“, tippe ich und merke selbst, wie lahm das klingt. „Das Eklige an dem Fall Ulmen ist“, erklärt sie, „dass er Misstrauen sät. Misstrauen unter Frauen, dass jeder Mann ein Arsch ist. Muss ich mich jetzt in Männerhass einschließen, damit sich was ändert? Damit ich nicht an so einen Mann gerate? Ist männliche Normalität, was Ulmen mutmaßlich gemachthat?“
Da werde ich wütend. Von mir macht niemand Deepfakes, oder ich wüsste es nicht, aber die Töchter sind jung und potenziell im Visier. Früher sagte man Mädchen, sie sollen im Dunkeln durch keinen Park gehen und all diesen notwendigen Mist, aber im Netz ist es nonstop dunkel. Da kann man noch so sehr „aufpassen“ – irgendein Foto schwirrt immer herum, super geeignet für digitale Vergewaltigung.
Ich bin auch wütend für meine Söhne. Sie stehen am Pranger, weil andere Männer furchtbar handeln. Oder sie kommen am Ende auf die Idee, dass sie Männer sind, wenn sie Frauen zu Objekten machen.
Nur, weil sie Penisse haben?
Und ich bin wütend auf der Metaebene: dass ich so lange brauchte und immer noch brauche, mich auf meinem Weg als Frau nicht einschüchtern zu lassen. Als hätte ich nicht das Recht, für mein Recht zu kämpfen! Als Frau bin ich damit beschäftigt, mir zu glauben, dass ich etwas kann, während Männer von vornherein von sich überzeugt scheinen und auch mit Minderleistung die große Bühne suchen.
Ich lebe in einer Welt, in der Männer, ob sie wollen oder nicht, deepfaken: dass sie besser sind, stärker sind, schlauer sind, belastbarer sind. Nur, weil sie Penisse haben. Es ist schwer, an die eigene Kraft zu glauben in einem System, in dem nicht das Geben, sondern das Nehmen zählt. Da ist immer diese Bereitschaft, zurückzustecken, statt in den Kampf zu gehen. Die Angst als Frau, abgelehnt zu werden, wenn ich mich nicht verhalte, wie eine Frau sich immer noch zu verhalten hat: zurückhaltend, hilfsbereit. Für die anderen. Für euch, Männer!
Vielleicht brauchen wir Frauen gar nicht weniger Hass und Hetze, sondern ein wenig mehr. Hass und Hetze gegen Deepfakes: mit Deepfakes von verschrumpelten Macho-Penissen, per Bots weltweit verteilt. Bis auch der letzte Honk verstanden hat, dass es um Menschen geht. Dass es um Macht und Gewalt geht, nicht um „Partnerschafts“- oder „Beziehungsgewalt“. Und dass etwaige Probleme oder Begrenzungen, die ein Mann hat, verdammt nochmal keine Rechtfertigung sind, Frauen fertigzumachen.
Aber ich bin zu weich, auch wenn ich hier große Töne spucke. Ich habe zu viel Mitgefühl. Das, was eine Stärke ist – Empathie – wird unter dem patriarchalen Unverletzlichkeits-Dogma, zur Schwäche.
Deshalb müsst ihr jetzt ran, Männer. Ihr müsst die Verantwortung übernehmen. Es ist euer Problem, ein Männerproblem.
Löst es!