„Setzt jener ÖRR selbige Cancel Culture fort, wird Akzeptanz weiter in den Keller rauschen“

BSW-Chefin Wagenknecht erklärt das Kaltstellen der konservativen Journalistin Julia Ruhs durch den NDR zum „Skandal“ und „nächsten Fall von Cancel Culture im ÖRR“. Was ARD und ZDF senden, habe „immer weniger mit der Lebensrealität der meisten Bürger“ zu tun.

Sahra Wagenknecht beklagt nach WELT-Recherchen über interne Kritik an „Klar“-Moderatorin Julia Ruhs eine fehlende Meinungsfreiheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Maulkorb statt Meinungsvielfalt! ‚Klar‘ ist der nächste Fall von Cancel Culture im ÖRR. Es ist ein Skandal, dass Journalisten, die vom ÖRR-Meinungsmainstream abweichen, aus dem Programm entfernt werden“, sagte die Vorsitzende des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) WELT.

Vorangegangen war eine WELT-Recherche, die scharfe Kritik von NDR-Mitarbeitern an der Politik-Sendung „Klar“ von Norddeutschem Rundfunk und Bayerischem Rundfunk (BR) sowie der Moderatorin Ruhs offenlegte. Letztere soll künftig nur noch jene Sendungen moderieren, die der BR verantwortet. Die Politik-Sendung „Klar“ wurde im April 2025 gestartet, von der 31-jährigen Ruhs moderiert und soll ein konservatives Publikum ansprechen. In den ersten Ausgaben ging es um Migrationspolitik, die Corona-Pandemie und Proteste von Landwirten.

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Wagenknecht erklärte „Klar“ zu einem Positivbeispiel im Programm der öffentlich-rechtlichen Medien. „Das, was die Öffentlich-Rechtlichen senden, hat immer weniger mit der Lebensrealität der meisten Bürger in diesem Land zu tun. Da war vor allem die erste Sendung aus dem ‚Klar‘-Format eine wohltuende Ausnahme“, so die BSW-Chefin.

Die Entscheidung, Ruhs künftig von Teilen der Sendung abzuziehen, sei falsch. „Setzt der ÖRR diese Cancel Culture fort, wird die Akzeptanz in der Bevölkerung noch weiter in den Keller rauschen! Diese Fehlentscheidung sollte rückgängig gemacht werden, das ist auch die Verantwortung des Vorsitzenden der ARD“, sagte Wagenknecht.

Ruhs selbst spricht von „Armutszeugnis“

Innerhalb des NDR lösten die „Klar“-Sendungen massive Kritik aus, wie WELT berichtete. Das Programm heize eine rechte Stimmung im Land an, hieß es in einem von fast 250 Mitarbeitern unterschriebenen offenen Brief, in dem Ruhs und ihrem Team für eine Sendung über Migrationspolitik eine Verletzung der journalistischen Standards des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks vorgeworfen wird.

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„Wir distanzieren uns daher von dieser Produktion und wünschen uns eine Aufarbeitung der Entscheidungen, die dazu geführt haben, dass dieser Film so über den Sender gegangen ist“, heißt es in dem Schreiben. Die Sendung berichte auf einem „oberflächlichen und undifferenzierten Niveau“.

Ruhs zeigte sich „zutiefst enttäuscht, ja fassungslos über die Entscheidung des NDR“. Auf X schrieb sie: „Dass ich ‚Klar‘ für den NDR nicht mehr moderieren darf, ist ein Armutszeugnis.“

In den vergangenen Wochen habe sie Zuspruch von Zuschauern erfahren, die durch „Klar“ große Hoffnungen in die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Angebots bekommen hätten. „Und jetzt? Wurden all die Vorurteile, die sie im Bezug auf die Meinungsvielfalt schon hatten, bestätigt.“

Das BSW scheiterte bei der Bundestagswahl im Februar knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. Bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen lag die Partei landesweit bei nur 1,1 Prozent der Stimmen, trat jedoch auch nicht flächendeckend an. Zuletzt protestierte Wagenknecht vor dem Brandenburger Tor neben dem Rapper Massiv und dem Schauspieler Dieter Hallervorden gegen Israels Kriegsführung in Gaza.

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Source: welt.de