Server-Ausfall: Internet-Störung sollte ein Weckruf zu Gunsten von Europa sein

Der AWS-Ausfall am Montag macht sichtbar, wie sehr das gesamte Internet von nur drei US-Unternehmen abhängig ist. Eine IT-Expertin kritisiert deren Marktmacht und fordert mehr europäische Lösungen.


Ups, Bildstörung!

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Am vergangenen Montag erlebten zahlreiche Websites weltweit Ausfälle. Auch mehrere europäische Mobilfunkanbieter, britische Banken, Regierungen und Universitäten hatten Probleme. Diese Unternehmen und Institutionen nutzen Amazon Web Services (AWS). Die Amazon-Tochter bietet Rechenleistung oder Cloudspeicher spontan und flexibel an, ohne dass die Unternehmen dafür eigene Rechenzentren aufbauen müssen.

AWS hatte zunächst nur ein Problem mit einem einzigen Dienst in North Virginia. Dies führte zu Ausfällen bei mehreren abhängigen AWS-Diensten und verursachte eine mehrstündige Störung bei Amazon. Weil viele kleinere und große Unternehmen AWS nutzen, war schnell ein großer Teil des Internets betroffen. Für Unternehmen und politische Entscheidungsträger in Europa sollte die Störung ein Weckruf sein.

Drei Anbieter dominieren den Cloud-Markt

Der globale Markt für Cloud-Infrastruktur wird von drei Anbietern dominiert: AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. Sie decken zusammen mehr als 60 Prozent ab. Drei US-amerikanische Unternehmen stellen also das Rückgrat für einen Großteil des Internets, sie sind für die digitale Wirtschaft und kritische Infrastruktur unverzichtbar.

Christine Regitz, IT-Spezialistin und Präsidentin der Gesellschaft für Informatik, kritisiert die Abhängigkeit von diesen Anbietern. Sie warnt: „Alles auf ein Pferd zu setzen, führt zu ungewollten Abhängigkeiten.“ Regitz kritisiert die Marktmacht dieser Anbieter, im Fachjargon auch Hyperscaler genannt. Für die IT-Spezialistin und Präsidentin der gemeinnützigen Gesellschaft für Informatik ist klar: „Wenn Unternehmen vollständig auf die Infrastruktur dieser drei Unternehmen setzen, machen sie ihre Arbeitsfähigkeit von ihnen und der politischen Situation in den USA abhängig.“

Gerade für kritische Infrastruktur sei das nicht tragbar, sagt Regitz. So war etwa die Gematik GmbH, die in Deutschland für die elektronische Gesundheitskarte verantwortlich ist, vom AWS-Ausfall betroffen. „Ein so relevanter Player im Gesundheitssystem sollte sich auf keinen Fall in einer solchen Abhängigkeit befinden.“

US-Anbieter und europäische Souveränität

Die Hyperscaler haben auf Kritik reagiert und Serverinfrastruktur in Europa aufgebaut. AWS, Microsoft und Google bieten jeweils eine „Sovereign Cloud“ an, die mit europäischen Gesetzen konform sein soll. Regitz gibt jedoch nicht viel auf die von den Unternehmen zugesicherte Souveränität: „Selbst die Server, die nach gesetzlichen Anforderungen in Europa stehen müssen, waren von den AWS-Ausfällen am Montag betroffen.“

Ein entscheidender Kritikpunkt an den „Souvereign Clouds“: US-Unternehmen sind gemäß dem US CLOUD Act verpflichtet, den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden Zugang zu ihren Servern zu gewähren – selbst wenn die Daten außerhalb der Vereinigten Staaten abgelegt sind. Daher können sich europäische Kunden nicht darauf verlassen, dass sensible Daten nicht an Dritte oder die US-Regierung weitergegeben werden.

Open Source als Alternative

„Es gilt der Merksatz: There is no cloud, just other people’s computers“, betont Regitz, in etwa: Es gibt keine Cloud, sondern nur die Computer von anderen Menschen. Europa sollte auf europäische Cloud-Infrastruktur, Anbieterdiversität und Dezentralisierung setzen. Es sei nicht ausreichend, wenn es europäische AWS-Standorte gibt, diese aber aus den USA verwaltet werden.

Alternativen zu den großen Anbietern existieren, werden jedoch oft übersehen. Open-Source-Lösungen gelten als die aufwendiger und teurer, sind aber langfristig nicht nur sicherer, sondern auch kostengünstiger, da die Lizenzkosten für die Produkte der Big-Tech-Unternehmen wegfallen. Vorausgesetzt sei nur, dass aufseiten der Unternehmen die Möglichkeiten und der Wille vorhanden seien, Open-Source-Lösungen einzusetzen.