Serie „Im Atelier“: In seine Kunst würde man am liebsten einziehen
Auf Peter Koglers Arbeiten trifft man häufig, ohne es zunächst zu bemerken – weil die Orte nicht danach sind, sich auf so etwas wie Kunst einzulassen. Zum Beispiel im Zwischengeschoss des Wiener U-Bahnhofs Karlsplatz, einem wichtigen Verkehrsknoten der österreichischen Metropole. Dort ziert seit 2012 eine Installation von 180 Glasplatten mit einem schwarz-weißen und silbergrauen Röhrensystem die Wände, passend zum transitorischen Charakter des Ortes und doch immer aufs Neue Sehwindungen offerierend.
Das Atelier des Künstlers befindet sich unweit im 3. Wiener Gemeindebezirk, in einer ehemaligen Schlosserei, deren Werkhalle sich auf zwei Ebenen in den Hinterhof der Blockbebauung schiebt. In den Obergeschossen die privaten Wohnräume. Der schmale Mittsechziger in roter Hemdjacke und Jeans ist konzentriert und präsent im Gespräch. Dass er Erfinder werden wollte, nimmt man ihm ab, eine anhaltende Neugier auf technische Entwicklungen ist in der Medienkunst, die sich stets neueste Technologie zu eigen macht, unabdingbar. So etwa nach dem Muster: „Ich halte Social Media für bedenklich, trotzdem will ich wissen, wie sie funktionieren.“ Hier spricht der pragmatische Visionär.

In einer Vitrine eine Reminiszenz an seine Anfänge, eine Selbstporträt von Dieter Roth aus Schokolade, entstanden in den frühen Siebzigerjahren. Mittlerweile sieht man ihr das Alter an, beinahe wie gelber Lehm wirkt die rissige, ausgebleichte Oberfläche. Pinsel, Farbe und Leinwand sucht man naturgemäß hier vergeblich. Kogler sitzt vor einer raumhohen Bücherwand mit Kunstkatalogen, aber das war es dann auch mit der Gutenberg-Galaxis. Der besenreine Rest des Ateliers wirkt wie eine Mischung aus Apple Store, Galerie, Museum und Labor, mit Computerarbeitsplätzen, Rechnern, Bildschirmen, Plottern.
Immerhin, ein Faible für Schreibgeräte wie Bleistifte und Füller hat sich Kogler erhalten. Vielleicht eine Frage der Prägungen in vordigitaler Zeit. Geboren 1959 in Innsbruck, besucht er von 1974 an die dortige Kunstgewerbeschule, lernt Kirchenrestauration. Die Tiroler Landeshauptstadt sei damals ein kultureller Hotspot gewesen, erzählt er, im Zentrum das Jugendzentrum MK, eines der größten Europas. Geführt wird es vom Jesuitenpater Sigmund Kripp, nach dem das Haus später benannt wird. Es gibt gute Programmkinos und ein reges Konzertleben, Ligeti, Stockhausen, Steve Reich – prägende Jahre für Kogler, der sich als Jugendlicher Geld mit Möbelrestaurierung und Aushilfsjobs im Messebau verdient.

Die väterliche Holzhandlung übernimmt der ältere Bruder, „ich bin früh abgezischt“, sagt Kogler mit einem Lächeln, so als wundere er sich im Nachhinein, wie problemlos sein „Reinrutschen“ in den Kunstbetrieb verlaufen ist. Und das, obwohl sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien nach einem Semester im Sand verläuft. Die Akademie habe nichts mit ihm anzufangen gewusst, sagt Kogler, und umgekehrt war es wohl auch so.
An seiner Berufung hat er dennoch nie gezweifelt: „Ich wusste schon mit fünfzehn, dass ich Künstler werden wollte“, sagt er, und meint das nicht überheblich, sondern eben ganz pragmatisch. Kunstunterricht sei das Einzige gewesen, was ihm in der Schule gefiel, das Einzige, worin er einen Sinn erkannte. „Kunst war die Möglichkeit, in eine völlig andere Richtung zu gehen – man wird ja nicht Künstler aus ökonomischen Überlegungen.“
Und doch schaffte er es, im Alter von 23 Jahren finanziell unabhängig zu sein. An einen Sommerjob im Jahr 1976 erinnert er sich freilich bis heute gern. Das Angebot hing am Schwarzen Brett in der Gewerbeschule: die Galerie Ursula Krinzinger suche Arbeitswillige. Der Job entpuppte sich als Bauarbeit, Leitungen stemmen in einem alten Schulhaus im istrischen Brdo. Eine gewisse Marina Abramović, heute ein aktuell in der Albertina gefeierte Weltstar, wohnte im Nachbardorf Groznjan.

Vier Jahre später lernt Peter Kogler in Wien seine spätere Frau kennen, die aus einer Vorarlberger Architektenfamilie stammt. Die Zeichen stehen günstig. Malerei sei damals, in den später Siebzigern, „definitiv out“ gewesen, erinnert sich Kogler, Performance und Konzeptkunst dominierten, auch und gerade an den Akademien. Er selbst habe Duchamp interessanter gefunden als Picasso. Er verehrt Otto Neurath, den Erfinder von Isotype, und Charlotte Perriand.
Sein erste Lehrerfahrung macht Kogler schon mit Mitte zwanzig an der Frankfurter Städelschule, weil Thomas Bayrle ihn als Vertretungsprofessor für ein Semester an den Main lockt. In der nagelneuen Schirn Kunsthalle bekommt er eine Ausstellung, eine wichtige Weichenstellung. Er zieht weiter nach New York, wo er in der Gracie Mansion Gallery ausstellt. Nach einer Zwischenstation in Paris geht es 1989 nach Los Angeles. An der Westküste gefällt es Kogler und seiner Frau so gut, dass sie bleiben wollen. „Es war damals in der Kunst der Place to be“, sagt er.
Die verstörenden Ameisen von Kassel
Die Entscheidung, die Westküste zugunsten Wiens aufzugeben, hat auch mit der Geburt des ersten Kindes zu tun. Damals schwierig, aus heutiger Sicht richtig. „Die Einladung wäre sicher nicht gekommen, wenn ich in L.A. gesessen wäre“, sagt Kogler, und meint die Einladung zur Documenta IX unter Jan Hoet, bei der er 1992 im Fridericianum einen großen Auftritt bekommt. Mit der im Siebdruckverfahren hergestellten Tapete „Ants“ kleidet er Wände und Decken aus, verstört und fasziniert die Besucher. Die technisch generierten Bilder riesiger Ameisen „in schier unendlicher Reproduktion luden den Raum zusätzlich mit einer bedrohlichen Atmosphäre auf“, heißt es heute darüber auf der Documenta-Seite. Und dann springt ihm auch noch die Weltgeschichte bei: Ein Jahr später, als das Internet erstmals öffentlich nutzbar wird, wird Koglers Kasseler Arbeit als Visualisierung des weltweiten Netzes interpretiert und gefeiert.
1997 ist er noch einmal in Kassel, auf Einladung von Catherine David bespielt er die Documenta-Halle mit einem verschlungenen Röhrensystem, das, da es keiner Logik gehorcht und sich im Unendlichen verliert, die Betrachter herausfordert und zu verschlingen droht. Allerspätestens jetzt ist Kogler eine Marke in der internationalen Kunstwelt. Und er wird zum Spezialisten für Kunst im öffentlichen Raum, was unter anderem den Vorzug hat, dass seine Arbeiten auf Dauer ausgelegt sind und nicht wie bei der Documenta ephemer bleiben, nach vier Wochen wieder von der Wand gerissen werden.

Wiederherstellbar bleiben sie, weil ihre Rasterstrukturen auf Koglers Computern gespeichert sind. Das heißt, auf den jeweils aktuellsten Modellen. Weswegen das Atelier auch im Lauf der Jahre zu einem Technikmuseum mutiert, mit Rechnern, Druckern und Plottern aller Generationen, darunter Klassiker wie Commodore 64 und Macintosh SE. Zum Glück gibt es mit Richard Hilbert einen in Wiener Kunstkreisen legendären Fachmann unter seinen Mitarbeitern, der sich darauf versteht, den alten Kisten ihre Schätze zu entlocken.
Der Abstecher an die Städelschule zeigt Peter Kogler, dass er gern mit jungen Menschen arbeitet. Und so wird er 1993 Professor an der Akademie der Bildenden Künste am Wiener Schillerplatz, baut den Studiengang Medienkunst auf. 2008 folgt er einem Ruf nach München, wo er bis zur Emeritierung im vergangenen Herbst die Professur für Grafik an der Kunstakademie innehatte. Dass seine Studenten – darunter Anna Jermolaewa und Manuel Gorkiewicz – erstens erfolgreich und zweitens untereinander verbunden sind, freut ihn.
Wie werden die Passanten reagieren?
Koglers Laufbahn macht mehrmals Station bei der Biennale in Venedig und im MoMA. Einzelausstellungen widmen ihm unter anderem das Kunsthaus Bregenz, der Kunstverein Hannover, das Mumok in Wien, Museen in Rom, Brüssel, Zagreb, Herford. Gesammelt wird er im Belvedere, im MAK, in der Kunstsammlung NRW, im Centre Pompidou und im Walker Arts Center sowie von diversen Privatsammlern. Er sei „nie im Mainstream“ gewesen, seine Preise seien „nie durch die Decke“ gegangen, aber er habe „ein gutes Auskommen“. Den Kapriolen „des heute von Galeriekonzernen dominierten Kunstmarkts“ steht er skeptisch gegenüber.
Koglers Kunst ist häufig eng verwoben mir der sie begleitenden Architektur, vor allem an Orten, die keine klassischen Ausstellungsorte sind. Die Formel des Künstlers lautet: „Meine Bilder machen aus einer anonymen Situation einen Ort.“ So wie etwa in Graz geglückt, wo Kogler für das Kulturhauptstadtjahr 2003 in der Bahnhofshalle eine 2300 Quadratmeter große Arbeit schuf, die auf dem Rotton der Österreichischen Bundesbahn biomorphe Strukturen wuchern lässt. Die Arbeit habe ihm Kopfzerbrechen bereitet, erinnert sich Kogler. „Ich war mir nicht sicher, wie die 30.000 Menschen, die hier jeden Tag durchmüssen, damit umgehen. Was, wenn sie meine Arbeit hassen?“ Zunächst nur für die Dauer des Kulturhauptstadtjahres geplant, wollten sich die Fahrgäste nicht von dem Riesenbild trennen, schließlich stimmte die Bevölkerung für dessen Erhalt.

Zuletzt hat Kogler zusammen mit dem Wiener Architekten Boris Podrecca in Neapel für die von Künstlern gestaltete U-Bahnlinie 6 die Station San Pasquale mitgestaltet. Während die Architektur ein Schiffswrack evoziert, hat er auf dem langen Abstieg zu den Gleisen die 35 Meter hohen Seitenwände der Station durch verschiedene Blautöne in schäumende Wellen verwandelt. Undaktuell arbeitet er mit der traditionsreichen Glaskunstfirma Barovier & Toso aus Murano an einer Lampenserie, deren Glaskörper bis in die Oberflächenstruktur ein menschliches Gehirn detailliert nachbildet. Das ist nicht nur eine Herausforderung für die Glasbläser, sondern auch ein Rekurs auf ein Motiv, das seit Jahrzehnten immer wieder in Peter Koglers Œuvre auftaucht – auf das wichtigste Organ eines Erfinders.
Source: faz.net