Serie „Die Schwestern Grimm“: Vorsicht, ein Riese!
Viel erwarten die Schwestern Sabrina und Daphne nicht, als sie mit dem Zug in der Kleinstadt Ferryport Landing ankommen. Suspekt ist sie ihnen aber durchaus. Seit dem Verschwinden ihrer Eltern lebten sie im Waisenhaus und bei Pflegefamilien. Nun hat sich eine alte Frau aus dem Hafenort im Staat New York gemeldet, die angibt, die Großmutter der Schwestern zu sein – obwohl deren Eltern immer gesagt hatten, dass es sonst keine lebenden Verwandten gebe. Während Daphne sich dennoch in die neue Situation findet und Freundschaft mit dem großen Hund der alten Dame schließt, denkt Sabrina sofort darüber nach, mit ihrer kleinen Schwester aus dem mit Büchern vollgestopften alten Haus zu fliehen.
Die Schwestern seilen sich aus dem Fenster ab. Sie werden unterwegs im Wald so lange von einer Schar bissiger Elfen attackiert, dass ihnen nichts anderes bleibt als der Rückzug ins Haus. Und erfahren dort schließlich, dass ihre seltsamen Erlebnisse kein Zufall sind: Ihre angebliche Großmutter Relda, die deutsche Worte wie „Liebling“ benutzt und behauptet, in Deutschland geboren zu sein, erzählt von ihren Vorfahren, den Brüdern Grimm. Und deutet an, dass deren Texte keine Märchen, sondern Berichte über Sichtungen außergewöhnlicher Geschöpfe seien.
Kurze Folgen
Die sechsteilige Animationsfilmserie „Die Schwestern Grimm“, die jetzt bei AppleTV+ gesendet wird, folgt mit dieser Genealogie der Hauptfiguren einer eigenwilligen Konstruktion: Denn Jacob Grimm hatte keine Nachkommen, Wilhelms Söhne und seine Tochter hatten keine ehelichen Kinder. Sein Sohn Rudolf zeugte zwar eine uneheliche Tochter, die aber den Familiennamen nicht weitergeben konnte. Gemessen daran gibt es erstaunlich viele populäre Adaptionen, in denen Abkömmlinge der Grimms in unserer Zeit auf Gestalten treffen, die dem Kosmos der „Kinder- und Hausmärchen“entsprungen sind, jenem seit 1812 in zahlreichen Auflagen verbreiteten Buch, das die Brüder weltberühmt gemacht hat. So erfährt in der ersten Folge der Fernsehserie „Grimm“ ein junger Polizist nicht nur, dass er auf unklare Weise von den Brüdern abstammt, sondern auch, dass er umgeben ist von realen, gefährlichen und bösartigen Fabelwesen, die seine Ahnen einst bekämpften – diese Aufgabe geht nun auf ihn über.
„Die Schwestern Grimm“ basiert auf der Kinderbuchreihe „Die Grimm Akten“ von Michael Buckley und hält sich weitgehend an die Handlung. Großmutter Relda gewinnt außer Daphnes Herz auch Sabrinas Vertrauen, die Hoffnung wächst, dass die Eltern der Mädchen doch noch am Leben sind. Auf der Spurensuche erscheint plötzlich ein Riese am Horizont, und während der zwielichtige Bürgermeister alles noch zum Zufall erklärt, werden die Großmutter und ihr wölfischer Begleiter entführt. Außer den Elfen haben auch noch der Kobold Puck, die Märchenfigur Jack (mit der Bohnenranke), der magische Spiegel und andere mehr ihren Auftritt, und dieses Spiel beiderseits der Grenze von Mythos und Realität betreibt die Serie lustvoll und durchaus innovativ – die Welt hinter dem Spiegel etwa ist ein Lager berühmter magischer Accessoires, und der im Glas lebende Ratgeber antwortet auf Fragen keineswegs so überzeugt wie in „Schneewittchen“, sondern überlegt mitunter enervierend lang. Und auch die ländliche Abgeschiedenheit als Rückzugsort für Fabelwesen wie schon in der Serie „Once Upon A Time“ bewährt sich hier als eine Region mit eigenen Regeln.
Die Folgen sind mit je 24 Minuten kurz, die Cliffhanger wirkungsvoll, und die Frage von Gut und Böse stellt sich immer neu. Denn die Schwestern Grimm nehmen den Rat ernst, den sie am Anfang erhalten: Es ist an ihnen, aus der Märchentradition ihre eigene Geschichte zu schreiben. Das gelingt.
Die Schwestern Grimm, vom 3. Oktober an auf AppleTV+
Source: faz.net