Serhij Zhadan und Karl Schlögel: Palimpseste welcher Zerstörung

Nahezu vier Jahre nach Beginn von Russlands Vollinvasion in die Ukraine trafen sich in der Berliner Akademie der Künste der in den ukrainischen Streitkräften dienende Schriftsteller Serhij Zhadan und der Historiker Karl Schlögel, zwei Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels, um unter dem Titel „Seit Jahren reden wir vom Krieg“ die Lage zu bilanzieren. Bei dem von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Deutsch-Ukrainischen Büro organisierten Podiumsgespräch bekundete der 77 Jahre alte Schlögel, der 2014 Russlands gewaltsame Installation der Donezker „Volksrepublik“ live beobachtete und seither unermüdlich Unterstützung für die angegriffene Ukraine einklagt, seine Dankbarkeit dafür, dass Zhadan, den die Armee für zwei Wochen beurlaubt hatte, unversehrt ist.
Der 51 Jahre alte Schriftsteller, der vor zwei Jahren mitsamt den Punkmusikern seiner Band „Sobaky“ (Hunde) freiwillig Soldat geworden war, verbreitete die Ruhe eines verantwortungsvollen Offiziers. Er sei in der Khartia-Brigade der Nationalgarde für Medien und Kommunikation zuständig, sagte Zhadan im vollbesetzten Plenarsaal der Akademie am Pariser Platz. Dort habe er den über YouTube abrufbaren Sender Radio Khartia gegründet und organisiere Bildungsangebote für Offiziere und Unteroffiziere. Sein Ziel sei einerseits, die Armee in der Gesellschaft sichtbar zu machen, zu entmythologisieren, aber auch, Kameraden zu helfen, im Krieg, der den Einzelnen isoliere, sich als Menschen nicht zu verlieren. Der chinesische Künstler Ai Weiwei sei zu Besuch gekommen, berichtete Zhadan und lud auch Schlögel ein, ihn auf dem Stützpunkt bei Charkiw zu besuchen. Der sagte spontan zu.
Der beste Borschtsch in Charkiw
Ukrainer und Europäer wollten das gleiche, nämlich Frieden, sagte Zhadan, doch die ukrainische Erfahrung der ständigen Raketenangriffe sei schwer vermittelbar. Deswegen reagierten seine Landsleute heute auf alles superemotional, erklärte der Schriftsteller, der auch Einwürfe aus dem Publikum, die deutsche Friedenssprachregeln befolgten, klug beantwortete und dem Gespräch so mehrfach eine Wendung weg vom Erwartbaren gab.
Einem Zuhörer, der wissen wollte, wie sehr sich das Land heute noch als multiethnisch verstehe, sagte Zhadan, die Erfahrung, Zielscheibe russischer Geschosse zu sein, habe die Ukraine grundsätzlich verändert. Und ein anderer, der nach Zhadans Lieblingsrezept für Borschtsch fragte, erfuhr, das sei das von seiner Mutter in Charkiw, die beim Zubereiten des Rote-Bete-Eintopfs stets von ihrem russisch besetzten Heimatort in der Region Luhansk spreche, nach dem sie sich sehne – wie ihr gehe es vielen Ukrainern, die im Alter entwurzelt wurden.
Mord durch Erfrierenlassen
Die Moderatorin Kateryna Stetsevych führte das Wort „Cholodomor“ – Morden durch Erfrierenlassen – ein, das in diesem kalten Winter, da Russland die Energieinfrastruktur der Städte zerstört, dessen Kriegstaktik beschreibt, in Anlehnung an den „Holodomor“, den Massenmord durch künstlich erzeugten Hunger in der Stalinzeit. Zhadan sprach von einem „Palimpsest der Zerstörung“ in seiner jetzigen Heimatstadt Charkiw, weil dort zunächst die Bolschewiken die Kirchen und das alte Zentrum zerstört und konstruktivistische Bauten errichtet hatten, die jetzt von den Russen zerstört würden. Schlögel mahnte an, sich die Phänomenologie der Gewalt in der Ukraine vor Augen zu führen: den Sadismus marginalisierter fernöstlicher Soldaten in Butscha, die erstaunt waren über den relativen Komfort dort, und die Orchestrierung der Gewalt durch russische Fernsehpropagandisten, die dazu aufriefen, Atombomben auf London oder Berlin abzuwerfen.
Mit dem utopischen Zielprogramm der nationalsozialistischen Vernichtungskriegsführung verglich Schlögel die Deportation ukrainischer Kinder, die umerzogen würden und russische Pässe bekämen – Putin betreibt nach Schlögels Worten offen die „Umvolkung“, die Putins deutsche Freunde für die geheime Absicht hinter der humanitären europäischen Asylpolitik halten.
Zhadan nannte die jüngsten Genfer Verhandlungen weder ehrlich noch konstruktiv, doch als ein Zuhörer klagte, der Ukraine werde zu wenig geholfen, antwortete er wieder mit der Ruhe des Offiziers. Ja, die Ukraine bezahle mit Menschenleben für Russlands Komplexe, doch sie halte stand; der Krieg sei für die Russen sinnlos, de facto sei der Teufelskreis wiederkehrender russischer Gewalt schon durchbrochen.
Das kriegsversehrte Charkiw sei trotz ständigem Alarm eine lebendige Millionenstadt, die Leute gingen ins Konzert und in die Oper, berichtete Zhadan. Er arbeite dort mit Kindern von Soldaten, die in Kellern Philosophieunterricht bekämen, und spreche mit ihnen über Musik. Viele Jugendliche seien traumatisiert, wollten aber bleiben und etwas für ihr Land tun, versicherte er. In der Ukraine wachse eine stressgezeichnete, aber starke neue Generation heran.
Source: faz.net