Sergej Lebedews „Beschützerin“: Das unerschöpflich Ungehorsam eines Ortes

Ein Mädchen kehrt zurück in sein Dorf im Donbass, um die kranke Mutter zu pflegen. Marianna leitete jahrzehntelang die Wäscherei einer Zeche, jetzt hat sie Krebs: „Und der gesamte Schmutz, den sie weggewaschen hatte, schien zurückzukehren, sich in ihrem schwarz werdenden Körper und ihrem sich trübenden Geist festzusetzen.“ Shanna, Studentin im nahen Charkiw, kann der Mutter die Krankheit nicht verzeihen, nicht deren Schwäche, Verwahrlosung, Anwandlungen von Verfolgungswahn. Denn Marianna erschien ihr Leben lang erhaben über die Niederungen des menschlichen Lebens, das zeigte sich nicht nur im professionellen Umgang mit Wasser und Chemie. „Reinheit ist wichtiger als jedes Weiß“ lautete ihre Devise.

„Die Beschützerin“ heißt im russischen Original „Belaja dama“ – weiße Dame. Das passt zu Mariannas Beruf, aber auch zu ihrer Berufung, gegen die moralische Verschmutzung anzugehen. Die Wäscherin schien mit einer Art Zauberkraft ausgestattet, die sie ehrfurchtgebietend und unantastbar machte und an die Weiße Dame der europäischen Sagenwelt erinnert. Man kann aber auch an die übermächtige Schachfigur oder die Dame des Kartenspiels denken, eine Spur, die sich bestätigt, sobald zwei weitere Akteure auftreten: der Sohn der Nachbarin mit dem Spitznamen Valet (Bube) und ein alter General namens Korol, zu Deutsch König. Beide haben eine offene Rechnung mit Marianna. Valet wurde von ihr sozusagen verbannt, ging zu seinem Onkel, einem hohen Polizeioffizier, nach Russland und kehrt nun, nach Mariannas Tod, im Dienst der von Moskau bewaffneten Separatisten zurück. Seine Rachephantasien drehen sich um Shanna, ihr Vertrauen will er gewinnen, um sie umso brutaler zu demütigen.

Das Cover zu Sergej Lebedews Roman
Das Cover zu Sergej Lebedews RomanS. Fischer

General Korol war bereits zu Sowjetzeiten in Marat als Geheimdienstler stationiert und hatte Marianna als Gastgeberin suspekter Zusammenkünfte im Visier, ohne ihr etwas nachweisen zu können. Nun wird er, der auch im ukrainischen Militär Karriere hätte machen können, als „erfahrener Dramaturg der operativen Kunst“ von Moskau wieder in den Donbass beordert, um die lokalen Freischärler anzuleiten.

Wie die Toten jeweils über den Leichen der anderen Toten liegen

Sergej Lebedews metaphernstrotzender Roman kreist um die Vorstellung, es gäbe Orte, die Unglück und Verbrechen anziehen. Alsbald spürt auch Shanna „das unerschöpfliche Böse dieses Ortes“, wie „man verborgene Fäulnis oder Verderbnis erkennt“. Der Autor verknüpft den – von Putin bis heute geleugneten – Abschuss einer Boing 777 der Malaysia Airways durch eine russische Luftabwehrrakete im Juli 2014, der 298 Menschen das Leben kostete, mit der (fiktiven) Geschichte eines zubetonierten Schachtes. Die Toten materialisieren sich in Sedimenten der Erinnerung, aber auch buchstäblich als Ablagerungen in den Tiefen der Erde. Lebedew beschreibt mit drastischem Realismus, was übrig bleibt, wenn ein voll besetztes Flugzeug zerschellt, er gibt aber auch einem jüdischen Mordopfer der deutschen Besatzungszeit eine Stimme. Dieser stellt sich nicht als Untoter vor, sondern als „Fossil“, das dem „Ideal der sowjetischen ‚Höherbelegung‘“ in der Gemeinschaftswohnung entspricht: „Unter uns liegen von den Deutschen erschossene Soldaten der Roten Armee. Unter ihnen die Gefangenen sowjetischer Gefängnisse, erschossen von den Bolschewiki.“ Unter ihnen „rote“ und „weiße“ Geiseln des Bürgerkriegs. „Und unter ihnen sind die getöteten Streikenden der ersten Revolution von 1905.“

Fünf Tage in fünf Kapiteln und aus vier Perspektiven (Shanna, Valet, der General, der Ingenieur) schildert Sergej Lebedews Roman einen schmutzigen Vorkrieg, der sich tatsächlich noch als russische „Spezialoperation“ bezeichnen lässt. Der ruhmgeile Valet ist es in Lebedews Version, der dem halbheimlich agierenden Offizier der Luftverteidigung das passende Versteck für seine Rakete zeigt: zwischen den Maschinenruinen des Schachts. Wie schon in seinem Agententhriller „Das perfekte Gift“ (2021) erfüllt Lebedew die Konventionen der Gattung, um sie tiefsinnig zu unterlaufen: „Die Beschützerin“ ist weder Tatsachenroman noch Kriegsbericht oder Milieustudie. Dem Übersinnlichen widmet sich der Autor genauso wie dem Sinnlichen, er betont die Zufälligkeiten und Absurditäten nationaler Zuordnung, erzählt von zerrissenen Familien und macht Verrohung, Skrupellosigkeit und Machtrausch der Militärs, vom kleinen Gefolgsmann bis zum General, anschaulich.

Exorzismus der Menschenverachtung

Dass Lebedew als studierter Geologe die Zeitachse der Gewalt als Vertikale betrachtet und Schicht um Schicht in den aufgelassenen Schacht eines Kohlereviers verlegt, ist ebenso begreiflich wie sein Anliegen, dem seit Stalin praktizierten Schweigen der Sowjets über die Massenerschießungen von Juden durch Wehrmacht, Waffen-SS und ukrainische Helfer eine literarische Stimme entgegenzusetzen. Gerade in der Ich-Erzählung des geisterhaften Ingenieurs gerät Lebedews poetische Opulenz jedoch an ihre Grenzen. Die mythische Beschwörung des Bergbaus im Gefolge der Romantik vermischt sich mit der bald pathetischen, bald sarkastischen Klage der Ermordeten zu einem Raunen, das die Gräueltaten ihrer Historizität zu entkleiden droht.

Dennoch vermag Sergej Lebedews Versuch eines Exorzismus der Menschenverachtung und Mordgier mit den Mitteln literarischer Einfühlung zu beeindrucken – auch dank der deutschen Übersetzung von Franziska Zwerg. Im Showdown nach dem Flugzeugabschuss, so viel sei verraten, scheint die Macht der Beschützerin wirksam über ihren Tod hinaus. Das ist ein Funken Trost nach einem Feuerwerk der Desillusionierung.

Sergej Lebedew: „Die Beschützerin“. Roman. Aus dem Russischen von Franziska Zerg. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2025. 256 S., geb., 26,– €.

Source: faz.net