Sechs Schlüsselsektoren: Wo Europa in Zukunft technologisch punkten kann

In Europa hat sich der Eindruck festgesetzt, den Vereinigten Staaten und China technologisch hinterherzuhinken. Doch eine Analyse des europäischen Wagniska­pitalgebers Redalpine kommt zu dem Schluss, dass Europa in sechs Schlüsselsektoren durchaus Führungsanspruch erheben könnte. Die Analyse lag der F.A.Z. vor Veröffentlichung vor. Die Autoren des Berichts haben dafür zahlreiche Interviews mit führenden Investoren, Forschern und Gründern geführt.

„Europa hat immer noch eine global wettbewerbsfähige, wenn nicht sogar führende Grundlagenforschung“, sagt Redalpine-Partner Oliver Pabst. Diese sei stark eingebunden in die Wirtschaft und mit dafür verantwortlich, das Europa etwa in der Kernfusion schon heute führend sei – einem der von Redalpine auserkorenen Schlüsselsektoren. Nicht nur die Physikexpertise ist laut den Autoren des Berichts dabei ein Vorteil, sondern auch das über Jahrzehnte ge­wachsene Zulieferökosystem für den Versuchs-Kernfusionsreaktor ITER oder das CERN in Genf.

Die Kombination aus wissenschaft­licher Exzellenz und Software sei im Bereich der programmierbaren Biologie entscheidend, für den Redalpine in Eu­ropa großes Potential sieht. Dabei geht es zum Beispiel um die Entdeckung und Entwicklung neuartiger Wirkstoffe oder Moleküle mithilfe großer Datenmengen.

Das industrielle Rückgrat als Standortvorteil

Einen weiteren Standortvorteil sieht Pabst in Europas industriellem Rückgrat. Das herstellende Gewerbe und Ingenieurwesen seien tief in der DNA der Wirtschaft verwurzelt. Damit habe Eu­ropa einen entscheidenden Vorteil ge­genüber den USA, sagt Pabst – eigene Industriedaten. „Wir können mit diesen Daten ganz neue Geschäftsmodelle bauen“, sagt er. Die intelligente Automa­tisierung von Unternehmensprozessen mit Künstlicher Intelligenz sieht Red­alpine daher ebenfalls als Schlüsselsektor. Die wahre Herausforderung im KI-Zeitalter sei weniger der harte Code, sondern es seien die Verknüpfung von KI-Produkten mit Unternehmensdaten und die Inte­gration in hochkomplexe Fertigungs- oder andere Unternehmensprozesse. Mit Langdock oder n8n gibt es schon heute Berliner Start-ups, die in der Orchestrierung von KI-Agenten international erfolgreich sind.

Auch ein weiterer technischer Trend kommt den europäischen Stärken in der Fertigung entgegen: „Das Thema Hardware ist zurück“, sagt Pabst. In vielen Bereichen liege der Wettbewerbsvorteil nicht mehr in der reinen Software, sondern in der Kombination aus Soft- und Hardware. Das gilt laut Bericht zum Beispiel für digitale Gesundheitsanwendungen, die vor allem in Kombination mit Echtzeitdaten von Patienten oder aus dem Klinikalltag großes Potential hätten. Die dafür nötigen tragbaren Geräte seien ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal. Hier käme Europa zudem ausnahmsweise seine strikte Regulierung zugute, weil sie in dem sensiblen Sektor Vertrauen schaffe.

Industriedaten für Robotik-Cluster

Die Hardware-Expertise hilft auch in der Robotik. Europas große Industriekonzerne könnten als frühe Abnehmer und Sparringspartner helfen, später auch mit ihrer Expertise in der Präzisionsfertigung, allen voran aber als Da­tenlieferanten, heißt es in der Analyse. Robotik sei im Prinzip die Übersetzung Künstlicher Intelligenz in die physische Welt – und der größte Flaschenhals dabei seien nicht die Hardware oder die Lernalgorithmen, sondern die verfügbaren Industriedaten. In Zürich sei um die ETH herum längst ein Weltklasse-Robotik-Cluster entstanden.

Großes Potential sieht Redalpine trotz eines offensichtlichen Rückstands im Starten von Raketen gegenüber SpaceX auch in der Weltraumökonomie, die von Europas neu entdecktem Souveränitätsanspruch profitiere. Zwar gewinnen auch Raketenhersteller wie Isar Aerospace aus München an Momentum, Red­alpine betont aber auch die Rolle europäischer Start-ups in der Kommerzia­lisierung von im Weltraum gewonnen Daten.

Europa habe bewiesen, dass es sogenannte Einhörner oder auch Zehnhörner hervorbringen könne, heißt es im Bericht. So bezeichnen Investoren Start-ups, die mit einer beziehungsweise zehn Milliarden Dollar bewertet werden. Jetzt gehe es um den Aufbau von „Generationenunternehmen“, die über Jahrzehnte Branchen prägen.

Es bleiben Baustellen. Der „wunde Punkt“ im europäischen Ökosystem seien die Exitmärkte, sagt Start-up-Investor Pabst. Europäische Start-ups gehen nur selten in Europa an die Börse, auch Übernahmen durch europäische Konzerne sind seltener als in den Vereinigten Staaten. Dadurch fließt weniger Geld ins Ökosystem zurück. Der Datenplattform Dealroom zufolge entfallen auf Europa nur 6 Prozent des Werts aller weltweiten Einhörner – auch, weil 42 Prozent der in Europa gegründeten Einhörner das Unternehmen irgendwann doch in den USA skalieren.

Zwar gebe es mehr Kapital in den Vereinigten Staaten, gibt Pabst zu. Das europäische Start-up-Ökosystem sei 20 Jahre jünger. Aber: „Die Höhe von Finanzierungsrunden alleine ist kein Qualitätsmaßstab“, sagt Pabst. Tatsächlich hat der europäische Private-Equity-Branchenverband Invest Europe errechnet, dass europäische Wagniskapitalinvestoren über einen Horizont von zehn oder 15 Jahren eine bessere Rendite erwirtschaftet haben als ihre amerikanischen Pendants. So lag die Rendite europäischer Fonds über die letzten zehn Jahre bei gut 20,8 Prozent, die amerikanischer Fonds bei gut 18,2 Prozent. Die Studienautoren erklären das auch mit geduldigerem Kapital in Europa, das nicht Wachstum um jeden Preis forciere.