Schwarz-Schilling gestorben: Ein zweites Leben z. Hd. Bosnien

In Deutschland wird Christian Schwarz-Schilling meist mit der Einführung des Privatfernsehens und der Privatisierung der Post assoziiert. Er selbst berichtete, wie ein Augusttag des Jahres 1992 der wohl prägendste Tag seines Lebens gewesen sei.
Seit 1982 Minister für Post- und Fernmeldewesen unter Bundeskanzler Helmut Kohl, las er am Strand von Juan-les-Pins Zeitungsberichte des amerikanischen Reporters Roy Gutman aus dem Krieg in Bosnien-Hercegovina. Es ging um Massaker, Vergewaltigungen, Folterlager.
Wie eine Lektüre sein Leben veränderte
Im Vorwort zu Schwarz-Schillings 2020 erschienenem Buch „Der verspielte Frieden in Bosnien. Europas Versagen auf dem Balkan“ hat Michael Schmunk, einst deutscher Botschafter in Sarajevo, anschaulich beschrieben, was die Lektüre auslöste: „Der Bosnienkrieg, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor allem in den Enklaven und sogenannten UN-Schutzzonen (…) und der darauf folgende Versuch, ein neues, besseres, versöhntes Bosnien aufzubauen, sollten von da an – bis heute – sein Leben bestimmen.“
Schwarz-Schillings zweites politisches Leben begann mit einem Paukenschlag. Bei einer hitzigen Kabinettsdiskussion im Dezember 1992 über die deutsche Bosnienpolitik sagte der hessische CDU-Politiker: „Ich schäme mich, diesem Kabinett anzugehören, wenn es beim Nichtstun bleibt.“ Kohl soll entgegnet haben, niemand sei gezwungen, Teil seiner Regierung zu sein. Wenige Tage später erklärte „CSS“ seinen Rücktritt.
Im Februar 2006 wurde er, auf Vorschlag von Kanzlerin Angela Merkel, der er weltanschaulich näher stand als Kohl, zum Hohen Repräsentanten der Staatengemeinschaft in Bosnien ernannt. Glücklos, ohne Rückendeckung aus Berlin und mit Denunzianten in seiner nächsten Umgebung, hielt er sich ab er nur ein Jahr im Amt. Sein bosnisches Engagement versiegte jedoch nie. Am Montag ist Schwarz-Schilling, geboren 1930 in Innsbruck als Sohn eines Komponisten und einer Pianistin, an seinem Wohnort Büdingen verstorben.
Source: faz.net