Schulen in Solingen: Was bringt ein Social-Media-Verbot?
Weltweit wird über Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche diskutiert. In Solingen verzichten Fünftklässler bereits stadtweit auf soziale Medien. Die Bilanz an den Schulen: positiv.
„Die Kinder reden und spielen wieder miteinander“, sagt Andreas Tempel, Leiter der Alexander-Coppel-Gesamtschule Solingen. Auch seine Schule ist beim stadtweiten Social-Media-Verbot dabei. „Auf dem Schulhof wird wieder richtig interagiert, was früher mit den Handys nicht der Fall war. Die saßen da nur in den Ecken über ihre Handys gebückt.“
Die Gesamtschule hat gemeinsam mit den Eltern einen Absichtsvertrag aufgesetzt und das Verbot getestet gegen das endloses Scrollen und die ständige Ablenkung. Rund 1.400 Schülerinnen und Schüler aller fünften Klassen machen in Solingen zusammen mit ihren Eltern mit: Kein Social Media mehr für Fünftklässler in der Schule und zu Hause. „Da gab es Mobbing untereinander bei Social Media in sehr unangenehmen Situationen. Wir müssen die Kinder schützen vor dem, was sie da sehen können. Sie sind viel zu jung für so etwas“, sagt Tempel.
Verbot funktioniert gut
Im fünften Jahrgang an seiner Schule gibt es 162 Kinder, und das Verbot habe bei allen sehr gut funktioniert. „Das ist sehr geräuschlos bei uns passiert. Wichtig ist, dass die Eltern auch mitmachen. Das darf ja nicht aufhören, wenn die Kinder nach Hause gehen.“
Kein TikTok, kein Instagram, kein Snapchat. Seine Hoffnung ist, dass sie in wenigen Jahren eine Schule ohne Handy und Social Media sind. „Kinder kommen bei uns am Montag in die Schule und sind gerädert und komplett durch, weil sie am Wochenende zu viel am Handy waren – und da gerade in den sozialen Netzwerken.“ Das sei problematisch.
„Psychische Gesundheitsepidemie“
Seit zehn Jahren arbeitet Markus Surrey in Solingen als Schulpsychologe und begleitet das Projekt in der Stadt. In seiner Beratung mit Kindern und Jugendlichen erlebt er, dass Social Media die Kinder belastet und abhängig macht.
Der Psychologe spricht von einer psychischen Gesundheitsepidemie: „Die Angsterkrankungen und Depressionen sind rapide angestiegen. Das haben wir hier in Solingen erlebt. Die unreflektierte Nutzung der sozialen Medien ist gefährlich. Schüler haben mir von ihrer Sucht erzählt, ständig das Handy zu checken.“
Seine Bilanz des Verbots fällt positiv aus: Schüler seien deutlich zufriedener und die Schulhöfe wieder lebendiger. Alle zwölf weiterführenden Schulen in Solingen beteiligen sich an dem Projekt. Der Verzicht werde so zur neuen Normalität ohne Konkurrenzsituationen und das Gefühl, zum Außenseiter zu werden. Das gemeinschaftliches Verbot sei der richtige Weg, so der Psychologe.
Für einzelne Eltern ist es schwierig, Smartphone oder Social-Media-Nutzung ihrer Kinder einzuschränken. „Wir müssen das kollektiv als Gesellschaft angehen. Wenn zehn oder zwanzig Eltern in einer Klasse sagen: Mein Kind kriegt in der 5. Klasse kein Smartphone, dann wird das Kind nicht zum Außenseiter. Gemeinsam funktioniert das. So können sie immer auf die 19 anderen verweisen, die eben auch kein Smartphone haben“, sagt Markus Surrey.
Politische Debatte zu spät?
Die jetzige politische Debatte über Social-Media-Verbote sei ziemlich verspätet, kritisiert der Psychologe. „Ich hätte mir die Debatte um Verbote schon vor zwei Jahren gewünscht.“ Auf dem CDU-Bundesparteitag in Stuttgart hatten sich die Delegierten am Wochenende mit klarer Mehrheit für eine gesetzliche Altersgrenze von 14 Jahren für die Nutzung sozialer Netzwerke ausgesprochen. Auch die SPD dringt auf ein rasches Handeln.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf fordert die Koalition auf, das Thema nun „zügig“ anzugehen. „Wir brauchen endlich klare Regeln auf den digitalen Plattformen. Suchtverstärkende Algorithmen, Hass und Mobbing stellen ein massives Problem für unsere gesamte Gesellschaft dar und können insbesondere Kinder und Jugendliche stark gefährden und krank machen“, sagt Klüssendorf.
Im Schnitt 231 Minuten am Handy
Laut aktueller JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest besitzen fast alle Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren ein eigenes Handy. Zwei Drittel der Befragten sagen, häufig mehr Zeit am Smartphone zu verbringen als eigentlich geplant. Im Schnitt verbringen sie täglich rund 231 Minuten mit ihrem Gerät. Mit der Folge, dass sie morgens oft müde sind, weil sie abends zu lange am Handy waren.
Andreas Tempel aus Solingen freut sich über die politische Debatte: „Das Thema wird auch groß von der Politik aufgenommen. SPD und CDU diskutieren ein Verbot. Ich glaube, dass die in die Richtung gehen, was wir im Kleinen in Solingen schon vorleben“, sagt der Schulleiter.
Schülervertretung gegen Verbot
Anastasia Pick vertritt die Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen. Im Moment fastet die 13-Jährige soziale Medien, freiwillig, ein Verbot lehnt sie ab. „In heutiger Zeit läuft nicht mehr alles über Zeitung, über Briefe oder über E-Mails“, sagt sie. „Man macht das hauptsächlich nur noch über Social Media, über Snapchat und TikTok. Da gibt es Chats, mit denen man untereinander schreiben kann.“ Social Media sei zu wichtig geworden für das Leben junger Menschen, um es einfach zu verbieten. Stattdessen solle man Kinder im richtigen Umgang damit schulen.
Das Verbot in den fünften Klassen macht in Solingen Schule an den Schulen. „Auch andere Jahrgänge und Klassen bei uns haben sich das selbst verordnet und wollen mitmachen“, sagt Schulleiter Tempel. „Der Rest von Deutschland könnte von uns lernen, wie gut und geräuschlos das läuft, wenn man das Experiment gemeinsam anstößt und gut begründet.“
Verbot als erster Schritt
Das Verbot ist für Psychologe Markus Surrey aus Solingen ein erster sinnvoller Schritt, um den Kindern zu helfen. Wichtig sei aber auch, dann immer wieder zu reflektieren und mit den Jugendlichen über die Entwicklung und die Gefühle dabei zu sprechen. „Ab einem gewissen Alter geht es mehr um die eigene Motivation bei den Jugendlichen, die Mechanismen finden, um sich selbst zu regulieren“, sagt Schulpsychologe Surrey.
Er spricht auch die Eltern an, die häufig selbst ein problematisches Nutzungsverhalten hätten. Er formuliert das so: „Wir haben suchtkranke Kinder mit suchtkranken Eltern, die die Medien problematisch nutzen: Wenn Kinder mir berichten, dass der Vater am Esstisch nicht greifbar ist und auf sein Handy starrt.“ Er wünscht sich eine ehrliche Diskussion, wie wir alle gesünder mit der digitalen Welt umgehen.
Source: tagesschau.de
