Schlögel trifft Zhadan: Chronisten jener Gewalt
Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan und der deutsche Osteuropahistoriker Karl Schlögel, auf einem Podium in Berlin: Unter dem Motto „Seit Jahren reden wir über den Krieg …“ kamen sie am Donnerstag in der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin zusammen – um auch da wieder über den Krieg zu reden. Aus Zhadan, dem wohl bekanntesten Gegenwartsautor der Ukraine, Frontmann der Punkband Zhadan i Sobaky und seit Sommer 2022 auch Soldat, der wie gewohnt Springerstiefel trug, sprudelten die Worte energisch. Der emeritierte Professor im Jackett sprach im Kontrast dazu wie gewohnt nachdrücklich und besonnen, suchte immer nach den präzisesten Begriffen.
Passenderweise hatte Kateryna Stetsevych von der Bundeszentrale für politische Bildung ihre Moderation der ausgebuchten Veranstaltung damit begonnen, die vielen Gemeinsamkeiten der beiden Gäste aufzulisten, die trotz der offenkundigen äußerlichen Unterschiede bestehen: Beide sind sie auf dem Land aufgewachsen, dann zum Studium in Metropolen gezogen. Beide sind Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels – Zhadan wurde 2022 damit geehrt, Schlögel im vergangenen Oktober –, und beide sind „Chronisten des Ostens“, für die der gegenwärtige Krieg in der Ukraine im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht.
Der Plattenbau steht nicht mehr
Sie begannen ihr Gespräch mit Charkiw, Zhadans Wohnort. Die zweitgrößte ukrainische Stadt befindet sich gerade einmal vierzig Kilometer von der russischen Grenze und zwanzig von der Front entfernt, sie leidet enorm unter dem russischen Drohnen- und Raketenterror. Der Plattenbau in der Siedlung Saltiwka im Norden Charkiws, in dem er vor einiger Zeit gelebt hatte, stehe nicht mehr, berichtete Zhadan.
Schlögel, der die Ukraine auf zahlreichen Reisen vor dem Krieg erkundet hatte, nannte Charkiw mit seiner konstruktivistischen Architektur der Zwanziger- und Dreißigerjahre „eine bedeutende europäische Stadt“. Es sei ungeheuerlich, dass es des Schocks des Krieges bedurfte, um das zu erkennen. Zuletzt wurde er 2023 Zeuge der massiven Zerstörung – „Häuser, durch die man hindurchblicken kann“, die einmalige Architektur in Trümmern. Man gehe nicht länger als Flaneur durch die Straßen, sondern als Berichterstatter eines Kriegsschauplatzes. Dass die Stadt dennoch ihren Alltagsrhythmus aufrechterhält, das sei für Schlögel der Inbegriff von Tapferkeit.
Selbstverständlich sei das schmerzhaft, all die zerstörten Gebäude anzusehen, erwiderte Zhadan da, er verstehe Charkiw aber nach der Gewalt des 20. Jahrhunderts – der Zerstörung von Kirchen durch die Bolschiwiki, der zweimaligen deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg – und mit dem jetzigen Krieg als ein „Palimpsest der Vernichtung“. Für die gezielte flächendeckende „Zerstörung der zivilisatorischen Basis“ der Millionenstadt durch russische Truppen griff Schlögel wieder auf seinen Begriff des „Urbizids“ zurück, man müsse sich, mahnte er, genau ansehen, was jetzt passiere: sadistische Gewalt, orchestriert und normalisiert durch permanente Propaganda, eine Kriegsführung mit intelligent gewählten verlogenen Narrativen, die auch in unseren Informationsraum wirken.
All das, forderte Schlögel, müsse man für einen künftigen Prozess gegen die russische Führung dokumentieren. Und gab sich überzeugt, dass es den auch irgendwann geben werde. Interessant, wie Zhadan daran anknüpfte: Auslöser der jetzigen Gewalt, sagte er, sei auch, dass es keinen Prozess gegen die Verbrechen des Stalinismus der Dreißiger- und Vierziger-Jahre gegeben habe. Das „ungestrafte Böse“, das kehre früher oder später zurück.
So ein Podium wie dieses erlebt man selten. Eindrücklich vermittelten die beiden, dass man nicht nur über den Krieg sprechen, sondern den Worten auch Taten folgen lassen muss. Die Moderatorin beschloss den Abend mit dem Hinweis auf die QR-Codes am Ausgang, über die man Spenden an Zhadans Brigade „Chartija“ sowie an dessen Stiftung, die Kinder- und Jugendarbeit leistet, entrichten kann.
Source: faz.net