„SBZ-Stammtisch“: Immer griffbereit z. Hd. vereinigen Abend mit Egon Krenz
An einem Freitagabend im März wird die DDR in Mecklenburg-Vorpommern noch einmal lebendig. An die 400 Gäste haben sich im Bürgersaal von Waren an der Müritz versammelt, Veranstalter Klaus Härtl begrüßt sie mit einem „Seid bereit!“, dem Ruf der Pioniere. „Immer bereit!“, rufen einige aus dem Publikum zurück. Dann treten vier DDR-Berühmtheiten hinter dem dunklen Vorhang hervor.
Der erste ist kein Geringerer als Egon Krenz, 88, früherer Staatsratsvorsitzender der Deutschen Demokratischen Republik. Die anderen sind in Westdeutschland unbekannter, aber allesamt Legenden im Osten: Täve Schur, 95, einstiger Radrennfahrer, Frank Schöbel, 83, Schlagersänger und Waldemar Cierpinski, 75, einst Marathonläufer und Olympiasieger. Ihr Zusammentreffen vor Publikum bewirbt Härtl geradezu bescheiden als „DDR-Stammtisch“.
Wegen der tödlichen Schüsse an der Berliner Mauer musste Krenz um die Jahrtausendwende ins Gefängnis. Obwohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte seine Verurteilung bestätigte, sieht Krenz sich bis heute als Justizopfer. Widerspruch hat er hier heute nicht zu erwarten: Der Radrennfahrer Schur leugnet noch immer das staatliche Dopingsystem in der DDR, der Marathonläufer Cierpinski soll inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen sein und der Schlagersänger Schöbel sieht ostdeutsche Musiker im Westen gecancelt. Er singt an diesem Abend sein neuestes Lied: „Im Osten geht die Sonne auf, im Westen geht sie unter.“
Kommt das gut an bei den Leuten aus Waren, einer 20.000-Einwohner-Stadt in der Mecklenburgischen Seenplatte, die mit ihren sanierten Fassaden in der kopfsteingepflasterten Altstadt nicht gerade wie ein Ort der Wendeverlierer wirkt?

Veranstalter Klaus Härtl jedenfalls scheint davon auszugehen. 341 Jahre seien die vier Männer zusammen alt und wögen zumindest in ihrer Bedeutung schwer, sagt er, sobald sich seine Gäste auf die im Halbrund aufgestellten Stühle auf der Bühne gesetzt haben: „Gut, dass die Bretter hier aus der DDR sind und nicht so West-Mist, sonst wären die schon durchgebrochen!“
Die Fragen, die er seinen Gästen stellt, sind eher Steilvorlagen. Zum Beispiel: „Es ist ja so wahnsinnig viel schief gelaufen damals“ – er meint die Zeit nach dem Mauerfall –, „was ist aus Deiner Sicht besonders schiefgelaufen?“ Oder: „Und was bringt dich auf die Palme?“ Frank Schöbels Antwort lautet dann etwa: „Wie sie mit uns umgehen“ – mit „sie“ meint der Schlagersänger die Wessis, mit „uns“ die Ossis. Die Fronten zwischen West- und Ostdeutschen scheinen an diesem Abend in Waren, fast 40 Jahre nach der Wende, arg verhärtet.
Härtl, 70, ist ein drahtiger Typ, die Haut gegerbt vom vielen Draußensein im Thüringer Wald. Selbst wenn er sich über die BRD echauffiert, klingt das wegen seines thüringischen Dialekts weich; er sagt „Egon Grenz“ und „DDR-Mobed“. Vor der Wende verkaufte er auf den Dörfern im Thüringer Wald handkolorierte Bilder, heute organisiert er Veranstaltungen mit Prominenten aus dem Osten: Politiker wie Sahra Wagenknecht und Egon Krenz, Sportler wie Jens Weißflog und Täve Schur, Musiker wie Frank Schöbel und die Puhdys. Aus seiner Sicht alles Menschen, die nach der Wende nicht fair behandelt wurden und die sich bis heute „so ein bisschen ostdeutsch fühlen“. Überhaupt habe es in der DDR „mehr Gefühl“ gegeben.
Trübe Gegenwart
Seine Nostalgie mischt sich mit einem negativen Blick auf die Gegenwart. So wie es sei, könne es nicht weitergehen, sagt er, und dass es kein Wunder sei, dass die AfD so hohe Zustimmungswerte habe. „Da muss man sich mal ehrlich machen.“ Fragt man nach, was das konkret bedeutet, ob er etwa dafür sei, die AfD regieren zu lassen, weicht er aus: Er könne das alles nicht mehr hören, es sei immer dasselbe und Schuld hätten angeblich immer die Babyboomer, vor allem die aus der DDR, und natürlich Wladimir Putin. „Wenn wir so weitermachen, werden Sie sehen, was wir davon haben.“ Wieder so ein Satz, vorgetragen voller Überzeugung, bei dem letztlich unklar bleibt, was er bedeuten soll.
Auf der Bühne im Bürgersaal, vor dem dunklen Vorhang und zu Klavier-Begleitmusik, spricht Härtl mit seinen Gästen erst mal übers Alter. Täve Schur, der Radrennfahrer, empfiehlt Bewegung und gesunde Ernährung und klagt, im Kapitalismus werde das „gefressen“, wofür die meiste Werbung gemacht werde. Waldemar Cierpinski sagt: „Mir hat Täve mal erzählt, ,ich werde 100, damit ich diesem Kapitalismus lange schaden kann’.“ Die Zuschauer lachen und klatschen.
Der hochbetagte Täve Schur ist der Publikumsliebling. Wenn er Fragen beantwortet, die Härtl eigentlich jemand anderem gestellt hat, führt das jedes Mal zu großer Belustigung – selbst wenn er vergisst, ins Mikrofon zu sprechen und deshalb streckenweise überhaupt nicht zu hören ist.

Egon Krenz hingegen bräuchte eigentlich kein Mikrofon, so durchdringend ist seine Stimme, in der immer noch die Autorität des einstigen Staatschefs mitschwingt. Er sagt Dinge wie: „Wir haben auf der richtigen Seite gestanden und ich denke, die Geschichte wird uns recht geben.“ Schur pflichtet ihm bei – und schwadroniert von einer Verschwörung von Politik und Medien beim Mauerfall: „Als die Leute über die Mauer geklettert sind, waren die Kameras schon da. Das ist alles bestellt gewesen, das große Geld hat auch da gesiegt.“
Auch zur Gegenwart haben die Männer einiges zu sagen. Schur bedauert, dass inzwischen auch in Russland „kapitalistische Verhältnisse“ herrschen: „Gorbatschow, der Dussel“, sagt er, und eine Frau in der dritten Reihe kichert und wiederholt „der Dussel“. Krenz wiederum findet es „furchtbar“, dass eine ganze Generation kriegstüchtig gemacht werden soll: „Und da wundern die sich, wenn wir das im Osten anders sehen!“ – „Jawoll!“, tönt es aus der dritten Reihe. Den Militarismus in der DDR, wo es kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gab, erwähnt Krenz nicht. Stattdessen erzählt er, Bismarck habe noch auf dem Totenbett gesagt: „Nie, nie, nie gegen Russland.“ Da knallt die Tür vom Bürgersaal zu: Jemand ist gegangen.
Die Leute blicken differenzierter auf die Vergangenheit
Auch wenn dieser Abgang der einzige bleibt, so zeigt sich in Gesprächen mit den Gästen doch: Anders als die betagten Männer auf der Bühne, die in der DDR zur Elite gehörten, blicken die meisten Leute hier differenziert auf die Vergangenheit. Selbst die Frau aus der dritten Reihe. Danach gefragt, wie sie es fand, sagt sie nach der Veranstaltung: „Ein unvergesslicher Abend, das war unsere Zeit!“ Und schiebt dann ungefragt hinterher: „Aber die DDR will ich auch nicht zurück.“ Eine andere Frau sagt: „Die waren alle angesagt, als wir jung waren, man verbindet viel mit denen.“ Die politischen Aspekte interessierten sie weniger. Viele betonen, was für ein Idol vor allem der Radrennfahrer Täve Schur in ihrer Jugend gewesen sei. In der Pause stürmen sie für Fotos und Autogramme von ihm auf die Bühne.
Kritischer ist der Blick auf Egon Krenz. Ein Mann sagt: „Den Schießbefehl gab es.“ Krenz, das weiß er genau, leugnet das bis heute. Aufgewachsen sind der Mann und seine Frau in Falkensee, fünf Kilometer Luftlinie von der Grenze entfernt; das Grenzregime kennen sie aus eigener Anschauung. „Mitschüler von uns haben die Grenze überwunden und wurden dann beim Fahnenappell abgekanzelt“, erzählt er. „Und wir haben erlebt, wie junge Menschen, die über die Tschechei das Land verlassen wollten, eingefangen wurden und nach Bautzen kamen. Denen ging es danach mental und körperlich nicht gut, die waren gebrochen.“
Trotzdem schauen die beiden nicht nur mit negativen Gefühlen zurück. Sie selbst, erzählt der Mann, hätten sich engagiert im System, als junge Pioniere, als FDJler. Einer der Widersprüche, die das Leben in der DDR mit sich brachte. Der Mann wirkt so, als wäre er damit im Reinen. „Wir haben damals unsere Freiräume gefunden, der Zusammenhalt war groß“, erzählt er – „größer als heute“, ergänzt seine Frau.

Vom Zusammenhalt schwärmt auch eine weißhaarige Frau, die sagt: „Ich bin in der DDR groß geworden. Mir hat niemand was getan, wir haben uns wohlgefühlt.“ Ihr Enkel, ein junger Mann Ende 20, sagt, er sei hier, um aus erster Hand zu hören, wie es damals wirklich war. Denn: „Der Sieger schreibt die Geschichte.“ Den Geschichtsbüchern in der Schule habe er deshalb immer misstraut. Enkel, Eltern und Großeltern sind schon zu mehreren Veranstaltungen mit Egon Krenz gereist, der Enkel ist heute extra aus Berlin gekommen.
Nach ein paar Begegnungen im Foyer zeigt sich: Es sind vor allem die eigens Angereisten, die die DDR und ihre hier versammelten Helden verklären und das mit Kritik an der BRD verbinden, wie Deutschland hier meist genannt wird. Auch Veranstalter Klaus Härtl berichtet, dass besonders großes Lob von denen mit den weitesten Wegen kam: eine Familie aus Lüneburg, ein Geschichtslehrer aus Wien. Die Leute aus Waren hingegen sehen das, was auf der Bühne des Bürgersaals gesagt wird, eher kritisch – und betrachten die Gegenwart gelassen. Die DDR ist Teil ihrer Biographien, aber nichts, worum sie ständig kreisen. Warum ist das bei Härtl so anders?
Es ist der Morgen nach dem „DDR-Stammtisch“ und Härtl sitzt im „Hotel Stadt Waren“ am Frühstückstisch. Direkt vor und nach der Veranstaltung war er kaum zu greifen, jetzt hat er Zeit für ein Gespräch. Was genau meint er, wenn er sagt, in der DDR habe es mehr Gefühl gegeben und seine Gäste fühlten ostdeutsch? „Soll ich Ihnen das ehrlich sagen?“, fragt er zurück und redet dann gleich weiter: „Das ostdeutsche Gefühl ist Hort, Kindergarten, Ofenheizung, draußen spielen im Wald, sich dreckig machen, die Gummistiefel vom Großvater zerschneiden und als Sattel für den Hund nehmen.“
„Herrlich, das ist ostdeutsch!“
In diesem Moment erhebt sich ein anderer Gast. Statt grußlos den Speisesaal zu verlassen, verabschiedet er sich freundlich von den anderen Hotelgästen. „Herrlich“, ruft Härtl, „das ist ostdeutsch!“ Im Westen hingegen starrten die Menschen oft nur auf ihre Handys, statt zu grüßen, sich zu bedanken, zu verabschieden. Und was meint er, wenn er sagt, es könne nicht so weitergehen wie bisher? „Ich möchte einfach mal erleben in der deutschen Politik, dass einer rausgeht und sagt: ,Passen Sie auf, ich habe alles versucht, um was zu ändern, ich kann es nicht, ich trete zurück.’ Das wird es nie geben.“
Plötzlich mischt sich ein Mann vom Nebentisch ein. Er hat eine durchdringende, selbstbewusste Stimme und setzt jetzt zu einem Monolog an, der klingt, als trage er ihn auf einer Theaterbühne vor und nicht im Frühstückssaal einer Pension. Er selbst komme aus dem Westen. „Ich habe die DDR verachtet. Ich habe gedacht: Warum nicken sie alle und halten den Mund?“ Aber dann sei ihm klar geworden: Damals hätten die Menschen Angst haben müssen – vor der Stasi, vor den sowjetischen Kampfpanzern. „Heute haben wir keine Stasi und halten trotzdem alle den Mund. Was ist hier los?“ – „Ja, ja“, sagt Härtl immer wieder zustimmend.
Der Mann schimpft jetzt auf Stephan Harbarth, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, und nennt ihn „Merkels Plakatkleber“. Mit ihm an der Spitze der Justiz sei es wie in der DDR. Bevor man ihn fragen kann, wie er das genau meint, steht er auch schon auf, verlässt den Saal – und lässt einen so ratlos zurück, wie Härtl es tut. Der bezeichnet den Mann jetzt als „feinen Menschen“, obwohl der gerade das getan hat, was Härtl eigentlich hasst: die DDR auf Stasi und Unfreiheit zu reduzieren.

Früher hat Härtl historische Puppen gesammelt, Münzen, Uhren und Bodenvasen. Den Jahreswechsel von 1989 auf 1990 feierte er mit Freunden in der Nachbarschaft. Mitten in der Nacht kam die Polizei vorbei: Bei ihm war eingebrochen worden. Alles war weg. Finanziell ging der Schaden in die Hunderttausende, emotional war er unermesslich. Es war das erste Silvester nach der Wende, sagt Härtl: „So bin ich in der Bundesrepublik empfangen worden.“ Das habe ihn verändert, ihn auf einen Schlag um zehn Jahre altern lassen.
Und heute? Fragt man ihn, ob er sich wie Täve Schur den Sozialismus zurückwünscht, antwortet er: „Ich wünsche mir einfach die Ehrlichkeit und das Gefühl und diese Wärme zurück. Ich würde mir auch meine Eltern zurückwünschen, meine Großeltern, einfach das Leben, wie es früher war, ohne Chaos. Heute ist draußen nur Chaos: Russland, der Nahe Osten, Chaos, Chaos, Chaos.“
Vielleicht ist es so: Härtl vermisst letztlich seine Kindheit und Jugend, die unbeschwerte Zeit vor dem Einbruch, in der er jung und frei von Sorgen war – und keinen. Deshalb ist die DDR für ihn einerseits ein Sehnsuchtsort, kann aber andererseits ruhig als düstere Metapher für die Verhältnisse im heutigen Deutschland herhalten. Indem er die Idole seiner Jugend wie Schur und Schöbel um sich versammelt und dazu einen Mann wie Krenz, der selbstbewusst und sprachgewandt von der Überlegenheit der DDR reden kann, erweckt Härtl die Zeit vor dem Einbruch nicht bloß wieder zum Leben, er adelt sie.
Seine Gäste waren damals auf dem Höhepunkt ihrer Macht, Kraft und Bekanntheit. Bei ihnen ging es seither nur bergab. So erklärt sich ihre Verbitterung. Bei den meisten Leuten im Publikum des „DDR-Stammtischs“ ist das nicht so. Damals waren sie zwar jung, aber auch unfrei. Heute haben sie ein gutes Leben im hübschen Kurort Waren.
Sie blicken deshalb ganz anders auf den Abend und die DDR als Härtl und seine Gäste – aber auch ganz anders, und auch das gehört zur Wahrheit, als eine westdeutsche Reporterin es erwartet hätte. Etwa eine Frau, die am Ende der Veranstaltung noch einmal kurz auf der Treppe stehenbleibt, die aus dem Bürgersaal hinaus auf die Straße führt, um ihre Einschätzung abzugeben: „Das war schon teils undifferenziert, heroisierend, auch vom Moderator. Wenn alles so toll gewesen wäre, wäre es ja nicht untergegangen.“ Aber unterhaltsam sei es schon gewesen, sagt sie, und verschwindet in die Nacht.
Source: faz.net