SAP und Microsoft unter Druck: Die KI frisst ihre Kinder

Bei Lichte betrachtet, ist Künstliche Intelligenz auch nichts anderes als Software. Allerdings eine besondere: Einmal programmiert, wird sie von allein schlauer, ohne dass Entwickler Updates erstellen müssen. KI erkennt Muster und Zusammenhänge und wird im besten Falle mit jedem Datenhappen leistungsfähiger, ja selbständiger. An der Börse hat diese Aussicht auf schier unbegrenzte Möglichkeiten lange die Aktienkurse getrieben. Kein Wunder: KI wird Effizienzen heben, Produktentwicklung vorantreiben, die Kundenansprache revolutionieren, die Welt auf den Kopf stellen. Die KI-Welle wird allerdings auch Verlierer schaffen, nicht nur in der analogen Welt, auch in der digitalen. Diese Erkenntnis, langsam gewachsen, hat in den vergangenen Tagen für ein regelrechtes Börsenbeben gesorgt und selbst Softwareunternehmen mitgerissen.

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder. Microsoft hat binnen sechs Monaten fast ein Viertel seines Börsenwertes verloren, in Summe eine Billion Dollar! SAP, der größte Softwarehersteller Europas, büßte zwischenzeitlich sogar seine Stellung als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen an den, mit Verlaub, alten Industriekonzern Siemens ein.

„Software is eating the world“

Um zu verstehen, was da passiert, hilft ein Blick zurück. Als die digitale Revolution Fahrt aufnahm, prägten Investoren den Slogan „Software is eating the world“. Plattformen und Vergleichsportale schoben sich zwischen Unternehmen und ihre Kundschaft, digitale Zwillinge eröffneten in Fertigung und Forschung ungeahnte Möglichkeiten, zudem entstanden ganz neue Geschäftsmodelle – von Fintechplattformen über Onlinehandel bis zur Telemedizin. Software wurde zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Wer das zu spät erkannt hat, wie die deutschen Autobauer, hat heute ein Problem.

Während die Digitalisierungswelle noch läuft, erlebt die Welt jetzt einen zweiten revolutionären Schub. Einen, der die neuen Geschäftsmodelle schon wieder wackeln lässt. Gerade mal gut drei Jahre ist es her, dass Open AI sein ChatGPT vorgestellt hat. Ende November 2022 präsentiert, hatte es im Februar schon 100 Millionen Nutzer.

Dass die KI jetzt sogar das Geschäftsmodell von Softwareunternehmen infrage stellt, hat mehrere Gründe. Der erste: KI kann selbst programmieren – schneller, billiger und offenbar nicht schlechter als Menschen. KI entwertet die Kernkompetenz der Softwareindustrie. Die Tech-Industrie hat bereits reagiert und mitten in der digitalen Revolution begonnen, in großem Stil Stellen zu streichen. SAP allein gab drei Milliarden Euro aus, um 10.000 Beschäftigte in den Vorruhestand zu schicken. Doch die Effizienzgewinne durch KI bleiben nicht auf Softwareunternehmen begrenzt. Auch die Kundschaft kann mit KI sparen und besser werden, ganz ohne die alten Softwarelieferanten. Sie kann die über die Cloud gemieteten Standardprogramme allein auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden; manche Programmteile vielleicht gar nicht mehr „mieten“, sondern vollständig von der KI erledigen lassen. Das ist die Sorge hinter dem Kursverfall, und sie ist groß.

Noch laufen die Geschäfte

Wahr ist aber auch, dass SAP noch immer stark wächst. Noch zeigt sich die Sorge nicht in den Auftragsbüchern. Und vielleicht wird es auch nicht so schlimm kommen wie an der Börse befürchtet. Denn so klar es ist, dass die KI fundamentale Fragen an Wirtschaft und Gesellschaft stellt, so unklar sind die unmittelbar bevorstehenden Folgen. Noch fehlt es den KI-Anbietern an tragfähigen Geschäftsmodellen. Mehr noch: Je mehr Modelle auf den Markt kommen, desto billiger werden sie. Dazu passt: Die gerade angekündigten schwindelerregenden 650-Milliarden-Dollar-Investitionen von Google, Amazon, Meta und Microsoft in den Aufbau von KI-Kapazitäten wurden an der Börse mit Kursverlusten quittiert. An den Finanzmärkten ist die KI-Euphorie vorbei, schon geht auch dort die Angst vor einer Blase um.

Im Geschäftsumfeld, auf das SAP mit seinen Programmen abzielt, fehlt es der Kundschaft zudem noch häufig am Vertrauen in die KI. Selbstlernend bedeutet schließlich von Menschen kaum noch zu kontrollieren und damit nicht verlässlich. SAP verweist denn auch auf Datenqualität, Datenzugangskontrolle, Datenvernetzung, die nur ein Softwarekonzern sicherstellen könne, der die KI modifiziere und einbinde.

Die alten Platzhirsche wollen die KI einhegen, das ist ihre Strategie. Wer am Ende die Oberhand behält, ist heute noch nicht ausgemacht, aber die Zeit läuft für die KI. Wie gesagt, sie lernt, anders als klassische Software, ständig dazu.