Samira El Ouassil zu Fernandes: Diese Gewalt ist die ultimative männliche Machtfantasie

Als die Schauspielerin Collien Fernandes im Spiegel öffentlich machte, was ihr Ex-Ehemann Christian Ulmen, ebenfalls Schauspieler, ihr jahrelang angetan haben soll, reagierten viele mit Ungläubigkeit. Sie konnten nicht glauben, dass ein vermeintlich aufgeklärter, feministisch informierter Mann so etwas getan haben könnte: Sie hat ihn angezeigt, weil er mutmaßlich mehrere Fake-Profile seiner Ex-Frau mit pornografischen Inhalten erstellt habe.

Diese ungläubige Reaktion sagt einiges über unser Verständnis geschlechtsbasierter und innerpartnerschaftlicher Gewalt aus. Sie setzt voraus, dass das Selbstbild eines Mannes und sein Handeln immer übereinstimmen.

Die Philosophin Kate Manne zeigt in ihrem in Kürze erscheinenden Text Ordinary Cruelty am Beispiel des Falls Pelicot – der sich auf den Fall Fernandes anwenden lässt –, dass das Gegenteil der Fall ist: Partnerschaftliche Grausamkeit entsteht nicht trotz der Norm, sondern aus ihr heraus.

Und ist damit gewöhnlich, und strukturell und kulturell ermöglicht. Die sadistische Rücksichtslosigkeit, welche das männliche Verlangen über Gleichberechtigung, Liebe oder schlicht die Integrität eines anderen Menschen stellt, ist die patriarchale Logik, welche Tätern ihr Handeln möglich macht.

Diese Logik basiert auf der bewussten oder unbewussten Überzeugung, dass Männer, trotz aller vermeintlichen Aufgeklärtheit und MeToo-Diskurse, glauben, als Mann berechtigt zu sein, ihre Bedürfnisse vor die der Partnerin zu stellen.

Absurde Vorstellungen männlicher Hegemonie

Kate Manne verdeutlicht dies anhand einer Aussage von Dominique Pelicot, der vor Gericht erklärte, dass er zwar verstand, dass seine Frau Gisèle Pelicot nicht sein Eigentum war, aber dennoch tun wollte, was er tat, wenn er den Drang verspürte.

„Wenn ihr Leiden der Preis für seine eigene Befriedigung war, dann sei es so“, fasst die Philosophin die frauenfeindliche Konsequenz dieses Anspruchsdenkens zusammen. Sie erklärt: „Seine Gleichgültigkeit lässt sich nicht nur als grausam, sondern auch als kalkuliert bezeichnen: ein bewusstes Missachten der anerkannten Menschlichkeit seiner Frau, um zu bekommen, was er wollte.“

Das Gleiche gilt für die Männer, die Dominique Pelicot dazu anhielt, Gisèle Pelicot zu vergewaltigen: „Sie handelten aus dem Gefühl heraus, dass Frauen das unverwechselbare menschliche Eigentum ihrer Ehemänner sind.“ Auch hier stehen die Vorstellungen männlicher Hegemonie im Zentrum gewöhnlicher, misogyner Grausamkeit. Diese Männer glaubten, das Recht auf die Frau zu haben, da sie vom Ehemann angeboten wurde.

Digitale Marionettenversion der Frau

Bei Collien Fernandes war die Form der mutmaßlichen sexualisierten Gewalt eine andere: Sie war bildbasiert und virtuell. Doch das Anspruchsdenken, das Frauen zu Objekten der Bedürfnisbefriedigung macht, blieb dasselbe. Der mutmaßliche Täter sagte laut Fernandes, dass es ihm um Besitzdenken ging. Weil er sie besitze, könne er sie anderen Männern zur Verfügung stellen.

Ein Mann mit einem Talent für Kunstfiguren erzeugte hierfür mutmaßlich eine digitale, pornografisierte Marionettenversion seiner Frau. Er machte sich zu ihrem unsichtbaren Zuhälter und damit zu ihrem Besitzer.

Er nutzte ihre reale Identität, ihren behaupteten Körper und ein fingiertes Begehren, um sie gegen ihren Willen alles tun zu lassen, was er wollte – mit Männern, die sie kannte und mit denen sie arbeitete. Er hat seiner Frau buchstäblich die Stimme gestohlen.

Das ist die ultimative männliche Machtfantasie: Sich selbst zu erhöhen, indem man die Frau erniedrigt. Man kann es sich als ein elaboriertes Videospiel vorstellen, in dem der Spieler eine weibliche Figur steuert, mit der der Spieler sich nicht identifiziert, sondern die er insgeheim verachtet. Und seine Befriedigung daraus zieht, sie willentlich in Abgründe zu lenken. Diese Degradierung habe ihm Lust bereitet, schrieb Fernandes.

Die heutige Technologie macht die Frau verfügbar

Das ist einer der verstörendsten Aspekte bildbasierter sexualisierter Gewalt. Und zugleich der Grund, warum sie im Patriarchat so verbreitet ist: Sie macht Frauen gegen ihren Willen mittels der technischen Möglichkeiten, für einen männlichen Blick verfügbar. Egal, wie sehr Frauen versuchen, ihre Souveränität zu bewahren: Im Virtuellen wird ihnen jede Form von Selbstbestimmtheit entrissen.

Das pornografisierende Deepfake ist hierbei die technologische Endform einer alten Praxis: die weibliche Existenz auf die Verfügbarkeit für Männer zu reduzieren. Entwickelt aus der historischen Verschränkung von Pornoindustrie und technologischer Innovation, beides überwiegend männlich dominiert. Verstärkt wird sie durch die Manosphere, die mit der Energie einer gut organisierten Bürgerinitiative toxische Männlichkeitsbilder propagiert.

Sexualisiertes Material von Berühmten und Unbekannten gibt es, seit es Sexismus gibt. Aber mit den heutigen Möglichkeiten haben sich Qualität und Automatisierbarkeit der Frauenfeindlichkeit verändert: Hyperrealistische Bilder, die schnelle Verbreitung und die Niedrigschwelligkeit erlauben es jedem – Mitschülern, Kollegen, Nachbarn oder dem eigenen Ehemann – an dieser Form gewöhnlicher Grausamkeit teilnehmen zu können.

Eine Selbstverständlichkeit, die erschüttert

Die britische Filmtheoretikerin Laura Mulvey beschreibt in ihrer Theorie über den männlichen Blick, wie die Lust am Schauen in aktiv/männlich und passiv/weiblich geteilt wird. Der männliche Blick projiziere seine Fantasien auf die weibliche Gestalt und forme sie entsprechend.

Diese Täter skalieren diesen patriarchalen Blick technologisch, um ihre eigenen voyeuristischen Wünsche zu erfüllen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die erschüttert, weil sie keinerlei Anstrengung mehr erfordert.

Das oft vorgebrachte Entlastungsargument, die Person auf dem Bildschirm sei nur eine Kopie, zerschellt an der Realität. Betroffene Frauen berichten, dass der Gesichts- und Körperdiebstahl als das erlebt wird, was er ist: als Gewalt. Eine real existierende Frau wird gegen ihren Willen visuell auf die Knie gezwungen, dem männlichen Blick unterworfen und ihrer Autonomie beraubt. Sie erlebt, wie sehr sie fremdgesteuert werden kann. Genau daraus ziehen die Täter ihre Befriedigung.

Die Autorin Manon Garcia nennt dieses Prinzip in ihrem Buch Mit Männern leben, die „femme insoumise“, die unverfügbare Frau, die sich der patriarchalen Aufgabe, Besitz und Verlängerung ihres Partners zu sein, widersetzt.

Deepfake-Bilder von Taylor Swift

Je selbstbestimmter eine Frau ist, je mehr sie sich entzieht, desto triumphaler scheint in der patriarchalen Logik der Täter, sie mithilfe von Erniedrigung in eine Ohnmacht zu zwingen. Als im Januar 2024 Deepfake-Bilder der US-amerikanischen Sängerin Taylor Swift auf X kursierten, blieb eine beklemmende Frage: Wenn selbst eine der reichsten und einflussreichsten Frauen der Welt kaum etwas dagegen tun konnte, was hieß das für die anderen Frauen, die davon betroffen waren?

Zu dieser Ohnmacht kommt der Vertrauensverlust, der mit jeder dieser Aufdeckungen einhergeht. In Partnerschaften, Ehen, oder Freundschaften basiert das Vertrauen auf der Annahme, dass der andere einem nicht schaden will. Das ist ein spieltheoretischer Pfeiler des Zusammenlebens.

Doch wenn Intimität, das gemeinsame Denken, die geteilten Witze, die gegenseitige Kenntnis von Schwächen und Ängsten kein Schutz sind, sondern als Waffe missbraucht werden könnten, wie lebt man ohne permanentes Misstrauen?

Wie mit Männern leben?

Die Philosophin Ann Cahill beschreibt diesen Zustand als „pre-victim“-Dasein: Frauen leben in einer Atmosphäre allgemeiner Ungewissheit, die den Schaden als Möglichkeit immer mitträgt.

Manon Garcia, die den Pelicot-Prozess verfolgte, fragt in ihrem Buch: Wie kann man mit Männern leben? Sie schließt mit der Erkenntnis, dass sie einst glaubte, es läge an Frauen, sich zu fragen, ob sie Männer wirklich so lieben sollten, wie sie es tun.

Heute denkt sie, Männer müssten anfangen, Frauen ein wenig zu lieben. „Un peu, juste un peu“.

Weniger Verachtung würde schon reichen.

Anmerkung der Autorin: Ich habe als Schauspielerin an einer Folge „Jerks“ mitgewirkt. Ich verwende in meinem Text den Konjunktiv. Nicht, weil ich Fernandes nicht glaube, sondern weil ich nicht will, dass der Freitag tot verklagt wird.