Salome-Inszenierung: Ich will Liebe, keine Ehe

Leer und weit ist die kaum erhellte Spielfläche in der Schaubühne Berlin, gerahmt durch vier unregelmäßig gewölbte, silbrig glänzende Metallflächen. Sie wirken wie stumpfe Spiegel, in denen die Figuren, die gleich auftreten werden, höchstens als verzerrte Schemen zu erkennen sind. Schlüssig reflektiert der von Nehle Balkhausen entworfene Raum die innere Verfassung der Personen in „Salome“, dem Einakter von Oscar Wilde, den Einar Schleef für seine legendäre Inszenierung in Düsseldorf 1997 bearbeitete. Denn diese haben kein Bild von sich und ihrer Geschichte, wissen nicht, wer sie sind und wie lange noch.

Auf Schleefs Fassung stützt sich Michael Thalheimer, der nach neun Jahren erstmals wieder an der Schaubühne Regie führt. Er ist ein Meister der Verknappung und Verdichtung von Texten, die sich dann im körperbetonten, hochenergetischen Spiel der Akteure anreichern und transzendieren. So auch hier: Ohne dass ein Wort fällt, stolziert Alina Stiegler in der Rolle der Salome barfuß nach vorne auf die Bühne. Ganz ruhig steht sie da und trotzdem voll geballter Tatkraft. Wie mühsam sie die kontrolliert, merkt man, als die rhythmisch pochende Musik von Bert Wrede immer lauter wird und Salome wild um sich schlägt, als kämpfe sie mit Dämonen, die nur sie allein sieht, und gegen eine Weltordnung, der sie sich nicht unterwerfen will. Die Schattenboxerin Salome ist die Tochter der Königin Herodias und lebt zu Beginn unserer Zeitrechnung am Hof ihres Stiefvaters Herodes, der ihr penetrant nachstellt. In einer Zisterne vor dem Palast hält er den Propheten Johannes gefangen, der ihn, seine Frau und die übrige lasterhafte Gesellschaft wüst beschimpft und verwünscht. Als Salome während eines Fests nach draußen geht, hört sie Johannes und spricht ihn an. Er aber will nicht mit ihr reden und fühlt sich von ihren Blicken belästigt. Plötzlich ist da also jemand, den sie nicht bekommen kann. Derlei Zurückweisung nicht gewöhnt, will sie ihn – „Ich will Liebe. Nicht Ehe, nicht Ehekrieg.“ – jetzt unbedingt: Als Lustobjekt. „Ich anerkenne keine Frau“, sagt er, und sie fragt: „Wer ist deine Mutter?“

Verschwurbelt aggressiver Prediger

Salome ist flink im Geist und mutig im Wesen. Alina Stiegler wechselt fabelhaft zwischen Täterin und Opfer, zwischen Trotzkopf und Megäre, verloren in der Realität wie in ihren Fantasien. Ihr schicker Party-Dress ist silberfarben, wird sie doch als silberweiße Blume oder als Prinzessin mit silbernen Füßen bezeichnet (Kostüme: Michaela Barth). Johannes, der dogmatische Prophet, hängt, wenn er auf ihren Wunsch und gegen seinen Willen aus dem Gefängnis geholt wird, in einem schmuddeligen, hautengen Lederanzug an Stahlseilen hoch in der Luft. Christoph Gawenda beweist eine famose Kondition und fasziniert, zwischendrin mit langen Armen wie Jesus am Kreuz, als hohl tönender, verschwurbelt aggressiver Prediger, wie es Schleef in seinem Vorwort beschrieb: „Das männliche Christentum braucht das weibliche Opfer, es ist dessen Fundament.“ Während Johannes von Salome bedrängt wird, leidet der bei Veronika Bachfischer wie unter Starkstrom vibrierende Hauptmann Narraboth Qualen der Eifersucht – bis er sich aus unerfüllter Liebe zur Prinzessin die Kehle durchschneidet und in einer Blutlache stirbt. Darin rutscht bald Herodes aus, den Tilman Strauß zum durchgeknallt-notgeilen Popanz im Pelzjäckchen aufplustert, während ihn Jule Böwe als Herodias bissig böse in die Schranken weist. Im silbernen Etuikleid ist sie ganz eiserne Lady und vom Scheitel bis zum Stöckel eine hinreißende Domina der Dekadenz. Obwohl Herodes unfruchtbar ist, bleibe sie ihm treu, kanzelt sie ihn ab: „Das ist Opfer, das ist Liebe.“

Tableaux des Niedergangs: Christoph Gawenda in Thalheimers „Salome“-Inszenierung
Tableaux des Niedergangs: Christoph Gawenda in Thalheimers „Salome“-InszenierungKatrin Ribbe

Das engmaschige dramatische Netz aus Begehren und Abstoßung, aus Lebensgier und Todessehnsucht breitet Michael Thalheimer in abstrakt bestechenden Tableaux des Niedergangs aus. Alles ist Form, alles ist Emotion – in seiner packenden Inszenierung sind das keine Widersprüche. Der Tanz der Salome etwa ist ein luzides Konstrukt aus zeitlupenhaft konzentrierten Gesten der Angst, der Demaskierung, des Selbstmords. Dazu begleitet die chinesische Musikerin Yuebo Sun, die nun auch auf die Bühne gekommen ist, auf der Erhu, einer zweisaitigen Röhrenspießlaute. Die sinnlich fremden, klagenden, exotisch anmutenden Klänge geben dem pantomimischen Tanz die Dimension einer Wahrheit, die endlich aufgedeckt wird.

Salome, diese ungerührte Systemsprengerin, zeigt sich, indem sie sich versteckt. Am Schluss, wenn sie Johannes‘ abgeschlagenen Kopf (der hier in der Inszenierung nicht zu sehen ist) geküsst hat und wenn sie für ihre Grenzüberschreitung getötet werden soll, streckt sie frech die Zunge heraus. Michael Thalheimers „Salome“ ist eine große Aufführung, in der das ganze Ensemble glänzt und mit Sprache, Spiel und Sinnlichkeit überzeugt: So intensiv, so künstlerisch kann Theater sein.

Source: faz.net