Sachsen-Anhalt | Menschenfeindlich? So lebt es sich wirklich in einer Bauhaus-Siedlung
Wer begreifen will, was der Untergang unserer Demokratie mit Hässlichkeit zu tun hat, der muss nach Dessau. Kein anderes deutsches Stadtbild zeigt offener, wie zerstörerisch sich zwei Weltkriege, der Holocaust, SED-Diktatur und der trügerische Privatisierungsboom der Nachwendezeit auf die Architektur und damit auf die Menschen, die sie beleben, ausgewirkt haben.
Halb verfallene Gründerzeitvillen, die nach vergangener Größe aussehen; wieder in Betrieb genommene Fabrikhallen, in denen Zyklon-B für deutsche Vernichtungslager wie Auschwitz hergestellt wurde; dazwischen Baubrachen und DDR-Platte. Und in der Innenstadt thront leergefegt eine Shoppingmall, auf dem Dach eine gigantische Konstruktion aus Segelstoff und Metall, die als architektonische Würdigung des Flugzeugherstellers und Nazi-Luftwaffenbetriebs Junkers gedacht war.
Dessau ist hässlich. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch, das ist nicht böse gemeint, nein, ich bin Fan dieser Stadt. Dessau ist nur hässlich, weil die deutsche Geschichte hässlich ist. Und von der kann ja kein Demokrat Fan sein. Außerdem hat Dessau auch schöne Seiten, wie das Gartenreich, eine Kulturlandschaft der Aufklärung, oder das Bauhaus. Und um das soll es jetzt gehen.
Denn im Jahr 2024, kurz vor dem 100-Jahre-Bauhaus-Jubiläum in Dessau, fand sich die ganze historisch-deutsche Hässlichkeit in einer politischen Debatte wieder, die sich um das Erbe des Bauhauses drehte und bis heute anhält. Begonnen hatte sie Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt.
In seiner Rede vor dem Landesparlament im Oktober 2024 wiederholte Tillschneider beinahe bruchlos die antimoderne Argumentation der Nationalsozialisten. Die hatten das Bauhaus 1933 aus Dessau vertrieben, diffamierten aber bereits im Wahlkampf 1931/32 seinen rationalen Stil und die sozialprogressive Idee dahinter mit Begriffen wie „Affenkäfig“ oder der Behauptung, das Bauhaus sei aufgrund seiner jüdischen Lehrer eine „Hochburg zur Bekämpfung des Deutschtums“, produziere „bolschewistische und kommunistische Bauten“.
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Tillschneider sprach in seiner Rede dann dementsprechend vom Bauhaus als einem Symbol der „globalistischen Agenda“, was ein neurechter Code für die angebliche jüdische Weltverschwörung ist. Gleichzeitig befürchtete er eine durch moderne Wohnverhältnisse provozierte „Entortung des Menschen“, also dessen Emanzipation von Blut und Boden. Schließlich forderten Tillschneider und seine Fraktion, den bisherigen Marketingslogan Sachsen-Anhalts, #moderndenken, durch einen neuen zu ersetzen: #deutschdenken.
Klar, hinter Vorstößen wie diesem steckt der kalkulierte Regelbruch der AfD, ihr üblicher Kulturkampf um Aufmerksamkeit und empörte Wähler. Ernst nehmen muss man ihre Nazi-Anleihen trotzdem. Allein, weil in Sachsen-Anhalt diesen September gewählt wird und die AfD in Umfragen zurzeit bei knapp 40 Prozent liegt. In Dessau selbst regiert zwar der parteilose und liberale Bürgermeister Robert Reck, der Wahlkreis Dessau-Roßlau aber stimmte bei den Bundestagswahlen 2025 mehrheitlich für die AfD. Genauso drängt sich eine fatale historische Parallele auf: 1932 war Anhalt – und vorneweg dessen damalige Hauptstadt Dessau – nach Thüringen der zweite deutsche Ort, an dem die NSDAP eine Landesregierung stellte.
Grund genug, die populistische Verflechtung von Geschichte und Gegenwart, mit der die AfD gegen das Bauhaus hetzt, zu entwirren und bei denen nachzufragen, die das Bauhaus in Dessau nicht nur aus dem Museum kennen, sondern immer noch darin leben: den Bewohnern der Bauhaussiedlung Törten in Dessau-Süd.
314 Häuser, zwischen 57 und 75 Quadratmeter Wohnfläche
Von ihnen will ich wissen, ob Bauhaus wirklich so „menschenfeindlich“ ist, wie die AfD behauptet. Und was Demokratieverlust mit hässlichen Wohnverhältnissen zu tun hat. Törten wurde von 1926 bis 1928 unter der Leitung des Architekten Hannes Meyer – einem sozialdemokratischen Pragmatiker – als Arbeitersiedlung gebaut. Kleinring, Mittelring, Großring. 314 Häuser, ein- oder zweistöckige Flachdachbauten, zwischen 57 und 75 Quadratmeter Wohnfläche, günstiges Eigentum, nicht zur Miete, was damals eine Neuheit war. „Volksbedarf statt Luxusbedarf“, nannte Meyer das.
Die erste Bauhaus-Bewohnerin, die mir im Mittelring begegnet, ist gerade am Stoßlüften, als ich sie anspreche. Sie sagt, „ich wohne äußerst gerne in meinem Haus“, und bleibt trotz der Kälte im Schlabber-Shirt am erhöhten Fenster ihres Souterrains stehen. Ihren Namen möchte sie nicht nennen, sie sei Lehrerin in Rente, erklärt sie. „Ich will nach über 30 Jahren im Schuldienst, umgeben von pubertierenden Mittelstüflern, endlich meine Ruhe haben.“ In der Bauhaussiedlung habe sie die gefunden. „Hier sind alle sehr entspannt und trotzdem gibt es Fluktuation, auch junge Familien ziehen her.“ Sie selbst sei vor etwa 20 Jahren in die Bauhaussiedlung gezogen. „Bewusst“, betont sie. Die freundliche Nachbarschaft, die gute Verkehrsanbindung und die Naturnähe hätten sie überzeugt.
Was sie von der Behauptung halte, dass man im Bauhaus beengt, unpersönlich, ja menschenfeindlich lebe, frage ich. Davon habe sie noch nie etwas gehört, antwortet sie. „Ich lebe sehr gerne hier, kenne alle meine Nachbarn und die Bauhäuser sehen heute immer noch modern aus. Nur …“, sie klopft gegen die Außenwand ihres Hauses, „… mit Dämmung und Energieeffizienz hatten sie es damals noch nicht so, das mussten wir alles selbst sanieren.“ Und während ihr Blick an den Fassaden gegenüber entlangschweift, von denen kaum eine mehr aussieht wie die andere, fällt ihr ein weiterer Makel auf:
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„Die Fenster …“, sie zeigt auf das im Originalzustand erhaltene Besucherzentrum auf der anderen Straßenseite, „… die waren hier auch mal so groß wie die da drüben. Aber als wir eingezogen sind, hatten unsere Fenster schon so eine kleine oder eben normale Größe wie jetzt.“
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Das wiederum sei nicht die Schuld des Bauhauses, meint sie, sondern die der DDR-Bauverwaltung, von der die offen gestalteten Fensterfronten durch kleinteilige Holzrahmenfenster ersetzt wurden. Umbauten, die auch von den Widersprüchen zwischen der sozialutopischen Vision des Bauhauses und der Realität kommunistischer Diktaturen wie der DDR erzählen.
Plastikfassade in Ziegelstein-Optik, Eulen-Briefkasten: Bauhaus meets Baumarkt
Sichtbar werden sie auch in den Biografien einiger der Architekten der Siedlung. Zum Beispiel bei Hannes Meyer. Der leitende Bauhaus-Architekt versuchte zwar nach seiner Vertreibung durch die Nazis bei den Sowjets zu landen, floh aber bereits 1936 vor den ersten stalinistischen „Säuberungsaktionen“ in seine Heimat, die Schweiz.
Seine Lebensgefährtin, die Bauhaus-Kontoristin Margarete Mengel, sowie die beiden in Törten engagierten Architekten Philipp Tolziner und Belá Scheffler wurden als Juden von den Sowjets erschossen oder ins Gulag gesteckt. Ihre Geschichten sind trauriger Beweis, wie falsch und zynisch die Darstellung der AfD ist, beim Bauhaus habe es sich um ein kommunistisch-jüdisches Komplott gehandelt.
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Wie verzerrt das Bauhausbild der AfD ist, zeigt auch meine Türumfrage. Ich bleibe vor einem Haus im Mittelring stehen, das durch die architektonischen Interventionen seiner Bewohner auffällt. Für das heutige Törten sind sie beinahe typisch: eine Plastikfassade in Ziegelstein-Optik, dazu disparate Anbauten, Eulen-Briefkasten, Zierleisten aus Blech, buntes Vordach. Bauhaus meets Bauhaus, so könnte man diesen Stil beschreiben, eine Aneignungsgeste. Die formstrenge Bauhaus-Ästhetik trifft auf die detailverliebte DIY-Mentalität seiner heutigen Bewohner, wofür Baumarktketten wie Bauhaus ideale Versorger sind.
Ich klingle. Die Melodie von Vivaldis Vier Jahreszeiten schallt aus der Anlage. Einen Moment später öffnet eine junge Frau in fotobedruckter Küchenschürze die Tür. Sie lächelt freundlich und sagt: „Sorry, aber es ist Mittag, wir essen jetzt.“ Ich entschuldige mich, will aber trotzdem schnell von ihr wissen, ob sie sich eigentlich wohlfühle in ihrem menschenfeindlichen Bauhaus. „Wohlfühlen?!“, antwortet sie überrascht, „Ich liebe mein Bauhaus!“ Die Tür schließt sich, der warme Duft von Kohlrouladen verschwindet hinter dem Milchglasfenster. Alle lieben ihr Bauhaus, so scheint es.
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Zumindest bekomme ich diese Antwort auch von den Schülers, die seit 1999 im Mittelweg in einem auffällig gelben Haus leben – erst mit ihren beiden Kindern, jetzt zu zweit. Umgebaut hätten auch sie viel, erzählt Frau Schüler. „Fast alles selber“, ergänzt Herr Schüler, nicht ohne Baumeisterstolz. Zum Beispiel das gemütliche Zimmer, in dem wir bei Sprudelwasser sitzen, und das mit einem Zierschild an der Wand als „Kuschelecke“ überschrieben ist. „Das war früher ein Hühnerstall“, sagt Frau Schüler und lacht.
Herr Schüler – pensionierter Getränkelieferant – führt mich durchs Haus. Er zeigt mir seine Modell-Lieferwagen-Sammlung, die sich in einer eigens angefertigten Vitrine in den bauhaustypischen Treppenaufgang fügt, dann holt er ein Buch heraus. Auf einer Fotografie aus dem Jahr 1944 sieht man das Haus der Schülers, umgeben von Ruinen, zerstört von Kriegsbomben der Alliierten. Da ist sie wieder, die hässliche Geschichte.
Ein paar Häuser weiter klingle ich bei Familie Scharf. Ihre zweistöckige Doppelhaushälfte sieht nach Originalzustand aus: Zur Straße gehen die großen blaugrau gestrichenen Fenster, die Fassade ist glatt und weiß und in der Wand neben der Haustür stapeln sich Glasbausteine bis unters Dach. Nur die neu eingesetzte Massivholztür weicht vom ursprünglichen Bauhaus-Look ab.
„I bin a Zu’zog’ner“, sagt Scharf betont bayrisch. „Meine Frau ist aber aus Dessau“
An der Tür empfängt mich Christian Scharf, ein junger Software-Ingenieur, dem man bereits am Dialekt anhört, dass er nicht aus Dessau, sondern aus München kommt. „I bin a Zu’zog’ner“, sagt er betont bayrisch, „meine Frau ist aber aus Dessau“. Deshalb und weil die Mieten in München mit zwei Kindern unbezahlbar geworden seien, hätten sie 2023 beschlossen, hierherzuziehen. In ihrem Bauhaus wohnten sie zur Miete, erzählt Scharf, auch wenn immer wieder Häuser in der Nachbarschaft relativ günstig zum Kauf angeboten würden. Das Haus gegenüber beispielsweise – ein einstöckiges – hätten sie sich angeschaut, dann anderswo aber eines gefunden, in dem die Kinder mehr Platz hätten. Bald stehe der Umzug an. Weg aus Törten, weg vom Bauhaus.
Gehen würde er trotzdem nicht gerne, sagt Christian Scharf. „Uns hat es hier an nichts gefehlt, die Details im Design haben uns immer begeistert.“ Dabei zeigt er auf die runden, drehbaren Lichtschalter und den trotz Winterdämmerung hellen Treppenaufgang hinter den Glasbausteinen. „Vieles am Haus hat der Vermieter wieder in den alten Zustand, also nach Bauhaus-Vorbild, zurückgebaut“, erzählt er. Touristen würden sein Haus oft fotografieren, was ihn nerve, aber auch ein wenig stolz mache. Dann bittet er mich endlich herein.
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Innen wirken die Räume auf den ersten Blick klein. Die Maße orientieren sich am menschlichen Körper, überflüssigen Raum gibt es hier nicht. Trotzdem ist es im Haus der Scharfs gemütlich, was nicht nur daran liegt, dass ich aus der Kälte komme und jetzt über weichen Teppichboden gehe. Nein, der moderne Bau ist heimelig, weil in ihm alles aufeinander abgestimmt zu sein scheint. Trotz industrieller Fertigung erkennt man eine menschliche Idee von Harmonie und Lebensqualität, die nichts mit der einer biedermeierlichen Stube zu tun hat, die man im Sinne der AfD als urdeutsches Pendant zum Bauhaus verstehen muss. „Iwo“, winkt auch Christian Scharf ab, „ich glaube, so ein AfDler hat noch nie ein Bauhaus von innen gesehen“.
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Ich trete wieder raus in die Kälte. Dort steht ein rauchender Busfahrer und macht Pause. Normalerweise, so erzählt er, fahre er viele Touristen von der Innenstadt hierher. Sein Bus ist die Bauhaus-Linie, der Touri-Bus, und nur heute, bei dieser Kälte, sagt er, sei der leer. Auf dem Handy des Busfahrers laufen Tiktok-Clips der AfD, weshalb ich ihn nach seiner Meinung zu Bauhaus frage. „Das ist gut für den Tourismus“, antwortet er, „und stören tut’s mich eh nicht, aber wohnen will ich in so ’ner Schachtel niemals“. Dabei kichert er beinahe kindlich und steckt sein Handy mit den immer noch laufenden AfD-Clips schamhaft in die Hosentasche. Wo er lieber wohnen würde, frage ich ihn. „Na, normal halt, in ’nem Einfamilienhaus mit viel Garten.“
In seiner Bauhaus-Tirade im Landtag hatte der AfD-Politiker Tillschneider das Einfamilienhaus mit Spitzdach als architektonisches Vorbild gepriesen. Dahinter steht die alte völkische Vorstellung, dass Architektur nur dann deutsch sei, wenn sie Ausdruck von Familie, Nation und Rasse ist. Populär gemacht hat dieses Ideal der antisemitische Architekt und Nazi-Kulturkader Paul Schultze-Naumburg. Sein sogenannter Heimatschutzstil ist eine Hommage an die verschnörkelten Spitzgiebeldächer und die romantische Naturmystik des 19. Jahrhunderts. Was das Herz dieses Bauhaushassers höher schlagen ließ? Starkes Eichenholz und kitschige Zierelemente. Genau wie das von Tillschneider.
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Witzig nur, dass die Bauhaussiedlung Törten, so, wie sich ihre Bewohner mehrheitlich darin eingerichtet haben, dieser AfD-Vision gar nicht so sehr widerspricht. Nahezu jedes Gebäude ist ein Einfamilienhaus mit Garten. Und individuell! Manches hat eine geziegelte Fassade, andere sind grob verputzt oder verstecken sich hinter hölzernen Fensterläden mit alpiner Verzierung. Dazu selbst gehäkelte Omi-Vorhänge, Kuckucksuhren und adrett gestutzte Buchsbäumchen.
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Was also will die AfD mit ihrer Anti-Bauhaus-Rhetorik wirklich bezwecken? Vermutlich für echte Notstände eine falsche Lösung anbieten – von der wahren Hässlichkeit ablenken. Die Wohnkosten zum Beispiel steigen, der Zusammenhalt zerfällt und der Handlungsspielraum eines jeden einzelnen Bürgers schwindet, zumindest gefühlt. Bei so viel Krise wirkt die abgeschottete Scholle, die die AfD vorschlägt, oft weniger angsterfüllend als der zukunftsgewandte International Style des Bauhauses.
Dabei ist genau diese Gleichung falsch. Und sie zerstört Demokratie, wie ein letzter Bauhausbesuch in Törten zeigt. Es ist schon dunkel im Kleinring, da sehe ich in einem Haus Dutzende kleine Lichter brennen. „Bis Februar weihnachtet’s“, sagt Herr Mußmann, der Besitzer, zur Begrüßung. Ohne Umstände bittet er mich in sein gut beheiztes Wohnzimmer, wobei der Begriff „Stube“ hier am besten passt: Schrankwand, Sofaecke, Kacheltisch – alles in Herrn Mußmanns Bauhaus ist mit Laubsägearbeiten dekoriert.
Früher gab es hier alle hundert Meter eine Kneipe, erzählt Herr Mußmann
Herr Mußmann lebt mithin am längsten in der Bauhaussiedlung. Mitte der 70er-Jahre zog er in seinen zweistöckigen Bungalow im Kleinring. Auch seine beiden Kinder sind hier aufgewachsen. Sein Sohn, mittlerweile ausgezogen, erscheint ein paar Minuten nach mir zum Sonntagsbesuch. Wir sitzen im Wohnzimmer. An der Wand fällt mir eine alte Druckgrafik auf, das Bild eines spitzgiebligen Bauernhauses aus dem Erzgebirge, Heimatschutzstil.
Ich frage Herrn Mußmann, ob er dort groß geworden sei. „Ne“, sagt er, „ich find’s nur schön. Wohnen tu’ ich trotzdem lieber hier.“ Warum das denn? „Ich bin 1948 in Dessau geboren“, erklärt er, „und als Kinder haben wir in so ’nem Haus mit Giebeldach gelebt – da war null Platz wegen der Dachschräge“. Als er dann als junger Mann hier in die kubischen Räume des Bauhauses gezogen sei, habe er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich aufgeatmet. Ein Gefühl kleiner Freiheit.
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Allgemein sei für ihn nicht die Bauhaus-Architektur das dringendste Gegenwartsproblem, sondern die Isolation der Menschen – „und nicht nur die der alten“, ergänzt sein Sohn. „Früher“, sagt Vater Mußmann, „hat es hier in der Siedlung alle hundert Meter eine Kneipe gegeben oder einen Obstladen und einen Fleischer. Da ist man sich jeden Tag über’n Weg gelaufen“.
Heute, da sind sich beide einig, zögen sich die meisten Menschen, wenn sie es sich leisten könnten, hinter große Autos und kleine Fenster zurück. Und das nicht nur hier in Törten. Überall würde es an Infrastruktur und gemeinsamen Orten mangeln. Das Resultat? „Niemand gibt sich mehr Mühe für das, was wir haben“, meint Herr Mußmann während er mich händeschüttelnd zur Tür begleitet.
Ich verabschiede mich. Von ihm und von Törten. Als ich Dessau verlasse, denke ich noch über Herr Mußmanns Worte nach. Und plötzlich verstehe ich, was Demokratie mit Hässlichkeit, mit Gestaltung, mit Bauhaus zu tun hat. Demokratie heißt eigentlich, sich Mühe zu geben. Für das eigene und für das gemeinsame Leben. Eine Form finden, die das Praktische – Kostenoptimierung – mit dem Schönen, mit der Vision von einem guten Leben, in Einklang bringt.
Das ist es, was das Bauhaus in Dessau versucht hat – bevor die Hässlichkeit der deutschen Geschichte dazwischenkam. Kein Wunder also, denke ich mir, dass die AfD verhindern will, dass sich jemand ein Vorbild am Bauhaus nimmt. Sie will die Demokratie zerstören, wie hässlich.