Sachlich richtig | Vom Weltkapitalismus zur Soziologie des Nichtwissens: Diese fünf Bücher schaffen Klarheit

Kurz vor der Leipziger Buchmesse erscheinen zig Sachbuchtitel. Unser Autor Erhard Schütz hat fünf Bücher für Sie ausgewählt, die ganz unterschiedliche Themen behandeln. Sie verraten dennoch eine Menge über unsere weltpolitisch bewegte Gegenwart.

1. Packend geschrieben: „Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“

Die Darstellung der Geschichte des Kapitalismus als einer „Weltrevolution“ bringt es auf mehr als 1.000 eng bedruckte Seiten. Weil sich gut kapitalistisch das Zeitfenster für die Vorstellung von Büchern 2025 schließt, habe ich, wiewohl packend geschrieben, die intensive Lektüre ab Seite 549 – beim Übergang zur Wirtschaftskrise der 1870er-Jahre – ins Kursorische überführt. Immerhin kennt man sich ab da besser aus, wenngleich nicht so systematisch und umfassend, wie es hier weitergeht.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wird ja der Kapitalismus nicht nur als Begriff dingfest gemacht, sondern selbstreflexiv, erfährt fortan Kritik und organisierten Widerstand. Was mir eine neue Sicht verschaffte, war die Rekonstruktion des langen Wegs bis dahin. Aus einem nicht mehr eurozentristischen Blickwinkel erscheint der Kapitalismus auf dem Wege zu sich von Anfang an in den vielen Inseln seiner Entstehung wie in den Fernhandelsbeziehungen als globales Phänomen.

Die Darstellung setzt im 12. Jahrhundert ein, aber das gilt schon für die Antike, ja, es finden sich Ansätze bereits in der Steinzeit. Sven Beckert betont zum einen die Bedeutung der islamischen Welt, zum anderen grundsätzlich die des Staates, der den Kriegskapitalismus forciert und zugleich reguliert. Auf dem Weg bis „alles Stehende und Ständische verdampft“ zeigt das Buch im Wechsel von plastischen Fallstudien und souveränen Überblicken, wie trotz jeweiliger geografischer, gesellschaftlicher und kultureller Besonderheiten insgesamt in einem Trial-and-error-Prozess, im Wechselstreit von globaler Vernetzung und regionaler Einhegung, die Dynamik des Kapitalismus sich entfaltet.

Einen Wendepunkt hin zur Beschleunigung arbeitet er an der Produktion von Baumwolle und ihrer Fundierung in Kolonialismus und Mechanisierung heraus, Fortsetzung des Kriegskapitalismus, in dem „Eigentum – die individuelle Freiheit ebenso wie Grund und Boden und natürliche Ressourcen – zur Beute wurde“. Am Ende sieht Beckert Chancen, den verheerenden Siegeslauf zu stoppen. Indes scheint sich unter Trump & Monopolkonsorten die Geschichte eher zu wiederholen – leider nicht als Farce.

2. Unglaublich detailliert: „Geogeschichte. Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte“

Dazu passt sehr gut ein Buch über die Macht der Geografie in der Weltgeschichte, das den Weg des Homo sapiens aus der Savanne über den gesamten Globus bis allerjüngst nachzeichnet. Anhand von unzähligen Detail- und Überblickskarten wird hier zunächst der „eufrasische“ Kern dargestellt, die parallele Entwicklung und zugleich Vernetzung Asiens und des Mittelmeerraums bis zum 7. Jahrhundert, sodann der Weg der Islamisierung und seit dem 15. Jahrhundert die zunehmend akzelerierte Europäisierung der Welt.

Schier unglaublich, was alles kartiert wird, ob die maritimen Netze, ob Wege der „domestizierten Großsäuger“, die indigenen Gesellschaften im 21. Jahrhundert oder die Verteilung fossiler Rohstoffe und der Umweltverschmutzer. Das alles liegt den geopolitischen Ambitionen von heute voraus und führt zu einem tieferen Verständnis.

3. Beeindruckende Zeitreise: „Das Revier um 1900. Zu Besuch in der ,reichsten Gegend von ganz Deutschland‘“

Auch wenn die U-Boote von Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) Konjunktur haben, kann man sich doch angesichts des Wankens der Stahlbranche von Thyssenkrupp kaum noch vorstellen, dass beide zusammen mit der Kohle des Ruhrgebiets – nicht zu Unrecht – der Schrecken unsrer französischen Nachbarn waren. Jules Huret hat 1907 für Le Figaro die „reichste Gegend von ganz Deutschland“ besucht, hin- und hergerissen von Faszination und Grausen.

Er geht mit Fritz Thyssen persönlich dessen Besitzungen ab, lässt sich von ihm, mit gewaltigen Zahlen gespickt, den gigantischen Binnenhafen Ruhrort erklären, den Privathafen gleich mit. Diese Ladung geht nach Japan, jene nach Argentinien. Das meiste zum Rivalen England. Die Welt braucht deutschen Stahl. Thyssen lässt seine „Untergebenen wählen, wie sie wollen“, aber beim Streik statuiert er ein Exempel an den „Volksaufwieglern“. Die „allgemeine Fügsamkeit in Deutschland“ fällt Huret hier besonders auf.

In Essen tut Krupp alles, „um das Elend der Lohnempfänger zu mildern“. Überall entdeckt Huret amerikanische Entwicklungen – Industriellenmacht und wachsenden Wohlstand. Daneben findet er Elendsbehausungen, Schmutz und verwahrloste Kinder. Sein Begleiter: „Es ist ein Polenkind. Die Polen sind schmutzig.“ Eine Zeitreise mit dem Rückspiegel als Spieglein an der Wand. Die angeblich so patriarchal behüteten Arbeiter wurden natürlich zum Streik verführt von Demagogen. Seit Goebbels ist der Begriff nicht mehr im Schwang und jüngst durch Populisten, Influencer und Hatespeaker verdrängt worden.

4. Lehrreicher Kursus: „Demagogie. Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen“

Der Sprachphilosoph Paul Sailer-Wlasits liefert einen lehrreichen Kursus über Herkunft und Veränderungen, von der griechischen Antike bis heute, in dem er zeigt, dass er ursprünglich positiv besetzt war, nämlich für die rhetorisch instrumentierte, vernünftige Führung des Volkes zur Demokratie stand.

Da Rhetorik nicht nur den Verstand ansprechen, sondern leichter und effektiver Emotionen bewegen kann, ging es alsbald fast nur noch um Verführung. Den Weg verfolgt er über Rom hin zur Französischen Revolution und zum Vormärz, wo Demokraten demagogisch zu Demagogen erklärt wurden, über die totalitäre Demagogie hin zu den sogenannten sozialen Medien – und hat dabei stets die Stationen ihres medialen Wandels im Blick. Neben Rednern/Überredeten, Verstand/Gefühl gibt es ja auch Wissen/Nichtwissen.

5. Das sollte man wissen: „Laien. Eine Soziologie des Nichtwissens“

Der systemtheoretischeSoziologe Fran Osrečki befasst sich mit dem Wissen über das Nichtwissen. Angesichts des modern-demokratischen Anspruchs auf soziale Inklusion werden Nichtwissende mächtig. Denn alle sind in Allem mehr Laien als Spezialisten, was sie keineswegs vom Meinen, Wählen, Dilettieren oder gar Aktivismus abhält.

Sein Modell rührt nur indirekt von dem Verhältnis Laien/Kleriker her, nachdrücklicher von der Figur des Idioten im alten Griechenland, denn er wendet sich gegen die „Laienidealisierungen“ im sogenannten mündigen Bürger, der das machen soll, was die Expertokratie für gesund, medienkompetent oder politisch aufgeschlossen hält, und wendet sich jenen zu, die nur partiell inkludiert sind oder partizipieren wollen.

Dabei sind die „starken“, die engagierten, aktivistischen Laien nicht bloße Gruppenegoisten, sondern Repräsentanten der Gesellschaftsstruktur. Der Durchgang durch die unterschiedlichen Laien- und Publikums-Theorien endet in einem Modell der „Ausdifferenzierung durch Nichtwissen“, durchgespielt – unter anderem – am System des modernen Wettkampfsports und der Massenmedien, in denen man es mit einem „im Detail unbekannten Publikum zu tun hat, das stets auch anderes zu tun hat, als sich mit dem Funktionssystem zu beschäftigen“, aus dessen im Wesentlichen Funktionieren – verkürzt gesagt – er die eher illusorisch erscheinende Hoffnung gewinnt, dass das im System der Politik zumindest ähnlich sei.

Was „Laien. Eine Soziologie des Nichtwissens“ auszeichnet: dass es Desinteresse oder Inaktivität der meisten nicht als zu kurierendes und kuratierendes Defizit, sondern als gutes Recht der Entscheidung für oder gegen Interesse und Engagement sieht.

Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution Sven Beckert Rowohlt 2025, 1279 S., 42 €

Geogeschichte. Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte Christian Grataloup C. H. Beck 2025, 388 S., 38 €

Das Revier um 1900. Zu Besuch in der „reichsten Gegend von ganz Deutschland“ Jules Huret Henselowsky + Boschmann 2025, 168 S., 14,90 €

Demagogie. Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen Paul Sailer-Wlasits Königshausen &. Neumann 2025, 224 S., 20 €

Laien. Eine Soziologie des Nichtwissens Fran Osrečki Suhrkamp 2025, 328 S., 24 €.

Erhard Schütz war bis zum Jahr 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte.