„Romería“ im Kino: Der Tanz welcher Generationen

Es beginnt auf dem Wasser. Die Aufnahmen einer alten Digitalkamera wackeln im Rhythmus der Wellen. Am Horizont ein Segelboot, Berge ziehen vorbei, die Sonne bricht durch die Wolken. Eine Frau liest einen Tagebucheintrag vor, verfasst im September 1987. Sie und „Fon“, erzählt sie, hätten eine schöne Wohnung gefunden. Die Kamera zeigt ein Hochhaus, das sich den gesamten Film über immer wieder in die Bilder brennt. Die Aussicht sei schön, sagt die Frau, und auch der Blick auf das Meer. „Manchmal ist es ruhig, blau und friedlich, manchmal wild und unruhig, aber immer ist es das Meer.“

Die 35mm-Bilder, mit denen „Romería“ startet und die im Laufe des Films immer wieder zwischenmontiert werden, hat die katalanische Regisseurin Carla Simón 2004 selbst aufgenommen, die Off-Stimme rezitiert Passagen aus dem Tagebuch ihrer Mutter. Simóns Film ist, was der Titel in seinen übersetzten Bedeutungen verspricht: ein Fest, hier eins der Eindrücke und Erinnerungen. Und eine Pilgerfahrt in die eigene Vergangenheit.

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In ihrem dritten, erneut autobiografisch gefärbten Spielfilm folgt die Regisseurin einer filmischen Version ihrer selbst bei der Suche nach der eigenen Herkunft. Marina, zurückhaltend-neugierig von Llúcia Garcia in ihrer ersten Filmrolle überhaupt gespielt, reist 2004, ausgerüstet mit einer Kamera, nach Vigo an die spanische Atlantikküste. Dort lebt die Familie ihres Vaters Alfonso, kurz Fon, die sie nie kennengelernt hat. Die 18-Jährige ist nach dem Tod der Eltern bei einer Pflegemutter groß geworden und braucht für einen Stipendienantrag für das Filmstudium ein Abstammungszertifikat. Doch in der Sterbeurkunde ihres Vaters fehlt jede Spur von ihr. Ein bürokratischer Irrtum?

Die Regisseurin wuchs in einem Bergdorf bei Onkel und Tante auf

Realität und Imagination durchdringen sich in „Romería“ und erschaffen in den Leerstellen von Carla Simóns eigener Geschichte eine kinematographische Wirklichkeit. Simón ist die große Familienchronistin des europäischen Kinos, deren filmisches Schaffen sich an ihrer eigenen Biografie entzündet. 1986 in Barcelona geboren, wuchs sie, nachdem ihre Eltern an Aids gestorben waren, in einem kleinen Bergdorf in Katalonien bei Onkel und Tante auf – von der Stadt aufs Land in eine Großfamilie, die eine Pfirsichplantage bewirtschaftete.

Mit dem Tod nahm auch ihr flirrendes Debüt „Fridas Sommer“ seinen Anfang. Der Film taucht ein in die Perspektive eines kleinen Mädchens, das nach dem Tod der Mutter aufs Land zur Familie seines Onkels zieht. In „Alcarràs – Die letzte Ernte“, mit dem Simón 2022 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann, porträtierte sie eine Großfamilie auf einer Pfirsichplantage und erzählte vom schmerzlichen Abschied von Familientraditionen. „Romería“, der Premiere beim Filmfest in Cannes feierte, ist der dritte Teil ihres erzählerischen Zyklus, ihrer persönlichen und dabei auch erstaunlich universellen filmischen Aufarbeitung.

Mit der Kamera die eigene Familiengeschichte entdecken: Szene aus Carla Simóns Film    Piffl Medien
Mit der Kamera die eigene Familiengeschichte entdecken: Szene aus Carla Simóns Film    Piffl Medien

Der Film ist Erinnerung und Assoziation zugleich. Er folgt den Ereignissen durch die Augen der schweigsamen Heldin, und man ist, wie sie, zunächst vom großfamiliären Treiben und den unbekannten Menschen überfordert. Auf einer Segeljacht ist sie mit Onkel Lois (Tristán Ulloa), dessen Frau und deren Kindern unterwegs, darunter auch Cousin Nuno (Mitch Martín), mit dem sie auf Anhieb etwas verbindet. Die Crew badet und grillt zusammen, oft im Angesicht des Hochhauses, von dem Lois behauptet, dass Marinas Eltern dort nie gelebt hätten.

Ihr anderer Onkel Iago (Alberto Gracia) wiederum behauptet das Gegenteil, die Eltern hätten sehr wohl dort gewohnt. Und er erzählt ihr von der Segelleidenschaft des Vaters, der bis zu seinem Ende gesegelt habe und dachte, Aids sei eine Erfindung. Zwischen Iago, den Tanten, von denen eine ihr ein schönes rotes Kleid schenkt, weiteren Cousins und Cousinen und den exzentrischen Großeltern, die in einer Villa leben, sucht Marina nach der Wahrheit. Sie erfährt, dass Fon nicht im Jahr ihrer Geburt, sondern fünf Jahre später 1992 gestorben ist. Nur warum hat ihr Vater sie dann nie in Barcelona besucht?

Ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Eingefangen in den sinnlichen Bildern der französischen Kamerafrau Hélène Louvart zeigt „Romería“ eine fast detektivische innerfamiliäre Spurensuche. Marina beobachtet, wägt ab, hört genau zu, wer welche Geschichte über ihre Eltern erzählt, und versucht diese in Abgleich zu bringen. Sie filmt historische Orte ihrer Eltern mit der Kamera und wird auf ihrer gesamten Reise von den Tagebucheinträgen ihrer Mutter begleitet.

„Romería“ folgt aber nicht nur seiner Protagonistin. Vielmehr entwickelt sich der Film zu einem Kaleidoskop, in dem sich Eltern und Tochter, ja: verschiedene Generationen berühren, spiegeln und durchdringen. In einem traumhaften Reenactment geschieht das sogar ganz buchstäblich. So entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

In vielschichtigen Andeutungen erzählt „Romería“ auch vom Leben in der Post-Franco-Ära, von progressiven Lebensentwürfe und den Folgen von Heroinkrise und Aids-Epidemie in Spanien. Zur eindrücklichen Metapher wird der Moment, als Marina und Nuno auf einem Volksfest landen und ein traditioneller Trommeltanz in einer Tanz-Performance mündet, bei der nach und nach Menschen mit hellen Tüchern verhüllt werden. Zu hören ist der Song „Bailaré sobre tu tumba“ („Ich werde auf deinem Grab tanzen“) der spanischen Punkband Siniestro Total.

Parallel mit „Romería“ startet mit Julia Ducournaus „Alpha“ ein weiterer Film, der, allerdings in offensichtlicher Abstraktion, die Aids-Epidemie und ihre interfamiliären Folgen auf die Leinwand holt. Das Kino findet neue Zugänge zu einem anhaltenden gesellschaftlichen Trauma. Manchmal ist es ruhig und friedlich, manchmal wild und unruhig, aber immer ist es das Leben.

Source: faz.net