„Romeo is a Dead Man“: Der Letzte jener berühmten intergalaktischen Nackten
Acht Uhr oder 5. September – was heißt das schon? Wer in seiner Erzählung die Grenzen von Raum und Zeit sprengt, kann alles tun. Er hat eine Unzahl von Fanfaren, und wenn er ein gewitzter Erzähler ist, hat er auch die kreative Puste, sie alle zum Klingen zu bringen. Der Entwickler Suda51 ist unter den gewitzten Erzählern ein spezieller Fall, weil er in seinen Werken kreative Stürme entfesselt und stets damit kokettiert, ihm könnten längst die Ideen ausgegangen sein. Für den Titel seines neuesten Streichs hat er sich denn auch einen klingenden Namen geklaut: „Romeo is a Dead Man“ heißt das Videospiel.
Das stimmt auch insofern, als wir in die Rolle eines toten Polizisten namens Romeo „Dead Man“ Stargazer schlüpfen, der nur dank eines Lebenserhaltungssystems, das den Helmen der französischen House-Musiker Daft Punk ähnelt, fortexistiert. Wo Romeo stirbt, da darf auch Julia (hier heißt sie wie im Original Juliet) nicht fehlen. Allein – die beiden haben ein schwieriges Verhältnis. Nicht etwa weil sich hier die Häuser Capulet und Montague spinnefeind wären. Nein, es ist Juliet selbst, die – so sagt sie es einmal – die „Welt zerstört, nur um ihn zu sehen“.
In Blumenbeeten werden hilfreiche „Bastarde“ gezüchtet
Alles Weitere, was sich diesem erzählerischen Puzzle entnehmen lässt, ist, dass die „FBI-Space-Time-Police“ Juliet in ihrem Raum-Zeit-Schiff „Eternal Sleep“ (oder heißt nur dessen überdimensionierte Kanone so?) jagt und versucht, ihre pantemporalen Gräueltaten sowie die ihrer vier Schergen zu vereiteln. Visueller Fixpunkt sind das „Night Owls“-Diner (ein Gruß an Edward Hopper), in dem Romeo sich zwischen den Kapiteln mit Juliet unterhält, sowie das in 2D-Retrografik angelegte Innere des „FBI-Space-Time-Police“-Schiffes, in dem Romeo stets um acht Uhr am Morgen des 5. Septembers wieder erwacht, wiewohl die Zeit innerhalb des Schiffs normal zu verstreichen scheint.
Als Spieler muss man sich im Klaren sein, dass man hier in den entscheidenden Momenten selten am Drücker ist, das eigentliche Spielerlebnis ist deshalb allenfalls eine Hürde auf dem Weg zur Erkenntnis. Die Gegner sind Zombies und andere Monstrositäten, die sich mit so futuristisch wie spielzeugartig anmutenden Waffen bekämpfen lassen; oder mit rätselhaften „Bastarden“, hilfreichen Zombiegefährten, die man in Beeten züchtet und von denen man selten weiß, was sie einem eigentlich nützen.
Gegner – von den Endgegnern abgesehen – sind in diesem Spiel (abgesehen von einigen wirklich pfiffigen Stellen) für eine Sache berühmt: Sie nerven. Und weil die Kämpfe so wirken, als schieße man mit billigen Jahrmarktspielzeugen Gummipfeile auf Pappkameraden, ist man von Kapitel zu Kapitel weniger geneigt, sich mit ihrer stetig wachsenden Zahl auseinanderzusetzen. Erwähnt werden muss die Wahl der Schwierigkeitsgrade: Auswählen kann man zwischen „weißer Schokolade – genieße ein geschmacklich mildes Gameplay“, „Milchschokolade – genieße ein Gameplay mit moderater Süße“ und „Orange(n?) Schokolade – genieße ein bittersüßes, verlockend knackiges Gameplay“. Letzteres ist hübsch, aber nur etwas für Leute, die Spaß daran haben, mit eingeschlafenen Füßen auf einem Fahrrad im 23. Gang 40 Grad Steigung zu bewältigen, bei Gegenwind.
Die Kämpfe am Ende von sieben der insgesamt acht Kapitel (verbunden durch teils irrlichternde Filmsequenzen und Comics) sind visuell reizvoll, klingend die Namen derjenigen, die da gefällt werden müssen: Ein gesichtsloser Fleischturm tritt auf als „Jeder Tag ist wie Montag“, ein Bodybuilder mit ungesunder Hautfarbe und Gatling auf der Schulter wird als „Todeswechselbalg Parabellum“ vorgestellt, und zuletzt – so viel darf man verraten – steht man dem „Letzten der berühmten intergalaktischen Nackten“ gegenüber.
Geschlagene Endgegner, die ein „friedvolles Leben“ führen wollen
Es gibt im Netz ganze Abhandlungen darüber, wie sehr Suda51s Werk – (dazu zählt die rustikale „No More Heroes“-Reihe und „Killer7“) vom Zoroastrismus geprägt ist. Suda selbst wiederum wähnt sich im Geiste des „Punk“. Vor allem in dieser Hinsicht nimmt sich „Romeo is a Dead Man“ als Videospiel auf fast schon angestrengte Weise nicht sehr ernst. Es wirkt, als habe Suda sich an einer Persiflage versucht, die zu spielen sich aus einem Grund lohnt: aus purer Neugier. Mitunter beklagt sich der Held, dass es nach dem Kampf keine Belohnung gibt. Einer der Endgegner stirbt keinen grausamen Tod, sondern verlässt die Bühne, um nun ein „friedvolleres und befreites Leben zu führen“.
Obgleich die Hauptfigur den intellektuellen Charme eines mannsgroßen Styroporblocks versprüht, sind das Material und die kulturhistorischen Referenzen, die ihn umgeben, so mannigfaltig, dass das Spiel zu einer Art Schnitzeljagd durch Zeit und Raum wird: Ob nun Dionys Burgers Roman „Sphereland“ genannt wird, oder der Umstand, dass einer von Juliets Schergen, Dr. Herbert C. Hill, „wegen Kindesentführung im Jahr 1284“ gesucht wird (man googelt und findet: den Rattenfänger von Hameln), an anderer Stelle baut Suda eine traditionelle japanische „Rakugo“-Erzählung ein, in der ein niederer Todesgott (Shinigami) durch den schönen Satz „Abrakadabra, Keats und Yeats, Alakazam!“ gebannt wird.
Und wenn Suda dieses Videospiel als „ultrabrutale Science-Fiction“ beschreibt, dann weist die oft groteske Gewalt, eingehegt durch die obligatorischen Monologe der Endgegner, stets über das Spiel hinaus: In diesem zersplitterten Universum ist Gewalt der verzweifelte Akt eines einsamen Kindes, nach der Aufmerksamkeit abwesender Eltern zu schreien – allerdings in einem kosmischen Maßstab. „Hast du Gott je gesehen?“ fragt eine Spielfigur. Wer die „Faust als Schlüssel zum Paradies“ betrachtet, müsse scheitern, sagt eine andere. Besonders in Anbetracht einer Gottheit, die nicht nur „jede Kraft“, sondern auch „jede Emotion besaß“, die man sich vorstellen kann.
Wenn nicht die Faust, was dann? Nach gut 14 Stunden erfolgt endlich die Antwort mit Shakespeare (Romeo und Julia, Szene II, im Obstgarten): „Lady, by yonder blessed moon I swear / That tips with silver all these fruit-tree tops“, haucht Romeo. „Ich hasse Shakespeare“, antwortet Juliet. Na dann. Schöner ist man als Videospieler zuletzt selten irritiert und aufgefordert worden, über den Unterschied zwischen Existenz und Leben nachzudenken; und darüber, warum wir spielen.
Romeo is a Dead Man ist für PS5, Xbox und PC zu haben und kostet etwa 50 Euro.
Source: faz.net