Romanautorin Esther Schüttpelz: „Potenziell ist jede Frau zu Hause gefährdet“

Esther Schüttpelz, geboren 1993 in Werne, studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwältin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr zweiter, soeben erschienener Roman Grüne Welle erzählt von einer Frau, die nach dem Kinobesuch mit ihrer Freundin, allein im Auto nach Hause fährt und über Straßenumleitungen vom eigentlichen Weg abkommt. Stetig entfernt sie sich von ihrem Zuhause und dem Ehemann und denkt dabei: Bei der nächsten roten Ampel drehe ich um.

Doch die grüne Ampelwelle hindert sie daran, und zunehmend wird klar, dass es sich um eine Geschichte über häusliche Gewalt handelt. Im Gespräch erzählt Schüttpelz, dass ein Verständnis für Betroffene oftmals fehle und die rechtlichen Rahmenbedingungen bei häuslicher Gewalt unzureichend seien. Und was das Ehegattensplitting mit alledem zu tun hat.

der Freitag: Frau Schüttpelz, ihr Roman beginnt mit einer scheinbar alltäglichen Situation: einer Autofahrt nach dem Kino. Warum haben Sie gerade dieses Setting gewählt, um eine Geschichte über Gewalt und Abhängigkeit zu erzählen?

Esther Schüttpelz: Es hätte nicht zwangsläufig das Kino sein müssen, sondern eine alltägliche Situation, weil die Frau ihre „Flucht“ ja nicht geplant hat, sondern da hineingerät. Und das konnte nur aus einer alltäglichen Situation heraus passieren.

Die „grüne Welle“ wirkt fast wie ein fantastisches Element, das die Protagonistin am Umkehren hindert.

Die grüne Welle zeigt: Eigentlich steht dir von außen gerade nichts im Weg, du kannst einfach fahren. Aber die Frage ist eben: Schaffst du es auch von innen, dir einzugestehen, dass du hier wegsolltest? Ich glaube, wenn man eine von Gewalt geprägte Welt verlassen will, dann ist das ein Prozess, der auch ganz praktisch schwierig sein kann.

Etwa wenn Betroffene physisch nicht wegkönnen, weil sie finanzielle oder andere strukturelle Probleme haben oder sogar eingesperrt sind. Aber auch das Innere ist eine riesige Herausforderung, für die nach wie vor wenig Verständnis da ist. In der Gesellschaft oder im Umfeld der Betroffenen denken viele: Das kann doch nicht so schwer sein, da geht man einfach raus. Dabei scheint es so zu sein: Nein, selbst wenn alle Ampeln auf Grün stehen, ist das Weggehen oft schwierig.

Die Protagonistin bleibt lange in der Beziehung, obwohl sie Gewalt erlebt. Als Leser:in verspürt man beinahe Frust, dass sie nicht einfach geht…

Von außen kann man sich häufig nicht vorstellen, wie schwer es ist, daraus herauszukommen. Oder überhaupt in so etwas hineinzugeraten, gerade als eigenständige, selbstbewusste, feministische Frau, wie es auch meine Protagonistin ist. Gewalterfahrungen sind für Betroffene sehr schwer einzuordnen und zu fassen. Nicht selten erschüttern sie das eigene Selbstbild.

Abgesehen von einem „Das ist nicht richtig“, also einer fast schon kindlich-moralischen Bewertung, die wir vielleicht alle noch hinbekommen, löst das häufig eine große Sprachlosigkeit und dadurch auch Handlungsunfähigkeit in Betroffenen aus. Literatur kann sich dem erst einmal ohne Wertung nähern und auf andere, der Literatur eigene Weise versuchen, die Feinheiten solcher Dynamiken einzufangen.

Von außen kann man sich häufig nicht vorstellen, wie schwer es ist, aus sowas herauszukommen

Ein zentraler Aspekt ist neben der physischen auch die psychische Gewalt. Wie haben Sie versucht, diese Form von Gewalt literarisch greifbar zu machen?

Der Text folgt dem Ablauf der Gedanken der Frau, egal, ob strukturiert oder sprunghaft. Inhaltlich sind diese Gedanken über weite Strecken vom Nicht-Hinsehen und Sich-selbst-die-Schuld-Geben geprägt. Beim Schreiben fühlte sich das richtig an, auch wenn man eine Frau so eigentlich gar nicht darstellen will. Es ist eben ein sehr ehrlicher Blick, dass sie zu Beginn wirklich glaubt, sie sei es dem Mann schuldig, jetzt nach Hause zu kommen oder sich zu melden.

Oder seine Gefühle über ihre zu stellen und ihre Mitschuld zu suchen. Diese ganzen Gedanken, mit denen sie ihre Situation am Anfang noch rechtfertigt, das sind natürlich Folgen von psychischem Missbrauch. Ich habe also weniger den psychischen Missbrauch selbst dargestellt, sondern versucht aufzuzeigen, wie jemand, der Opfer davon geworden ist, möglicherweise denkt.

Und das dann auch in den eigenen Charakter übernimmt…

Genau, sodass sie vielleicht selbst gar nicht mehr außerhalb dieser Beziehungslogik zu denken oder zu handeln weiß.

Ihr Roman verbindet die Angst im öffentlichen mit der im privaten Raum.

Recht am Anfang gibt es diese Szene, in der sie sich Gedanken darüber macht, wie gruselig es ist, nachts allein an einem U‑Bahnsteig langzulaufen. Da sieht man, dass die Frau glaubt, die Gefahr lauert draußen, obwohl sie selbst einer ständigen Bedrohung zu Hause ausgesetzt ist und da nicht hinschauen will.

Statistisch gesehen, heißt es auch, dass der gefährlichste Ort für Frauen das eigene Zuhause ist.

Statistisch ist das einfach ein Fakt. Natürlich ist nicht jede Frau zu Hause gefährdet, aber potenziell schon. Und wenn jemand in so etwas hineingeraten ist, dann kann das Zuhause ein sehr, sehr gefährlicher Ort werden. Das Furchtbare ist, dass so viel mehr Frauen davon betroffen sind, als wir uns alle überhaupt vorstellen können oder wollen. Und gerade auch Frauen, wie meine Protagonistin, die es sich nie hätten vorstellen können.

Sie arbeiten im Roman stark mit dem Begriff „Rahmen“. Die Protagonistin, die als weibliche Künstlerin für ihr Schaffen immer zunächst vom Rahmen und den Grenzen ausgeht. Häusliche Gewalt ist ein strukturelles Problem und passiert auch innerhalb eines Rahmens. Inwiefern tragen diese verschiedenen „Rahmen“ dazu bei, dass es so schwer ist, sich aus solchen Beziehungen zu lösen?

„Rahmen“ oder etwas präziser „gesellschaftliche Rahmenbedingungen“ tragen ganz viel dazu bei, dass Frauen überhaupt erst in so etwas hineingeraten. Es gibt genug Beispiele, auch rechtlicher Art, die Frauen auf subtile Weise in Abhängigkeiten von Männern bringen oder halten können. Zum Beispiel das Ehegattensplitting, das einer patriarchalen Idee über die Rolle der Frau entstammt. Aber auch verinnerlichte Glaubenssätze und Geschlechtervorstellungen sind längst nicht überwunden. Auch die zähle ich hier zu den „Rahmen“ im weiteren Sinne.

Die Frau im Roman hat aber fast schon einen Fetisch für diesen Rahmen entwickelt. Der Rahmen wurde für sie zu einer Art Rechtfertigung, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind, und sie die äußeren Umstände quasi hinzunehmen hat, und nur im Inneren ihre kleine Rebellion ausführen darf. Angesichts der Überforderung, die der Gedanke an die Flucht in ihr auslöst, redet sie sich ein, sie sei in den Grenzen ihrer selbst gesteckten Rahmen gut aufgehoben. Das war auch eine Möglichkeit zu zeigen, wie sehr sich diese Frau selbst von außen begrenzt und sich auch das Verlassen der Situation verbietet.

Die Opfer bleiben oft mit den Verletzungen zu Hause und gehen nicht zum Arzt. Man hat da einfach massive Beweisprobleme

Die Freundin der Protagonistin hat Schwierigkeiten, sie darauf anzusprechen. Bräuchte es mehr Wissen, wie man Betroffene unterstützen kann?

Mein Text hat dafür keine klare Antwort. Wir sehen nur: Okay, so richtig falsch hat die Freundin es nicht gemacht, aber eben auch nicht richtig. Sie hat das Thema schon oft vermieden, aber immerhin ist sie drangeblieben und hat sich regelmäßig mit der Frau im Kino getroffen. Ich glaube, es gibt nicht den richtigen Weg. Es ist einfach wahnsinnig schwierig, weil man ja vor dem Konflikt steht, auch die privaten autonomen Entscheidungen einer Person zu respektieren.

Vielleicht will die andere Person eine Beziehung führen, wie ich sie selbst nicht führen wollte. Oft will man niemandem etwas unterstellen oder Betroffene sagen, es sei alles okay. Aber ich glaube, je mehr darüber gesprochen wird, je weniger Scham aufseiten der Frauen bleibt und je weniger Schuld ihnen dafür zugeschrieben wird, desto mehr können wir uns auch gegenseitig verzeihen.

Und es gibt viele Gründe, warum Betroffene darüber nicht sprechen. Sie haben Angst, weil sie Verleumdungsklagen fürchten, sie denken, dass sie sich schämen müssen, vielleicht sogar vor ihren engsten Freundinnen und Angehörigen. Da wären wir bei dem Thema: Die Scham muss die Seite wechseln. Wenn es eine Person gibt, die in der Situation verantwortlich ist, dann ist es der Täter.

Andere müssen sich diesem Täterverhalten zwangsläufig in irgendeiner Form anpassen und können deswegen gar nicht mehr perfekt handeln. Ich glaube, wir können auch als Freunde zum Beispiel sagen: Ich habe vielleicht drei Jahre lang nichts gesagt, aber es ist nicht zu spät, ich kann auch jetzt noch etwas sagen, und ich mache es jetzt irgendwie. Wenn das nicht hilft, ist es sicherlich richtig, der betroffenen Person keinen Vorwurf zu machen.

Sie haben mal gesagt, dass narrative und juristische Verfahren einen Rahmen brauchen. Wo sehen Sie die Grenzen des Rechts, wenn es um häusliche Gewalt geht?

Es ist eines der schwierigeren Felder in der Rechtswissenschaft, weil bei häuslicher Gewalt logischerweise meistens keine Zeugen anwesend sind. Es ist auch sehr häufig so, dass es keine anderen Beweise gibt, zum Beispiel medizinische Gutachten, weil die Opfer oft mit den Verletzungen zu Hause bleiben und nicht zum Arzt gehen. Man hat da einfach massive Beweisprobleme.

Wenn es bewiesen werden kann, dann denke ich, sollte es viel schneller gehen als bisher und es sollte weniger Stigmatisierung geben. Richter:innen, Staatsanwälte, auch Polizist:innen, müssten teilweise noch besser ausgebildet und speziell darauf geschult sein, häusliche Gewalt zu erkennen und ernst zu nehmen. Außerdem müsste der politische Wille, Prävention ernst zu nehmen, viel stärker sein. Dass es zum Beispiel Frauenhäuser immer noch geben muss, ist tragisch genug. Dass sie chronisch unterfinanziert sind und diejenigen, die sie als Zufluchtsort in Anspruch nehmen, oft auf hohen Kosten sitzen bleiben, ist ein Skandal.

Außerdem sollte im gesellschaftlichen Diskurs über juristische Feinheiten präziser gesprochen werden, Stichwort Unschuldsvermutung. Sie ist ein wichtiges Rechtsstaatsprinzip, aber richtet sich als solches erst einmal an den Staat in Form der Richterinnen und Richter. Die haben zu vermuten, dass der Angeklagte unschuldig ist, bis sie vom Gegenteil überzeugt sind. Aber als Gesellschaft dürfen wir vermuten, was wir wollen, und uns auch auf der Grundlage von Aussagen dafür entscheiden, jemandem zu glauben.

Im Roman fällt es der Protagonistin schwer, ihrer Erfahrung eine Form zu geben. Ist das ein Problem, das Ihnen aus juristischen Kontexten bekannt ist?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man solche Fälle juristisch betrachtet, hat man zwangsläufig einen begrenzten Blick. Letztendlich sucht man spezielle Kriterien, die mit dem Recht im Zusammenhang stehen, und stülpt hochkomplexen Situationen einen Rahmen über, der ihnen vielleicht nicht immer gerecht wird. Dabei spielen häufig auch Erwartungen darüber eine Rolle, wie ein Opfer zu sein hat.

Genau das habe ich literarisch natürlich vermeiden wollen. Ich wollte die Frau nicht in einen Raum quetschen, sondern mit der Idee des Rahmens in ihrer Kunst und auch mit der klar begrenzenden Rahmenhandlung eine literarische Form finden, die dem Inhalt nicht nur entspricht, sondern ihn bestenfalls noch um das Unaussprechliche ergänzt. Wir haben es hier mit einer so komplexen zwischenmenschlichen Situation zu tun, und da wird keine Schablone einem Einzelfall jemals gerecht werden. Auch nicht in der gesellschaftlichen Bewertung.

Fälle wie der um Collien Fernandes haben zuletzt viel Aufmerksamkeit erzeugt. Haben Sie das Gefühl, dass sich gerade etwas verändert – gesellschaftlich oder auch rechtlich?

Ich hoffe es, wie viele andere Menschen. Ich glaube, dass jede dieser Debatten etwas Kleines verändert. Mindestens, weil man einfach noch einmal darüber spricht und wir mit dem digitalen Missbrauch eine neue Dimension kennengelernt haben, die nun für die breite Öffentlichkeit sichtbar wurde.

Egal, was von den Forderungen an die Regierung am Ende umgesetzt wird, in den Köpfen vieler Menschen hat es bereits zu kleinen bis großen Veränderungen geführt. Insofern kann man Collien Fernandes, gar nicht dankbar genug sein für diesen unglaublichen Mut, den sie aufbringt. Gleichzeitig möchte ich wirklich nicht mit ihr tauschen wollen. Sie macht vermutlich gerade eine höllische Zeit durch, und erfährt viel Hass und Diffamierung. Und daran sehen wir, dass wir noch lange nicht da sind, wo wir sein sollten.

Grüne Welle Esther Schüttpelz Diogenes 2026, 208 S., 25 €