Roman von Olga Ravn: Wer dies liest, ist eine Hexe

Von etwa 35 Grad Celsius an wird Bienenwachs weich, dann kann man es formen. Bei Hitze schmilzt es. Bei Kälte bricht es. Ein Stoff also, aus dem nur mit Fingerspitzengefühl Großes werden kann. Das gelingt in diesem Bücherherbst gleich zwei Autorinnen. Einmal Christine Wunnicke, die mit „Wachs“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Ihr historischer Roman erzählt vom Leben einer Frau, die anhand von Leichenteilen Organe modelliert. Und Olga Ravn, deren Roman gewisse Parallelen aufweist. Auch „Wachskind“ ist ein historischer Roman mit einer lesbischen Frau im Zentrum. Doch während Wunnickes Hauptfigur als Greisin das revolutionäre Paris erlebt, wird bei der Dänin niemand alt. Ravn lässt Köpfe rollen und Scheiterhaufen schichten. „Wachskind“ ist ein Roman über den Schrecken, eine Frau zu sein.

Davon gibt es einige. Feministischer Horror boomt, auch wenn auf Deutsch bisher wenige Titel vorliegen. Zu groß scheint für den hiesigen Buchmarkt der Graben zwischen Genre und anspruchsvoller Literatur. Doch die 1986 in Kopenhagen geborene Ravn überbrückt ihn nun schon zum zweiten Mal. Ihr Debütroman „Die Angestellten“ war eine Science-Fiction-Parabel über Arbeit im 22. Jahrhundert. Darin reflektierten Menschen und Humanoide über den plötzlichen Produktivitätseinbruch auf ihrem Weltraumschiff und somit beiläufig über den Sinn des Lebens. Nun blickt Ravn in die Vergangenheit.

Einzigartige Perspektive

Schauplatz von „Wachskind“ sind die historisch belegten Hexenprozesse im dänischen Aalborg um 1620. Nachdem eine Frau in ihrem Haushalt den fünfzehnten Säugling verliert, wird Chris­tence der Hexerei bezichtigt. Mittel- und gattenlos flieht sie in eine andere Stadt, verbündet sich dort mit Witwen und Ehefrauen, verliebt sich. Doch dann wird aus einer Freundin eine Verräterin. Es folgen der Prozess, der Kerker und die Hoffnung, Christences adelige Herkunft könne sie vor dem Feuertod bewahren. Erzählt wird diese Geschichte aus einer einzigartigen Perspektive: „Ich bin ein Kind aus Bienenwachs. Geformt zu einer Puppe von der Größe eines menschlichen Unterarms. Man hat mich mit Haaren und Nägeln der Person versehen, die leiden soll.“

So beginnt der Roman und stellt klar: Das ist keine gewöhnliche Geschichte über Elternschaft. Dieses Kind ist kein Segen, sondern ein Fluch. Und doch trägt Christence es oft bei sich. Selbst wenn nicht, bleibt es in Verbindung mit der Welt. Es spricht ohne menschlichen Mund, weiß von Gesprächen viele Kilometer weiter. Wie? Weil die Tautropfen es ihm berichten oder die Tinte auf einem Briefbogen. Durch seine „unerhörte, schachtgroße Sehnsucht“ nach Christence kann das Wachskind Naturgesetze überwinden. Doch es bleibt eine tragische Instanz: Allem Wissen zum Trotz kann es sich nicht rühren, bleibt fremdbestimmt. So wie Christence und ihre Freundinnen.

Das Vokabular klingt wie Hexenwerk

Jedem Satz ist anzumerken, dass Olga Ravn auch Lyrik schreibt. Ihre Sprachbilder sind originell, überfrachten nur selten Passagen. So verliebt Christence sich in Marens Leuchten, „halb Göttin, halb perlendes Bier“. Allein durch das Vokabular klingt Handarbeit wie Hexenwerk: „Sie konnten kardieren, sie konnten spinnen, sie konnten den Flachs riffeln und brechen und ihn schwingen und hecheln, sie konnten zetteln, ketteln und weben.“ Auch Ravns Übersetzer Alexander Sitzmann hat hier Großes geleistet.

Olga Ravn: „Wachskind“.
Olga Ravn: „Wachskind“.März Verlag

In einem soghaften Rhythmus wechselt der Text von Beschreibungen zu Behördenbriefen zu Zaubersprüchen. Letztere, so die Anmerkungen am Schluss, stammen aus Originalquellen, aus sogenannten schwarzen Büchern, die vom 15. Jahrhundert an Texte aus der nordischen Folklore versammelten. Dieses Wissen lässt den Roman noch gegenwärtiger wirken. Es suggeriert: Wer das liest, ist eine Hexe. Wer die unbedingte Selbstbestimmung von Frauen fordert, steht unter Verdacht. Das gilt auch heute, wenn das Recht auf Abtreibung unter Beschuss gerät oder Rechtsextreme reihenweise Staatsoberhäupter stellen.

Gilt die Hexe seit jeher als feministisches Vorbild, ergänzt Ravn den Diskurs um einen neuen Aspekt: den finanziellen. Tatsächlich ergeht es Christence durch ihre adelige Herkunft besser als ihren Freundinnen. Zudem hat ein Roman wohl noch nie so bitter aufgeschlüsselt, wie viel Frauenhass im Detail kostet. Bier für den Henker? Zwei Taler. Vorladung vor Gericht? Vier Schilling. Leiter, von denen man die Frauen ins Feuer stößt? Zwanzig Schilling. Die Mischung aus ideologischer Großspurigkeit und bürokratischem Klein-Klein macht diesen Roman besonders beklemmend, besonders real.

Ob die Frauen wirklich Magie betreiben, ist Nebensache. Zwar gibt es die mit Haaren und Nägeln gespickte Puppe, doch sie nützt nichts. Weder leiden Christences Widersacher, noch kann das Wachskind seine Weisheit teilen. Nicht einmal die nuancierten Männerfiguren, die an ihrer Anklage zweifeln, können die Prozesse noch stoppen. Es wäre alles hoffnungslos, wäre dieser Text nicht so menschlich, suchten seine Figuren nicht so unablässig nach Nähe und Verbindung. Auch und gerade die verfluchte Puppe. Mit niemandem wird man sich in diesem Herbst besser gruseln als mit ihr.

Olga Ravn: „Wachskind“. Aus dem Dänischen von Alexander Sitzmann. März, 190 Seiten, 25 Euro.

Source: faz.net