Rolf Buch geht: Die Baustellen des neuen Vonovia-Chefs

Viel telefoniert hat Rolf Buch in den vergangenen Wochen mit Luka Mucic. Der scheidende und der neue Vonovia-Chef hatten einiges zu besprechen, um den Übergang bei Deutschlands größtem Wohnungskonzern so reibungslos wie möglich zu gestalten. Wie funktioniert die Wohnungswirtschaft, was ist der Stand bei der Regulierung, und was sind die wichtigsten Punkte in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung eines Immobilienkonzerns? Solche Dinge, klassisches Aufschlauen. Buch ist ein Typ Mensch, dem man abnehmen kann, dass er es ernst meint, wenn er sagt, dass man sich irgendwann auch mit Ratschlägen zurückhalten muss. Erklären, wie man es selbst gemacht hat, aber Raum geben zur eigenen Entfaltung – und auch für neue Entscheidungen und Strategien.
Gleichzeitig hatte Mucic in den vergangenen Wochen noch seine Aufgaben als Finanzchef des britischen Mobilfunkkonzerns Vodafone zu erledigen, sodass der telefonische Kontakt am einfachsten war. Gesehen haben sich die Manager ab und an, etwa auf einem Kongress von Vonovia Anfang Dezember in Berlin, auf dem sich Mucic vorgestellt hat. Der 54 Jahre alte Walldorfer übernimmt zum Januar das Amt als Vorstandsvorsitzender des Bochumer Dax-Konzerns, in Berlin betonte er schon, in was „für große Fußstapfen“ er trete.
Buch führte Vonovia an die Börse – im zweiten Anlauf
Sein Vorgänger hat Vonovia tatsächlich nicht nur geprägt, sondern das Unternehmen zu dem gemacht, was es heute ist. 2013 kam der Siegerländer zur damaligen Deutschen Annington. Wie sein Nachfolger war Buch Branchenneuling. Buch kam aus der Gütersloher Bertelsmann-Welt zurück ins Ruhrgebiet. Geschadet hat es nicht, die 13 Jahre an der Spitze erwiesen sich als Erfolgsgeschichte. „Wir haben den Umsatz über die Zeit verfünffacht. Im Ergebnis sind wir noch stärker gewachsen, wegen der Skaleneffekte“, sagt Buch. Fast 360.000 Wohnungen kamen hinzu, ein Börsengang, ein Dax-Aufstieg und neun Übernahmen fallen in Buchs Zeit als Vorstandsvorsitzender. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich vervierfacht, mehr als 80 Milliarden Euro sind die etwas mehr als eine halbe Million Wohnungen Vonovias wert.
Das heißt nicht, dass alles ständig rosig ablief: Kurz nach Amtsantritt scheiterte der Börsengang im ersten Versuch, für die am Ende 18 Milliarden Euro schwere Übernahme des Konkurrenten Deutsche Wohnen sollte Buch insgesamt drei Anläufe brauchen. In seine Amtszeit fallen Enteignungsdebatten, Kritik an Mietpreissteigerungen genauso wie Milliardenverluste in der Bilanz zu Zeiten der Immobilienkrise. Auch wenn das operative Geschäft stets solide blieb, mit konstanter Nachfrage und praktischer Vollvermietung, ein Wechsel an der Unternehmensspitze vor zwei Jahren noch wäre mit deutlich mehr Schmerzen vollzogen worden.
„Ich fühle mich fit genug, um nochmal was Neues zu machen“
Doch nach den langen Krisenjahren schaltet der Dax-Konzern jetzt wieder auf Wachstum. Buch sieht eine Phase von zehn bis 15 Jahren, in der Größenvorteile und die Struktur des Bochumer Unternehmens ausgespielt werden können. „Und da ist es mit 60 Jahren einfach für mich und auch für das Unternehmen besser, wenn jemand am Ruder ist mit einer längeren Perspektive“, sagt Buch. „Lebensalter kann man nun mal nicht zurückschrauben.“
Für den Zeitpunkt des Abschieds hat er einige Gründe genannt. Der Amtsantritt seines Nachfolgers falle so nicht so arg weit weg von der Sortierung der neuen Bundesregierung, was für Kontaktaufbau hilfreich sei. Hätte Buch erst 2028 aufgehört, wäre das außerdem zeitlich auf den Wechsel des Aufsichtsratsvorsitzes gefallen, was vielleicht etwas viel Umsortierung auf einmal für eine Organisation in der Vonovia-Größe wäre.
Das bedeutet nicht, dass Buch genug vom Arbeiten hat. Für die Investmentgesellschaft KKR hat sich der Manager als Berater engagieren lassen. „Ich fühle mich fit genug, um noch mal was Neues zu machen“, sagt Buch. Dazu gehören auch Beiratsmandate etwa bei der Hagedorn Gruppe, die sich auf Rückbau etwa von Kraftwerksanlagen spezialisiert hat – sie sitzt in Buchs Wahlheimat in Ostwestfalen.
Der Neue kommt mit Sesamstraßenfigur
Seine Erfahrung aus der Branche soll in der Beratung KKRs einfließen: „Wir müssen sicherstellen, dass Kapital in unser Land kommt“, sagt Buch. „Irgendjemand muss jedes Jahr Schecks in Höhe von 100 Milliarden Euro ausschreiben, um die geforderten 400.000 Wohnungen zu bauen, und dann brauchen wir noch mal 120 Milliarden, um energetisch zu sanieren.“ Das kann ein Staat, der mit Sozialausgaben, Verteidigung und der Modernisierung der Infrastruktur noch weitere Baustellen hat, unmöglich leisten. „Also brauchen wir privates Kapital – und da geht es dann auch darum, den potentiellen Geldgebern zu erklären, warum es eine gute Idee ist, in Deutschland zu investieren.“ Dafür gebe es nämlich viele gute Gründe.
Der Manager hat sich mit politischen Meinungen nie zurückgehalten und macht das auch nicht zum Abschied. „Der Bauturbo kommt halt eben 15 Jahre zu spät, und der Gebäudetyp E hätte eigentlich nie notwendig werden müssen, wenn die Bauwirtschaft nicht diese ganzen Regeln in den letzten 15 Jahren auferlegt bekommen hätte“, sagt Buch. Nun sind die beiden Bauerleichterungen aber da beziehungsweise in Planung: Sie sollen dazu führen, dass hierzulande wieder mehr gebaut wird. Das soll dann auch eine Aufgabe werden für den Nachfolger.
Mucic bringt die Sesamstraßenfigur „Graf Zahl“ als Schreibtischbegleiter mit und ansonsten einen Willen, seine Zahlenbegeisterung aus der langen Finanzer-Zeit bei Vodafone und zuvor dem Softwarehaus SAP in Wachstum umzumünzen. Vonovias Größe erlaubt es dem Unternehmen, Wohnungen zu viel geringeren Kosten zu bewirtschaften als die nächstgrößeren Konkurrenten. Große Übernahmen in der Branche sind demnächst eher nicht zu erwarten, vielmehr geht es um Ausführung: serielles Sanieren, schnelleres und kostengünstigeres Bauen und auch das Ausnutzen der Skaleneffekte in der Bewirtschaftung mit zusätzlichen Geschäftsfeldern wie etwa Energieversorgung. Mit Geschäftskontakten kennt sich Mucic aus, auch Gespräche mit großen Glasfaserpartnern dürften für den technikaffinen Familienvater kein Problem darstellen.
Viel Kritik an der Mietpreisbremse
Sein Vorgänger Buch weiß aber auch, welche Verantwortung mit der Rolle des Vorstandsvorsitzenden einhergeht. Wohnen ist ein hochemotionales Thema, und Vonovia als Branchenprimus steht besonders im Fokus. „Für die Systemfrage eignen wir uns als Vonovia natürlich hervorragend“, sagt Buch. „Aber da ist es eben gut, wenn man immer mal den Realitätscheck macht: und dann feststellt, dass eine Vonovia nicht die exorbitanten Mieten verlangt, über die debattiert wird.“
Gleichzeitig war Buch nie jemand, der sich der politischen Debatte in Berlin entzieht – und da wird auch sein Nachfolger gefordert werden. „Zur Realität gehört: Heute eine neue Wohnung in Berlin oder München zu suchen, ist für viele Menschen der pure Horror“, sagt Buch. Um dieses Problem zu lösen, müsse in Deutschland die Mietgesetzgebung „vom Kopf auf die Füße“ gestellt werden. „Sie erfüllt ihre Aufgabe, die Schwachen zu schützen, nicht gut und verhindert Investitionen in den Städten.“ Damit spielt er vor allem auf die Mietpreisbremse an, einen der größten Kritikpunkte, die Buch stets hatte.
Darüber überworfen mit der Politik hat sich der Manager aber nie. Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sprach zu Buchs Verabschiedung ein Grußwort, auch Melanie Weber-Moritz, die Präsidentin des Deutschen Mieterbundes, gehörte zu den Rednerinnen zum Festakt in der Hauptstadt. Im Januar steht für Buch noch ein Besuch in Berlin an, in der Handwerksakademie von Vonovia. „Ich lass mich noch mal richtig schulen im Schweißen, das ist ganz schön schwierig.“
Worauf er sich in jedem Fall freut: einen weniger durchgetakteten Tagesablauf und etwas mehr Kontrolle über die eigenen Termine zu haben. „Ich habe diesen Sommer zum Beispiel keinen Urlaub gemacht, weil ich schlicht vergessen habe, einen Urlaubsblocker zu setzen“, sagt Buch. „Und ich freue mich drauf, vielleicht auch mal bis 9 Uhr zu schlafen.“