Rohstoffsicherheit: Was noch zur Kreislaufwirtschaft fehlt

In deutschen Unternehmen setzt sich zunehmend der Gedanke durch, dass sich eine Kreislaufwirtschaft errichten lässt. Sie ist ein alter Traum von Ökologen: Der Abfallstoff eines Produktionszweigs wird zum Input eines anderen. Dadurch könnte die Natur durch geringere Treibhausgasemissionen geschont werden, weniger Müll müsste deponiert oder verbrannt werden – und von zunehmender Bedeutung: Kritische Rohstoffe, die strategisch von China kontrolliert werden, könnten verfügbar bleiben.

War dieses Konzept lange eine inspirierende Phantasie, gibt es inzwischen viele Konzerne, die in Technik investieren, mit der sich Materialströme schließen lassen. Die Europäische Union unterstützt den Trend mit Vorgaben zum Produktdesign. Und eine Vielzahl von Start-ups – oft nah an Technischen Hochschulen angesiedelt – bringt Innovationen voran.

Auch am Finanzmarkt wächst das Bewusstsein, dass sich mit solchen Innovationen Geld verdienen lässt. Spezialisierte Wagniskapitalfonds investieren Altersvorsorgekapital in das Segment, der Staat unterstützt den Trend. Und doch gibt es überall Räder im Getriebe, durch die ein Hochfahren der zirkulären Ökonomie ausgebremst wird.

Künstliche Intelligenz reduziert Zahl der Batteriebrände erheblich

„In einer Abfallsortieranlage gibt es oft 30 Brände am Tag“, sagt Nathanael Laier, der mit seinem Bruder Johannes das Start-up Wesort gegründet hat. „Akkus stecken in Vapes, Zahnbürsten, Rasierern. Wir haben ein System entwickelt, das Röntgen mit KI kombiniert und sie aussortiert.“ Mit seinem System könne er die Zahl der Brände bei Entsorgern um mehr als 90 Prozent reduzieren und Rohstoffe rückgewinnen. Zudem könnten Lithium-Ionen-Batterien und Akkus in Kreisläufe zurückgeführt werden.

Auf die Technik sind die beiden Brüder an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt gestoßen, bald haben sie erkannt, dass Entsorger diese brauchen könnten. „Danach haben wir den Spieß umgedreht, sind zu den Kunden gegangen und haben uns von Einschränkungen berichten lassen“, sagt Laier. Die Brände sind ein echter Schmerzpunkt für Entsorger. Folgeschäden summieren sich in Deutschland auf gut eine Milliarde Euro im Jahr.

Das hat auch den niederländischen Wagniskapitalfonds Infinity Recycling überzeugt, der nach zirkulären Geschäftsmodellen sucht und in zehn Start-ups investiert hat. „Hier hat der Kundenbezug unser Interesse geweckt. Die Jungs sind motiviert, schlau und lernwillig“, sagt Fondsmanager Arie Hooimeijer. Die Systeme seien bei Kunden im Einsatz, das Team verbinde Erfahrung mit Leidenschaft und Lernbereitschaft.

Wagniskapitalfonds sucht nach Gründern mit Leidenschaft

Infinity Recycling hat einen größeren Teil des Fondsvermögens von 175 Millionen Euro in Unternehmen investiert, die Plastik in seine Ausgangsstoffe zurückführen. Die Sortierungstechnik aus Franken ist eine Ausnahme. Das Versprechen an Geldgeber aus Europa und Nordamerika sei: Das Wagniskapital diene dazu, eine Kreislaufwirtschaft zu errichten, Rendite und Impact in Einklang zu bringen. Dabei sei eine Herausforderung zu bewältigen, sagt Hooimeijer: „Lineare Prozesse hatten jahrzehntelang Zeit, sich zu entwickeln. Zirkuläre können sie nicht in wenigen Jahren ersetzen. Es braucht Zeit – auch damit sich lineare an zirkuläre Modelle anpassen können.“

Immer klarer wird, dass das leistungsfähiger gewordene Wagniskapital-Ökosystem in Deutschland nicht ausreicht, um diesen Baustein einer ökologischen Transformation zu stemmen. Sind Techniken etabliert, geht es darum, sie zu skalieren, um den Markt zu durchdringen. „First of a Kind“-Anlagen, die aus Prototypen industrialisierte Prozesse machen, müssen entstehen. Dafür sind oft dreistellige Millionenbeträge nötig, für die einzelne Fonds nicht ausreichen.

In diesem Feld wird die Luft dünner. Hier tummelt sich die dänische Novo Holdings, die mit dem Abnehmspritzen-Hersteller Novo Nordisk verbunden ist. Auf Unternehmen kommen verschiedene Risiken zu: Unsicher ist, ob der Markt aus der Produktion rückgeführte Materialien annimmt. Und ob aus einer erfolgreichen Pilotanlage ein funktionierendes erstes Werk wird, ist nicht ausgemacht.

Skalierung von Kreislaufwirtschaftsanlagen hat einige Risiken

„Dieses Skalierungsrisiko besteht darin, dass man alles in der Größe zum ersten Mal macht: Alles ist mehrfach so groß wie zuvor, der Dampf braucht länger“, sagt Marcus Remmers, Partner der Planetary Health Investments von Novo Holdings. Schiefgehen könne einiges, sagt er und zitiert das berühmte Gesetz: „Murphy’s Law kann an vielen Stellen ansetzen.“

Sein Investmentarm konzentriere sich auf die drei Felder Klimawandel (Dekarbonisierung, Energie), Verstädterung (Müll, Kreisläufe) und Ernährung. Die Auswahl ist so streng, dass er in den zwei Jahren, seit er sich des Themas angenommen hat, erst zwei Investitionen tätigte. Am Beispiel des britischen Unternehmens Circtech beschreibt Remmers den Ablauf: Von allen Unternehmen, die Autoreifen in den Kreislauf zurückbrachten, sei es das attraktivste gewesen. Es hatte eine Anlage in Polen und wollte diese in einem Land mit den strengsten Umweltauflagen replizieren. Es entschied sich für die Niederlande.

Im Februar eröffnete Circtech in der Nähe von Groningen seine Anlage. Verschiedene Faktoren kommen zusammen: Reifenhersteller suchen nachhaltiges Rohmaterial, weil sie so ihre Klima-Verpflichtungen gegenüber der Science-based Targets Initiative einhalten können. Das Unternehmen konnte über Jahre die Pyrolyse verfeinern. Synthetisches und natürliches Gummi können abgetrennt werden und als biogener Kohlenstoff und Treibstoff etwa im Schiffsverkehr eingesetzt werden. Die Reederei Maersk, die ihr Geschäftsmodell dekarbonisieren will, hat ebenfalls investiert.

Die EU hat einen Scaleup Europe Funds aufgesetzt

An diesem Kapital mangelt es derzeit in Europa. Deshalb hat die Europäische Kommission im Oktober den Scaleup Europe Funds initiiert. Die Idee geht auf den Report des früheren italienischen Ministerpräsidenten und Präsidenten der europäischen Notenbank Mario Draghi zurück. Kreislaufwirtschaft zählt neben Quantencomputing zu den als vielversprechend identifizierten Feldern.

Der Fonds soll dazu führen, dass Europa sein Defizit im Hochfahren innovativer Technologien gegenüber anderen Wirtschaftsräumen – vor allem durch Staatsfonds oder Regierungen in Asien – aufholt. „Hochqualifizierte Arbeitsplätze und die gesamte Wettbewerbsfähigkeit hängen davon ab“, ließ sich Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen damals zitieren.

Novo Holdings zählt neben einem Dutzend anderen Geldgebern zu der Gruppe, die eine Milliarde Euro staatliches Geld auf fünf Milliarden Euro aufstocken wollen. Die Summe dürfte bald zusammengekommen sein. „Es geht darum, Investitionsprogramme in wesentlich größere Tickets zu überführen, da geht es um industrielle Skalierung“, sagt Olav Carlsen, einer von 18 Innovationsmanagern von Sprind, der staatlichen deutschen Agentur für Sprunginnovationen. Um Großanlagen zu finanzieren, wie es sie in der Kreislaufwirtschaft brauche, brauche es Konsortien von Investoren, die sich zusammenschließen.

China gelingt die Skalierung derzeit besser als Europa

Batterien aufzubereiten oder Seltene Erden zurückzugewinnen, soll dazu beitragen, die globale Position Europas durch zirkuläres Wirtschaften zu verbessern. „Innovation ist die Basis dafür, dass wir eine Chance haben, gegen die skalierten Prozesse in China wettbewerbsfähig zu sein“, sagt Carlsen, der viele Jahre unter anderem im Silicon Valley in der Gründerszene aktiv war. Sprind sei auf andere Investoren angewiesen, weil es nie die führende Rolle ausüben dürfe.

Müssten junge Unternehmen dreistellige Millionenbeträge investieren, gebe es zahllose Herausforderungen: Werde das Eigenkapital erhöht, verliere der Anteil der Gründer an Gewicht. Banken seien für „First of a Kind“-Anlagen nicht zu gewinnen, da das Risiko kaum kalkulierbar ist. Sprind sieht sich auch als Mittler, der Bedürfnisse vergleichbarer Start-ups eines Ökosystems zusammenführen könne. Eine höhere Wettbewerbsfähigkeit sei die Summe vieler kleiner Neuerungen. „Wenn man mit fünf Innovationen acht Prozent Effizienzsteigerung erreicht, kann man auf ein chinesisches Kostenniveau kommen. Es braucht jemanden, der das koordiniert“, sagt er.

Novo Holdings ist wählerisch, welche Modelle es als zukunftsfähig einschätzt. Typische Gründe des Scheiterns von Kreislaufmodellen folgten wiederkehrenden Mustern, sagt Partner Marcus Remmers. Die Logistik sei herausfordernd: In der Agrarwirtschaft etwa gebe es keinen systematischen Umgang mit Reststoffen. Diesen Prozess in großen Mengen zu industrialisieren, sei anspruchsvoll.

Die Gründer von Wesort sind hoffnungsfroh

Hinzu kämen die Kosten: Ein aus dem Kreislauf gewonnenes Substitut stehe im Wettbewerb mit einem Wertstoff, der schon 50 Jahre Skalierungserfahrung und somit Effizienzsteigerungen hinter sich habe. Zuletzt werde oft unterschätzt, wie komplex die Wertschöpfungskette sei: Das neue Produkt habe oft andere Eigenschaften als das ursprüngliche (zum Beispiel Recyclingpapier). Dafür wolle ein Kunde häufig nicht mehr bezahlen.

Das Start-up Wesort baut auf die Skalierung seines deutlich weniger kostenintensiven Systems. „Wir wollen es in Europa ausrollen und haben uns mit Investoren zusammengetan“, sagt Ko-Gründer Johannes Laier. „Aktuell steht in Deutschland leider nicht so viel Risikokapital zur Verfügung. Umso mehr freuen wir uns, dass wir die Runde so erfolgreich abschließen konnten.“

Als Ankerkunden haben die Brüder den Entsorger der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) Pre-Zero gewonnen. Für den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft wäre eine andere geopolitische Lage und die frühere Zinssituation besser gewesen. Aber Europa scheint allmählich zu lernen, seine Ziele in der Nachhaltigkeit mit Kapital zu unterfüttern.

Source: faz.net