Rohstoffengpässe: Knappheit ist ein Innovationsmotor

Das Erwachen erfolgt langsam. Diskutierte die Politik in den ersten Tagen nach Ausbruch des Krieges in Iran vor allem über steigende Kraftstoffpreise, gelangt nun ins Bewusstsein, dass zahlreiche Folgeprodukte der Erdöl- und Erdgasförderung knapp werden, vom Kunstdünger für die Landwirtschaft bis zum Helium für die Chipherstellung.
Aus der Energiekrise entwickelt sich eine veritable Rohstoffkrise, und Märkte reagieren, wie Märkte nun einmal reagieren: Knappe Güter werden teurer, dafür reicht schon der befürchtete Mangel, lang bevor der physische eintritt. Katastrophenszenarien haben in einer solchen Situation ebenso Konjunktur wie Versuche, die resultierenden Preisschocks für Verbraucher und Unternehmen politisch zu dämpfen.
Krisen befördern Innovationen
Selbst wenn das gelänge, könnten sich solche Markteingriffe als schädlich erweisen. Denn ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt: Knappheiten führen zu Innovationen, die nicht nur das Vorkrisenniveau wieder herstellen, sondern neues Wachstum ermöglichen.
Die Dampfmaschine wurde nicht erfunden, um eine industrielle Revolution anzuzetteln. Vielmehr litt das britische Imperium im 17. Jahrhundert an einer schweren Energie- und Rohstoffkrise. Auslöser war das infolge fortgesetzter Kahlschläge fehlende Holz, als Baustoff sowie als Energieträger scheinbar unersetzlich. Um stattdessen Kohle aus der Erde zu holen, waren die Stollen laufend zu entwässern, was anfangs mit Ochsen und sogar per Manneskraft bewältigt wurde – bis Thomas Savery jene Maschine vorstellte, die er selbst als „The Miner’s Friend“ verkaufte und die in effizienterer Form später von James Watt kommerzialisiert wurde.
Auch die Ölkrisen der Siebzigerjahre führten zu Innovationen, insbesondere im Motorenbau. War zu Beginn des Jahrzehnts ein Verbrauch von zwölf Liter Kraftstoff selbst für einen mittelgroßen Wagen noch an der Tagesordnung, gelang es, diesen innerhalb einer Dekade um rund ein Drittel zu senken. Wesentlichen Anteil daran hatte die elektronische Benzineinspritzung, die zwar schon erfunden war, nun jedoch für viele Autohersteller erst attraktiv wurde.
Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist, dass die Sparmotoren sich langfristig durchsetzten, obwohl die Preisschocks nur kurzfristig auftraten. 1979 kostete Superbenzin durchschnittlich 1,02 Deutsche Mark je Liter, in heutiger Kaufkraft wären das 1,42 Euro. Im Jahr 1970 waren es kaufkraftbereinigt lediglich fünf Cent weniger.
Entscheidend sind die Kosten
Analoge Entwicklungen sind für die meisten der aktuell knappen Rohstoffe denkbar. Dass Ammoniak als Grundstoff für Düngemittel aus reformiertem Erdgas gewonnen wird, ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass dies bislang den günstigsten Weg darstellte. Technisch ist es möglich, Ammoniak allein aus Wasser und Luft herzustellen. Stammt der dafür benötigte Strom aus Kern-, Sonnen- oder Windenergie, dient das nebenbei auch dem Klimaschutz. Die großtechnische Umsetzbarkeit ist nachgewiesen, allein die Kosten waren bislang nicht wettbewerbsfähig.
Damit aus dem giftigen und flüchtigen Ammoniak brauchbarer Dünger wird, muss es weiterverarbeitet werden, beispielsweise zu Harnstoff. Dafür wäre zuvor aus Industrieanlagen abgeschiedenes Kohlendioxid zu nutzen, ein zu entsorgender Abfallstoff würde zum Rohstoff. Im Übrigen kann der Düngemittelbedarf mithilfe von KI-gesteuerten Landmaschinen deutlich verringert werden – ein wichtiger Entwicklungstrend in der Agrartechnik. Doch Hightech auf dem Feld lohnt nicht, wo Düngemittel subventioniert werden
Eingriffe schaden dem künftigen Wachstum
Auf der Suche nach neuen Wegen führt auch für begabte Ingenieure kein Weg an der Physik vorbei, deshalb ist die Substitution von Helium ein besonders schwieriger Fall. Kein anderer Stoff erlaubt Kühlsysteme, die nahe dem absoluten Nullpunkt arbeiten und so einen besonders verlustarmen Stromtransport ermöglichen. Und doch: Seit Langem wird an Hochtemperatur-Supraleitern geforscht, bislang scheiterte eine Kommerzialisierung an hohen Kosten.
Nun verlaufen durch Preisschocks ausgelöste Innovationsprozesse selten linear. Wahrscheinlicher kommt es zu Verwerfungen, in deren Folge Unternehmen oder ganze Branchen untergehen, eventuell gar wirtschaftlich hoch entwickelte Staaten in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Insofern ist es allzu verständlich, wenn Politiker versuchen, das Erreichte zu schützen, indem sie in die Preisbildung für knappe Güter eingreifen. Aber dadurch mindern sie die Chancen jener Akteure, die auf Innovation setzen. Auch ein solches Vorgehen hat seinen Preis: den Verzicht auf künftiges Wachstum.