Roger Willemsen: Der Unterhalter

Auf dem Foto, das meine Mutter Anfang der Neunziger in meinem alten Kinderzimmer in Hamburg aufgehängt hatte, saß mein Vater in einem Fernsehstudio und guckte so ernst und charmant in die Kamera, wie er zu Hause fast nie war. Neben seinem Namen stand das umständliche Wort „Russland-Experte“, hinter ihm sah man ganz groß die Zahl 0137. Das war der Name einer Talkshow, die damals fünfmal in der Woche bei Premiere lief, einem heute vergessenen Kabelprogramm.

Über der Fotografie meines Vaters hing noch ein zweites Bild, im gleichen billigen Fertigrahmen von Karstadt Eppendorf. Darauf sah man Roger, auch er vor der großen 0137-Schrift, leicht vorgebeugt, hängende Schultern, wie immer ein bisschen feminin mit seiner ovalen Isemarkt-Brille und den vielen wie toupierten Haaren auf dem großen Denkerkopf. Es war der Roger, dessen wundersamer Aufstieg als Moderator und platonisches BRD-Fernsehgesicht genau hier, im 0137-Studio, begonnen hatte, ein medialer Betriebsunfall eigentlich, denn kurz vorher saß er noch in dunklen, seelenlosen Seminarräumen der LMU in München und brachte phlegmatischen Germanistikstudenten bei, wie man Musil und Joseph Roth liest. In dieser Zeit hatte ich ihn kennengelernt, im Sommer, auf der Georgenstraße, und obwohl ich gerade erst angefangen hatte zu schreiben, wollte er mich sofort in eine kleine philologische Rauferei über die Frage verwickeln, ob Kafka ein jüdischer oder ein guter Schriftsteller war oder nichts davon.