Rock’n’Roll war die Kirche und Rik de Lisle welcher Priester

Er spielte die Musik der Freiheit: Rik de Lisle war DJ bei AFN und beim RIAS. Berlin verliebte sich in seine Stimme und Rik de Lisle verliebte sich in Berlin. Nachruf auf einen Großen aus der großen Zeit des Radios.

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Es gab eine Zeit, da war das Radio ein Leitmedium. Für junge Menschen das Leitmedium. Man wachte mit dem Radio auf, hatte in der Schule die Songs aus dem Radio im Kopf, unterhielt sich mit den Freunden über das Radioprogramm, machte Hausaufgaben zum Radio, blieb nachts auf, um die neue Single einer angesagten Rockgruppe als erster zu hören, verliebte sich, trennte sich, versöhnte sich zum Radio.

Im eingeschlossenen West-Berlin hörte kein Jugendlicher die müden Staatssender mit ihrer müden Musik für müde Menschen in der Lebensmitte. Aus dem Himmel über Berlin klaubten die Antennen des AFN, des American Forces Network, die Musik der Freiheit. AFN war ein Sender für die amerikanischen Soldaten, aber seit den späten 1950er-Jahren für die deutsche Jugend die Kirche des Rock’n’Roll. Die DJs waren deren Hohepriester. Und der bekannteste DJ des AFN war Rik de Lisle, geboren 1947 in Milwaukee, gestorben am 30. März 2026 in seiner Wahlheimat Berlin.

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Mit 17 ging de Lisle zur Armee. Die Beatles mischten da gerade die USA auf, Amerika schlidderte in den Sumpf des Vietnamkriegs, und der zum Funk- und Fernsehspezialist ausgebildete de Lisle schlidderte mit. Seinen ersten Einsatz hatte er in Thailand. Ein Flugzeug war beim Rückflug aus Vietnam auf den Sender einer US-Militärbasis gestürzt und hatte die ganze Mannschaft ausgelöscht. Den Krieg selbst erlebte er aus zweiter Hand – er musste die Aufnahmen der Zielkameras auswerten: „Wenn die Flugzeugbesatzung sagte: Wir haben zehn Panzer abgeschossen. Dann sah ich: Es waren fünf Wasserbüffel“.

„I’m Air Force Sergeant Rik de Lisle“

In den 1970er-Jahren wurde de Lisle nach Berlin versetzt, wo er das Frühprogramm des AFN moderierte: „I’m Air Force Sergeant Rik de Lisle – reminding you that rock’n roll is just a state of mind.“ Damals leistete sich die Jugend der Frontstadt West-Berlin unter dem Schutz der US-Truppen eine antiamerikanische Haltung und bewies gern mit Slogans wie „USA-SA-SS!“ ihre Geschichtsvergessenheit. Der AFN freilich blieb auch den Rebellen heilig, und Rik de Lisle nahm’s nicht persönlich, trank in besetzten Häusern Bier und lud auch eine Ikone der alternativen Szene wie Nina Hagen zu sich in die Sendung ein. Der Geisteszustand des Rock’n’Roll hatte etwas vom Geisteszustand West-Berlins: Jailhouse Rock eben, oder wie es Rik de Lisle ausdrückte: „Wir müssen miteinander auskommen, wir sind hier zusammen eingemauert.“

Berlin verliebte sich in die Stimme aus dem Radio, und Rik de Lisle verliebte sich in Berlin. Er bekam einen Job beim RIAS, dem „Radio im Amerikanischen Sektor“, wo er sich morgens amerikanisch-berlinisch vorstellte: „Hi, icke bin’s, der alte Ami Rik de Lisle!“ Sein Deutsch war damals rudimentär, erzählte er gern, aber für den Anfang reichten vier Wörter: „Das war Bruce Springsteen, hier ist Tina Turner.“

Aber de Lisle war immer mehr als ein Ansager. Er war Geschichtenerzähler und spielte gern die Songs, über die er Geschichten zu erzählen wusste: „Als ich mit Herman Brood im Quasimodo trinken war, da sagte er mir …“ Also lernte er Deutsch, wenn er auch nie den AFN-Akzent verlor, und packte vor der Sendung einen Koffer mit eigens herausgesuchten Platten und schleppte ihn ins Studio.

Moderator bis zum Schluss

Deshalb war das Radio Leitmedium. Man hörte Songs, die einem Menschen etwas bedeuteten, und deshalb konnte man auch selbst begreifen, dass ein Song mehr sein kann als Rhythmus und Melodie und selbst als die Worte. Besonders, wenn Rik de Lisle es erklärte. Heute suchen KI-Programme die Songs aus, die dem Publikum gefallen, und so bleibt man ewig im Feedbackloop des Gefälligen gefangen. Bloß niemanden vor den Kopf stoßen.

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Rik de Lisle stieß so manche vor den Kopf. Als der RIAs privatisiert wurde und nunmehr rs2 hieß, entließ man den „Klassenclown“ de Lisle. Ein Jahr später baten ihn die neuen Gesellschafter händeringend, ans Mikrofon zurückzukehren. Er wurde Programmdirektor.

Es folgten viele weitere große und kleine Jobs im Radio, zum Schluss die „Rik de Lisle Show“ beim Berliner Rundfunk, die er bis zu seinem Tod moderierte. Er blieb selbst ein Radiofan, jemand, der nachts mit Kopfhörer Sendungen aus der großen Zeit des Mediums hörte, als Hollywoodstars Sendungen machten und das Radio seinerseits Stars machen konnte, bevor aus dem Leitmedium das Hintergrundrauschen des „Radio Gaga“ wurde, wie Queen sangen. Solange Rik de Lisle lebte, konnte man hoffen, die Zeit komme wieder.

Source: welt.de