Riga-Manifest: Das Recht zu Vorlesung halten

Die Fähigkeit zu lesen bildet eine wichtige Grundlage der Demokratie: Diese Erkenntnis hat sich inzwischen durchgesetzt. Wie sollte sie auch nicht einleuchten? Das Lesen – im Gegensatz zum Aufschnappen einer Neuigkeit und reflexhafter Reaktion – lässt uns erkennen, ob eine Behauptung zu unseren Annahmen über die Welt passt, ob sie gesicherten Quellen oder vielleicht sogar früheren Äußerungen aus derselben Quelle widerspricht. Lesen erweitert unsere Annahmen über die Welt und regt zum Nachdenken über mögliche Absichten an, die hinter einer Behauptung stehen können. Lesen eröffnet uns eine Vielzahl von Sichtweisen, um die eigene zu konturieren.
Die Bedeutung des Lesens war vor zwei Jahren ein Schwerpunkt des Programms von Slowenien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. In Slowenien, hatte Miha Kovač, einer der Kuratoren, damals erläutert, träfen sich vier Sprachräume und Kulturen, in den vergangenen hundert Jahren hätten seine Landsleute in vier verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Systemen gelebt: „Wir müssen gut darin sein, die Andersartigkeit um uns herum zu verstehen, sonst hätte uns der Wind der Geschichte hinweggeblasen. Das hoch entwickelte Lesen ist eines unserer Überlebensmittel.“ Zu dessen Schutz hatte das kurz vor der Buchmesse veröffentlichte „Ljubljana Manifest“ aufgerufen, es wurde in ganz Europa vielhundertfach unterschrieben.
Versuche der Aufhetzung
Welche Rolle dem Lesen in den Stürmen der Gegenwart zukommt, legt ein neuer Aufruf dar. Veröffentlicht am vergangenen Freitag, fordert das „Riga- Manifest“ nicht weniger als ein Recht zu lesen. „Wir möchten – in fünf genauso wie in fünfhundert Jahren – in einem freien, unabhängigen und sicheren Land und einer ebensolchen Gesellschaft leben, die kritisch denken kann, die intelligent, empathisch und handlungsfähig ist“, heißt es in dem Manifest, das auf einer Tagung in der Nationalbibliothek Lettlands vorgestellt wurde. Wenn Lesefähigkeit und Lesebereitschaft sänken, wenn das Lesen oberflächlicher und eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Texten vermieden werde, habe das Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft: Sie werde „in Zeiten hybrider Kriegsführung verwundbarer und anfälliger für Betrug und Manipulation“.
Hatte nicht der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew im Sommer 2024 seine Landsleute dazu aufgerufen, tagtäglich zu versuchen, das Wohlergehen, das Vertrauen und die Zuversicht der Bürger jener Länder zu untergraben, die nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Sanktionen verhängt haben? Es habe immer schon Versuche Moskaus gegeben, die russischsprachigen Bürger Lettlands durch Propaganda aufzuhetzen, sagte der ehemalige lettische Staatspräsident Egils Levits erst Anfang des Monats in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, doch sie fruchteten bislang nicht. Bis 1991 war das Land Sowjetrepublik, heute grenzt es auf einer Länge von 276 Kilometern an Russland. Rund ein Viertel der Bevölkerung Lettlands gehört der russischen Minderheit an, Städte im Osten des Landes wie Daugavpils werden zu etwa 70 Prozent von Russen bewohnt.
Am Anfang ein Gewaltakt
Wenn das „Riga-Manifest“ fünfhundert Jahre nach den ersten in lettischer Sprache gedruckten Büchern für das Recht eintritt, auf Lettisch zu lesen, ist das nicht allein Jahrhunderten russischer Dominanz – 1795 wurde das Land dem Zarenreich zugeschlagen – geschuldet, sondern auch eine Unabhängigkeitserklärung in einer technologisch und wirtschaftlich geprägten Welt, in der das Englische dominiert. „Wir wünschen uns, dass sich die lettische Terminologie parallel zu Wissenschaft und Technologie weiterentwickelt“, heißt es im Aufruf, „wir wollen die Welt entdecken, andere Sprachen lernen und beherrschen, aber unsere eigene Sprache nicht vergessen oder verarmen lassen. Wir wünschen uns hochwertige Übersetzungen aus anderen Sprachen, die den Ausdrucksreichtum des Lettischen weiter bereichern.“
Das „Riga-Manifest“ ist nicht allein eindrucksvolles Zeugnis der Besinnung auf das Lesen unter den Bedingungen eines kleinen Landes, die sich leicht verallgemeinern lassen. Es schließt mit der Erklärung der Unterzeichner, sich im privaten wie gesellschaftlichen und politischen Umfeld der Förderung des Lesens zu verschreiben.
Schon ganz am Anfang der Lesekultur in Lettland steht ein Gewaltakt, der seinen Feuerschein auf unsere Gegenwart wirft: Die ersten auf Lettisch gedruckten Bücher sind im November 1525 in Lübeck auf dem Weg nach Riga beschlagnahmt worden, um sie zu verbrennen. Aus Glaubensgründen: Sie sollen eine neue Gottesdienstordnung für Livland nach der Reformation enthalten haben. Lübeck wurde erst 1531 protestantisch.
Source: faz.net