Rheinland-Pfalz: Ist die Jugend wirklich schuld am AfD-Rekordergebnis im Westen?

Bei den Wahlen in Rheinland-Pfalz erzielen die Rechtspopulisten ihr bislang bestes Ergebnis im Westen. Es ist der nächste Rekord nach Baden-Württemberg. Hier sind die Gründe.
Die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 2026 liefert reichlich Gesprächsstoff: Nach 35 Jahren übernimmt die CDU die Macht und stürzt die SPD in eine tiefe Krise. Die FDP fliegt mit mageren zwei Prozent ganz aus dem Landtag. Und die AfD kann ein weiteres Rekordergebnis feiern: Nie zuvor war sie stärker im Westen des Landes.
Den Rechtspopulisten ist es gelungen, ihr Ergebnis im Vergleich zur letzten Wahl zu verdoppeln, mit 19,5 Prozent werden sie drittstärkste Kraft im Mainzer Landtag. Die Verantwortlichen scheinen schnell gefunden: die Jungwähler. So ist am Tag nach der Wahl vielerorts zu lesen: „Junge Menschen wählen überdurchschnittlich oft AfD.“ Doch wie groß ist ihr Anteil am Erfolg der AfD wirklich?
„Man fühlt sich im Vergleich zu den Eltern und Großeltern abgehängt“
Fakt ist: Bei den 18- bis 24-Jährigen wird die AfD tatsächlich stärkste Kraft mit etwa 21,5 Prozent. Historisch ist die Beliebtheit der rechtsextremen Partei bei jungen Wählern ein neues Phänomen, sagt der Sozialwissenschaftler und Wahlexperte Klaus Hurrelmann. Das erklärt, warum es für Aufsehen sorgt.
Unterschlagen wird dabei aber, dass die AfD in den Alterskohorten darüber, also bei den 25- bis 34-Jährigen, den 35- bis 44-Jährigen und den 45- bis 59-Jährigen noch besser abschneidet. Bis zu 26 Prozentpunkte erreicht sie bei den Mittelalten. Für Hurrelmann ergibt das Sinn: „Diese Menschen stehen mitten im Leben, kämpfen aber mit Abstiegsängsten. Im Vergleich zu Eltern und Großeltern fühlen sie sich abgehängt.“
Eine Statistik aus den Landtagswahlen in Baden-Württemberg stützt diese These. Bei den Jungen bis Mittelalten entscheidet das Thema Wirtschaft am häufigsten über die Wahl. Deutschland steckt in Rezession und Inflation, der Arbeitsmarkt wirkt so unwirtlich wie seit Jahrzehnten nicht. Automatisierung und KI schüren die Sorge, dass es nicht besser wird. Migration hingegen ist nur für zehn Prozent der Befragten ausschlaggebend.
Auch identitätspolitische Fragen bewegen die Jugend. Junge Männer beschäftigt die vermeintlich bröckelnde Stellung des Mannes, sagt Hurrelmann. Die AfD biete mit ihrem reaktionären Gesellschaftsbild eine klare Antwort. Insgesamt erzielt die Partei bei Männern sechs Prozentpunkte mehr als bei Frauen. „Junge Frauen interessieren sich eher für feministische Themen, die von der ebenfalls starken Linken bedient werden“, ergänzt der Sozialwissenschaftler. Die Linke erreicht bei den 18- bis 24-Jährigen 16 Prozent, scheitert aber am Einzug in den Landtag.
Ein weiterer Erfolgsfaktor der Parteien an den politischen Rändern ist laut Hurrelmann ihre klare Programmatik. Junge Wähler lassen sich mit Sachthemen überzeugen. Sowohl AfD als auch Linke zeigen in ihren Wahlprogrammen klare Kante – und wissen diese zu kommunizieren. „Jungen Männern wie jungen Frauen imponiert ein starker Social-Media-Auftritt“, betont Hurrelmann. Die Parteien der Mitte müssten hier aufholen.
Im Landtag der Jüngsten säßen sechs Parteien, im Landtag der Ältesten nur drei
Die Jugend wählt oft die Ränder, hinterfragt den Status quo und sympathisiert mit der Opposition – ein altbekanntes Muster. Doch bei der Rheinland-Pfalz-Wahl fällt noch etwas auf: Die Stimmen der jungen Wähler verteilen sich breiter. Im Landtag der Jüngsten säßen sechs Parteien, im Landtag der Ältesten hingegen nur drei: CDU mit 45 Prozent, SPD mit 34 Prozent und AfD mit 11 Prozent.
„Junge Menschen sind in ihren Ansichten noch nicht gefestigt“, erklärt Hurrelmann. „Sie probieren sich auch bei der Wahlentscheidung aus.“ Wirklich rechts seien zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung, links noch weniger.
Die neue Arbeiterpartei AfD
Die eigentliche Lehre aus dem Ergebnis der Rheinland-Pfalz-Wahl hat weniger mit der Jugend zu tun als mit der sozialen Schicht. Bei finanziell schlechter Gestellten erzielt die AfD ihr Spitzenergebnis: 40 Prozent. Sie liegt damit über 20 Prozentpunkte vor CDU und SPD. Ähnlich sieht es bei Arbeitern aus, wo die AfD 39 Prozent erreicht.
Das Ergebnis ist mindestens ein Denkzettel für die SPD – vielleicht aber auch der Beginn eines langfristigen Umbruchs.
Source: stern.de