„Requiem for the End of Love“: Currentzis jüngstes Gericht

Giorgos Koumendakis ist ein freundlicher Mensch: leise, warme Stimme, wohlgetrimmter Siebentagebart, wache Augen, hochgewachsen. Der 66-Jährige gehört zu den renommiertesten Komponisten Griechenlands. Er hat in Athen studiert und später bei Stars der modernen Musik des 20. Jahrhunderts wie Pierre Boulez, György Ligeti oder Iannis Xenakis. Reden muss man in diesem Beruf nicht viel. Die Welt in Töne zu fassen, ist ein weitgehend stilles, einsames Geschäft.

Vom Stil her ist Koumendakis so etwas wie ein eklektischer Neoromantiker. Seine Musik klingt sinnlich und tiefgründig-emotional und vermeidet krasse Dissonanzen. Sie ist neu, ohne neutönerisch wirken zu wollen. Angenehm zu hören also – und „im Westen“ nahezu unbekannt. Künstler für sich neu zu entdecken, ist immer eine gute Motivation. Der eigentliche Grund für meine Reise nach Athen aber ist, um ehrlich zu sein, ein anderer Grieche: der Dirigent Teodor Currentzis und dessen Debüt am dortigen Opernhaus. So ziemlich alles, was Currentzis macht, ist interessant, künstlerisch wie politisch. Und umstritten. Weil er oft quer zum sogenannten Zeitgeist steht. Dazu unten mehr. Erst einmal zurück zu Giorgos Koumendakis.

In Griechenland nämlich kennt man ihn und dort muss er auch reden. Halb scheint das stets sein größtes Unglück zu sein, halb ist er selbst schuld. Seit 2017, mit der Eröffnung des spektakulären Renzo-Piano-Neubaus im tiefen Südwesten der Stadt, leitet er die Griechische Nationaloper. In dieser Funktion muss und müsste er dauernd reden, mit Politikern, Sponsoren, der Presse – theoretisch. Künstler, die am Haus gearbeitet haben, erzählen hingegen, dass sie Koumendakis teilweise erst auf der Premierenfeier überhaupt kennengelernt hätten. Der Intendant als graue Eminenz, ja als Phantom? Andernorts wäre das undenkbar. Aber in Athen ist vieles anders. Und das kann auch Vorteile haben.

In Athen kann es beispielsweise vorkommen, dass der Star-Bariton zugleich Restaurantbesitzer ist und für gewisse Proben einfach nicht zur Verfügung steht; oder dass der armenische Tenor in seiner Heimat eine Bäckerei betreibt und mittendrin in den Flieger steigt und länger zum Backen verschwindet. Das klingt lustig, hat aber einen ernsten Hintergrund, wie Panaghis Pagoulatos berichtet, der Castingdirektor der Oper: Die Coronakrise hätte sie bis heute um ihren Rhythmus gebracht. Daher planten sie nicht mehr zwei oder drei Jahre im Voraus, was in Besetzungsfragen unbedingt ratsam ist, sondern höchstens ein Jahr. Auf dem Markt verringert das die Auswahl drastisch, intern sorgt es für viel Stress. 

Noch drei Stunden bis zur Premiere

Sollte er an diesem wintermilden Januar-Wochenende nun keine Lust oder keine Nerven zum Reden haben, lässt Giorgos Koumendakis sich das kaum anmerken. Er bittet lediglich darum, Griechisch sprechen zu dürfen, das Interview findet also mit Übersetzer statt. Noch drei Stunden bis zur Premiere von Requiem for The End of Love, der Rekreation einer ikonischen Off-Produktion des griechischen Superstars Dimitris Papaioannou, zu der Koumendakis 1995 die Musik schrieb.

Nichtgriechen das Phänomen Papaioannou zu erklären, ist fast noch schwieriger, als Koumendakis vorzustellen: frühe Galionsfigur der griechischen Underground-Kunstszene, Comiczeichner, Performer, Regisseur, Choreograf, Designer, heute 61. Papaioannous Ästhetik ist unverkennbar, immer dunkel, gerne schwarz-weiß und von einem hoch charakteristischen, zeichnerisch-kritzeligen Strich geprägt. Und so sieht es denn auch auf der Requiem-Bühne aus. 

Ich spreche mit Giorgos Koumendakis über das gerade einmal 40 Minuten lang dauernde Stück, das sich im Untertitel Performance Installation nennt, über die tief im Weltgedächtnis versunkene Aids-Epidemie, von der es handelt, und warum es gerade jetzt nötig sein könnte, daran zu erinnern. Der Übersetzer übersetzt, was der Komponisten-Intendant in seinen Bart murmelt, und neben dem Pressesprecher und der Marketingchefin hört auch ein blassrosafarbenes Stoff-Maskottchen zu, das mittig auf der Intendantensofalehne thront. Wer das sei, frage ich am Schluss. Ein guter Freund, antwortet Koumendakis lachend, „meine Energie“.

Nun ist so ziemlich alles, was Künstler über ihre eigenen Werke sagen, mit Vorsicht zu genießen. Plötzlich hört man, was man nie gehört hätte, sieht, was einem todsicher entgangen wäre, und interpretiert Dinge, die einem kaum je in den Sinn gekommen wären. Ist Aids rückblickend wirklich ein Menschheitstrauma, das sich umstandslos auf die Hyperkrisen der Gegenwart beziehen lässt? Oder spricht das Requiem nicht vielmehr aus der queeren Community in die queere Community hinein? Und was soll die andere Hälfte der Menschheit über ein Stück denken, das ausschließlich von Männern konzipiert wurde (Text, Musik, Regie) und bestritten wird (Dirigent, Männerchor, 50 Tänzer)? 

Eine Frau gibt es dann doch an diesem Abend, die russische Sopranistin Ksenia Dorodova, die ihre Sache aus dem Orchestergraben heraus ganz famos macht. Nicht leicht, in dieser virtuosen Partie die Balance zu halten zwischen Pathos, Verzweiflung und sängerischem Wohllaut.