Rembrandt: Zacharias zieht nun ein ins Rijksmuseum

Im Jahr 1968 wurde in den Niederlanden das sogenannte Rembrandt Research Project (RRP) ins Leben gerufen, ein Forscherverbund, der zur Erarbeitung eines verlässlichen Werkverzeichnisses sämtliche dem berühmtesten holländischen Maler zugeschriebenen Bilder genau untersuchte – stilkritisch und materialtechnisch. Das Resultat: Im folgenden Vierteljahrhundert mussten sich etliche Sammlungen von angeblichen Rembrandts in ihren Beständen verabschieden. Besonders gravierend fielen die Abschreibungen im Bereich der Zeichnungen aus, und der spektakulärste Fall betraf das in Berlin hängende Gemälde „Der Mann mit dem Goldhelm“, das zuvor für ganze Generationen als einer der typischsten Rembrandts überhaupt gegolten hatte.
Manche Entscheidung des RRP erwies sich indes im Nachhinein als übereilt, sodass Wiederzuschreibungen vorgenommen wurden, und bisweilen nahmen die Experten auch solche Bilder als authentisch in den Kanon auf, die ihre Vorgänger ausgesondert hatten. Das ist jetzt einem Gemälde widerfahren, das 1898 letztmals als echter Rembrandt ausgestellt, dem Künstler dann aber 1960 abgeschrieben worden war – woraufhin es ein Sammler billig aus der Kollektion eines anderen Privatmannes erwerben konnte. Und nun, sechsundsechzig Jahre später, gilt das Bild wieder als eigenhändig. Wer auch immer heute dessen Eigentümer ist, darf einen satten Wertzuwachs verzeichnen. Wobei er das Gemälde nicht verkaufen will, sondern es erst einmal als Dauerleihgabe ans Rijksmuseum in Amsterdam gegeben hat, wo es die ohnehin schon weltweit größte Rembrandt-Sammlung ergänzen wird.
Was für ein Bild ist es? Es zeigt eines der für den Maler wie für den Grafiker Rembrandt zeitlebens bedeutsamen (weil für seinen bürgerlichen Kundenkreis attraktiven) biblischen Motive, in diesem Fall den im Lukasevangelium vorgestellten Priester Zacharias, dessen im Alter schon weit fortgeschrittene Frau (Abrahams alttestamentliche Sara lässt grüßen) auf göttlichen Ratschluss hin einen Sohn gebären wird, der dann als Johannes der Täufer eine zentrale Rolle im Leben Jesu spielen soll. Das Gemälde zeigt Zacharias im Tempel, wo er die frohe Botschaft von einem Engel überbracht bekommt. Wie im Frühwerk Rembrandts häufig (das Bild wird aufs Jahr 1633 datiert) entsteht der Reiz der Darstellung fürs damalige Amsterdamer Publikum aus der opulenten Orientalisierung des Motivs durch farbenprächtige Kostümierung des Modells für Zacharias, dessen Züge man auch in anderen Bildern jener Zeit wiederfindet. Signiert ist das Werk überdies.
Wie konnte man dann 1960 daran zweifeln? Eben weil alles daran derart typisch war, dass man die Arbeit eines Nachahmers vermutete. Rembrandt war nach der Etablierung seines Amsterdamer Ateliers im Jahr 1631 rasch so erfolgreich, dass er eine Werkstatt aufbaute, von deren Mitgliedern das Kopieren seines Stils erwartet wurde. Längst sind aus einigen von ihnen kunstgeschichtlich anerkannte Meister eigenen Rechts geworden, und die Händescheidung zur Identifizierung ihrer jeweiligen Arbeit in der Rembrandt-Werkstatt ist dank der Mühen nicht zuletzt des RRP weit fortgeschritten, wie erst vor zwei Jahren eine sehr kluge Ausstellung in Leipzig gezeigt hat (F.A.Z. vom 14. Oktober 2024). Aber natürlich signierten die Mitarbeiter bisweilen mit „Rembrandt“, oder dieser Namenszug wurde auf ihren den Bildern des Meisters ähnlichen Gemälden nachträglich eingefügt, um diese teurer zu machen. Jahrhundertelang half dann nur noch so etwas wie Kennerblick.
Heute erlaubt die Technik ganz andere Vorgehensweisen, und die sind, wie das Rijksmuseum heute mitteilt, im Falle des Zacharias-Bildes in einer sich über zwei Jahre erstreckenden Untersuchung konsequent zum Einsatz gekommen. Die chemische Analyse der Farben erwies diese als zeittypisch. Die dendrochronologische Bestimmung der bemalten Holztafel erbrachte, dass sie von einem knapp vor 1633 gefällten Baum stammt. Hochauflösende Scans und Röntgenuntersuchung der Malschichten wiesen Veränderungen während des Fertigungsprozesses nach, die es bei einem Kopisten nicht gegeben hätte. Zudem wurde die Signatur einzeln begutachtet und selbstverständlich auch der Malduktus einer Prüfung unterworfen – am Ende sind sich die beteiligten Experten einig: Rembrandt selbst war hier am Werk.
Und wer dann doch nur dem eigenen Auge glauben schenken möchte: Von übermorgen an wird das Bild im Rijksmuseum ausgestellt.
Source: faz.net