Reisners Blick gen die Front: „Kiew muss Soldaten nach der Nato-Ausbildung mühsam umschulen“

Reisners Blick auf die Front„Kiew muss Soldaten nach der Nato-Ausbildung mühsam umschulen“

30.03.2026, 20:27 Uhr verstlEin Interview von Lea Verstl

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Ein ukrainischer Soldat fährt einen Leopardpanzer über einen Truppenübungsplatz in Brandenburg – die Ausbildung ihrer Truppen in Nato-Staaten sieht die Regierung in Kiew als gescheitert an. (Foto: picture alliance/dpa)

Steigende Öl-Preise spülen Geld in die Kriegskasse des Kremls. An der Front seien russische Truppen deshalb weiter bereit, „all in“ zu gehen, sagt Oberst Reisner. Hinter den abfälligen Bemerkungen des Rheinmetall-Chefs Papperger über Kiews Drohnenbau wittert er Konkurrenzdenken.

ntv.de: Der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall, Armin Papperger, hatte ukrainische Drohnen abfällig als eine Art „Lego-Drohnen“ beschrieben und von ukrainischen „Hausfrauen mit 3D-Druckern in der Küche“ gesprochen. Nach massiver Kritik aus der Ukraine ruderte Rheinmetall zurück und betonte den „größten Respekt“ vor ukrainischen Verteidigungsanstrengungen. Was steckt hinter Pappergers Aussagen?

Markus Reisner: Das ist aus meiner Sicht die typische Arroganz, die wir in vielen europäischen Ländern an den Tag legen. Wir wollen den Eindruck vermitteln, wir seien jenen, die seit Jahren im Krieg kämpfen, überlegen. Das stimmt überhaupt nicht. Die Ukraine hat in den letzten Jahren unglaubliche Erfahrungen gemacht. Wenn ukrainische Verbände gemeinsam mit der Nato üben, sind sie ihr überlegen. Bei einer Nato-Übung in den baltischen Staaten Anfang 2025 ist es einer ukrainischen Drohneneinheit namens Nemesis gelungen, den Nato-Verbänden große Verluste beizubringen, weil diese Verbände überhaupt nicht vorbereitet waren auf die Art und Weise, wie momentan der Krieg in der Ukraine geführt wird.

Gibt es weitere Beispiele für die Überlegenheit der Ukraine?

Es gab eine weitere maritime Nato-Übung, bei der es ukrainischen Drohnen gelungen ist, einige Nato-Schiffe in wiederholten simulierten Attacken anzugreifen. Schließlich ist der Umstand bedeutend, dass die Ukraine jetzt die Ausbildung ihrer Soldaten in den Nato-Staaten beendet, weil die Soldaten dort nicht das lernen, was sie an der Front brauchen. Die Ukraine muss ihre Soldaten nach der Nato-Ausbildung mühsam umschulen, bevor sie an die Front geschickt werden können. Sonst würden die Soldaten oft bereits nach wenigen Tagen durch russische Drohnenangriffe fallen. Die mangelhafte Ausbildung, die sie in den Nato-Staaten bekommen haben, verringert ihre Chancen zu überleben. Jetzt redet der Chef eines der größten europäischen Rüstungsunternehmen klein, was hier passiert. Das ist grob fahrlässig.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Warum?

Insbesondere westliche Waffensysteme stehen in der Ukraine vor großen Herausforderungen. Die Ukrainer berichten immer wieder, den gelieferten Angriffssystemen fehle einerseits die gewünschte Präzision und andererseits seien die Systeme nicht abgestimmt auf die Fähigkeiten der Russen zu Störeinsätzen im elektromagnetischen Feld. Es gab auf Waffenmessen schon viele Berichte und Debatten darüber, wie schwer es für westlichen Unternehmen ist mit den aktuellen Herausforderungen die sich an der Front  laufend ergeben, Schritt zu halten.

Steckt hinter Pappergers Aussage wirklich nur Arroganz?

Rheinmetall ist ja zurückgerudert. Was das Unternehmen aber wahrscheinlich kaum zugeben würde: Dahinter steckt auch Konkurrenzdenken. Aus Sicht der europäischen Rüstungskonzerne ist die Gefahr groß, dass die Ukraine mit ihren Erfahrungen und technologischen Entwicklungen künftig Aufträge bekommt, die eigentlich die europäische Rüstungsindustrie für sich haben möchte. Die Angst grassiert besonders mit Blick auf den Einsatz ukrainischer Teams im Nahen und Mittleren Osten, die Israel und die USA im Kampf gegen den Iran bei der Drohnenabwehr unterstützen.

Was können ukrainische Rüstungsfirmen, das Rheinmetall nicht kann?

Der Punkt ist: Alle Waffensysteme, die auf dem Reißbrett ersonnen wurden und im Prototypenbau erprobt werden, brauchen die realen Gefechtsbedingungen, um am Ende erprobt und einsatzbereit zu sein. Das hat den europäischen Unternehmen, aber zum Teil auch den amerikanischen, in den letzten Jahren gefehlt. Die Amerikaner hatten es hier leichter, weil sie laufend in Konflikten präsent waren, vor allem, wenn es darum ging, Langstreckenwaffen einzusetzen. Aber die Waffensysteme der Europäer mussten nur selten oder nie den Test im Ernstfall bestehen. Natürlich braucht die Ukraine europäische Waffen, etwa Luft-Boden-Marschflugkörper vom Typen SCALP/Storm Shadow. Aber die kommen an ihre Grenzen, zum Beispiel bei den genannten elektromagnetischen Störungen der Russen.

Sollten die Europäer dann nicht bereit sein, von den Ukrainern zu lernen?

Ich habe vor kurzem wieder mit Ukrainern gesprochen. Sie sagten mir, sie hätten den Eindruck, europäische Unternehmen versuchten immer wieder, ihre Ideen zu stehlen und sie dann selbst zu vermarkten. Es geht um viel Geld und Anleger, die profitieren wollen. Die Ukrainer gehen mit einer großen Offenheit an die Zusammenarbeit mit den Europäern heran, versuchen auch ihre Expertise weiterzugeben und werden zum Teil nicht ernst genommen. Wenn es dann zu einer Eskalation wie im Krieg gegen den Iran kommt, wird die Expertise gebraucht und beneidet.

Wie kann die Ukraine profitieren?

Es gibt nur zwei Möglichkeiten für Länder im Nahen und Mittleren Osten: Entweder man hat eine Idee, um billige Drohnen durch billige Abfangdrohnen aufzuhalten. Oder man muss teure Patriot-Raketen für den Abschuss einsetzen. Die Golfstaaten erkennen die Mängel ihrer Abwehrsysteme. Die Ukraine hat nun mit Saudi-Arabien ein Verteidigungsabkommen geschlossen, das für beide Seiten von Vorteil ist. Einerseits bekommen die Saudis Know-how, andererseits bekommen die Ukrainer Treibstoff, den sie brauchen, um die nächsten Monate des Krieges durchzustehen.

Die Ukraine nutzt Drohnen auch für Angriffe auf Ölterminals wie Primorsk. Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten macht russisches Öl momentan knapp, teurer und für viele Käufer zur gefragten alternativen Quelle. Versetzen die ukrainischen Angriffe der russischen Kriegsökonomie dennoch schwere Schläge?

Die Ukraine hat in den letzten Monaten die Anzahl der Angriffe auf russisches Territorium in Qualität und Quantität sukzessive gesteigert. Dabei gibt es eine Mischung aus Langstrecken-Waffensystemen wie Marschflugkörper einerseits und Drohnen andererseits. Gerade ist eine mehrtägige ukrainische Operation zu Ende gegangen, deren Ziel es war, vor allem die Öl- und Gas-Terminals lahmzulegen, damit Russland nicht von der Lage am Rohstoff-Markt profitiert. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagt nun, er wäre bereit, eine bestimmte Art von Waffenstillstand zu akzeptieren. Falls Moskau seine Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine einstellt, würde Kiew den Beschuss der russischen Infrastruktur beenden. Selenskyj ist sich also über die Wirkung der ukrainischen Schläge bewusst.

Wie realistisch ist die Einigung auf diesen Waffenstillstand?

In einem Nebensatz sagte Selenskyj, es gebe Signale von einigen Partnerländern, die darauf hinweisen, dass die Ukraine ihre Angriffe gegen den russischen Ölsektor reduzieren sollen. Er weiß also auch, dass westliche Verbündete, vor allem die USA, den Präzisionsschlägen einen Riegel vorschieben könnten, indem sie der Ukraine keine Aufklärungsbilder mehr zukommen lassen. Das geht einher mit dem massiven Anstieg des Ölpreises. Denn der Druck am Weltmarkt steigt zusätzlich, falls auch das russische Öl auch nicht mehr verfügbar ist. Die Amerikaner haben sogar erlaubt, einen russischen Tanker nach Kuba zu schicken, damit dort das Öl entladen werden kann.

Auch Russland verstärkt seine Attacken, teilweise mit Hunderten Drohnenangriffen an einem Tag. Wie bewerten Sie aus militärischer Sicht die massiven Angriffswellen Russlands gegen die ukrainische Energie- und Strominfrastruktur?

Die Russen haben mit den Attacken auf die kritische Energieinfrastruktur bereits im Winter 2022/23 begonnen und diese seitdem verstärkt. Am 24. März gab es das erste Mal zwei russische Angriffswellen mit zusammengerechnet fast 1000 Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen. Am 29. März folgte eine Attacke mit 443 Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen. Der Druck, der auf der Ukraine lastet, ist enorm. Es gibt nach wie vor noch keine Lösung bei den Abfangsystemen. Die Ukraine braucht Patriots, um Marschflugkörper und Raketen abzufangen. Deshalb gibt es dieses Angebot Selenskyjs bezüglich eines Waffenstillstands.

Der Ukraine gelangen Vorstöße und Geländegewinne von mehreren hundert Quadratkilometern im Süden – etwa in der Region Dnipropetrowsk. Wie ordnen sie diese ein?

Die Ukraine hatte Erfolge bei Pokrowske, einer Siedlung westlich vom einst heftig umkämpften Pokrowsk. Dieser Vorstoß hat Anfang Februar begonnen, in Kombination mit der Abschaltung des Satelliten-Systems Starlink für die Russen. Den Ukrainern ist dadurch gelungen, an einer Stelle vorzustoßen, auch weil die Russen in diesem Raum eine Angriffsanstrengung in Richtung Westen unternommen haben. Die Russen haben alles in diese Schwergewichtsrichtung gelegt und ihre Flanken ausgedünnt, unter anderem bei Pokrowske, wo die Ukraine dann vorstoßen konnte. Das hat einige Wochen gut funktioniert, wurde dann aber immer langsamer und ist nun mehr oder weniger konsolidiert. Es gibt immer noch Vorstöße von beiden Seiten, aber keine großräumigen. Dabei spielt das Problem der sogenannten Grauzone eine Rolle.

Welches Problem?

Wir haben kein Niemandsland, wie man das noch früher aus verschiedenen Konflikten kennt, zwischen den beiden sich gegenüberliegenden Schützengräben. Stattdessen haben wir eine Grauzone, in der sich kleine ukrainische Stützpunkte befinden. Kleine Trupps der Russen versuchen, diese Stützpunkte zu vernichten. Das geht nur langsam. Mitte März bis jetzt gab es vor allem russische Angriffe bei Lyman sowie südlich und westlich von Kostjantyniwka mit schweren Verlusten der Russen. Es gab einen weiteren Vorstoß bei Saporischschja. Den Ukrainern gelang es teilweise, die russischen Verbände abzuwehren. Aber die Russen sind noch immer in der Lage, anzugreifen.

Woran sieht man das?

Ihre derzeitige Frühjahrsoffensive dient dazu, die Voraussetzungen zu schaffen für die Sommeroffensive, die spätestens beginnen wird, wenn das Laub wieder auf den Bäumen ist und russische Angriffe dadurch besser getarnt werden. Die Front ist knapp 1400 Kilometer lang. Die Ukraine hatte nur Erfolge an der Grenze zwischen den Regionen Dnipropetrowsk und Saporischschja. Es geht also um einen begrenzten Abschnitt im Süden, aber wir sehen keinen Trend an der gesamten Front. Rund um den ukrainischen Festungsgürtel, der sich von Slowjansk über Kramatorsk bis Kostjantyniwka erstreckt, befindet sich das Zentrum der Kämpfe.

Wie ist die Lage am Festungsgürtel?

Dort marschieren die Russen langsam, aber stetig vor. Davon hört man in westlichen Medien weniger, weil das natürlich nicht im Interesse der Ukraine ist. Durch den Fall von Siwersk letztes Jahr haben die Russen eine gute Ausgangsposition eingenommen und wollen die Voraussetzungen für die Sommeroffensive schaffen. Das heißt, der Druck ist unvermittelt hoch. Kleinere Vorstöße gelingen den Russen immer wieder bei Sumy oder Charkiw. Das zeigt: Die Russen sind immer noch gewillt, all in zu gehen, auch weil sie durch die Entwicklungen im Mittleren Osten begünstigt sind. Sie sehen dies als Chance die Initiative an sich zu reißen.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de