Reisners Blick aufwärts die Front: „Die USA sind so massiv unter Druck, dass sie zu einem Deal bereit sein dürften“
Reisners Blick auf die Front„Die USA sind so massiv unter Druck, dass sie zu einem Deal bereit sein dürften“
23.03.2026, 16:45 Uhr
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Berichten zufolge hat Russland den USA angeboten, dem Iran keine Geheimdienstinformationen mehr zur Verfügung zu stellen, wenn die USA im Gegenzug die Ukraine hängen lassen. Oberst Markus Reisner hält das für sehr plausibel: „Sie können davon ausgehen, dass im Hintergrund entsprechende Verhandlungen laufen“, sagt er im wöchentlichen Blick auf die Front in der Ukraine. „Durch den Iran-Krieg haben die USA den Russen und den Chinesen ein absolutes Geschenk gemacht.“
ntv.de: Laut Institute for the Study of War haben die Russen eine Offensive gegen den ukrainischen Festungsgürtel begonnen. Ist die Verteidigungslinie der Ukraine in unmittelbarer Gefahr?
Markus Reisner: Ende 2025 haben die Russen noch versucht, im Südabschnitt zwischen Saporischschja und Cherson Ergebnisse zu erzielen. Dem konnte die Ukraine durch einen Angriff in die Flanke der angreifenden russischen Truppen südlich der Siedlung Pokrowske in der Oblast Dnipropetrowsk entgegentreten. Damit ist dieser Vorstoß vorerst gescheitert. Jetzt sehen wir, dass die Russen sich auf einen neuen Schwergewichtsangriff vorbereiten.
Wo?
Im Bereich des Festungsgürtels, der sich von Slowjansk über Kramatorsk bis Kostjantyniwka erstreckt. Im vergangenen Jahr gab es hier eine günstige Situation für die Russen: Sie haben die Ortschaft Siwersk eingenommen. Das war der Angelpunkt zwischen dem Nordabschnitt und dem Südabschnitt – relativ genau in der Mitte des Mittelabschnittes, der von Kupjansk bis zur Stadt Pokrowsk in der Region Donezk reicht. Möglich wurde die Eroberung von Siwersk durch den Fall des Kreminna-Waldes, den die Ukraine schon zuvor verloren hatte.
Dort wollen die Russen noch einmal angreifen?
Die Russen dürften mit zwei Angriffsspitzen versuchen, hinter den Festungsgürtel zu kommen: einmal von Lyman, nördlich von Slowjansk, und einmal bei Torezke, westlich von Kostjantyniwka. Hier ist der Raum, wo sich die Masse der ukrainischen Befestigungen im Donbass befindet.
Obwohl sie selbst im Abwehrkampf steht, soll die Ukraine rund 200 Drohnen-Experten in mehrere Golf-Staaten geschickt haben. Kann sich die Ukraine denn leisten, auf so viel Know-how zu verzichten?
Für die Ukraine ist das eine Abwägungssache. Die Hoffnung der Ukraine ist, im Gegenzug von den Golfstaaten unterstützt zu werden – vielleicht finanziell, vor allem aber durch Patriot-Raketen. Wenn die Abfangsysteme der Ukraine in den Golfstaaten funktionieren, müssen diese Länder nicht ihre teuren Patriots einsetzen, um die billigen iranischen Drohnen abzufangen. Diese Patriots braucht die Ukraine dringend, um die schweren russischen Angriffe abzuwehren.
Nach einem Bericht der BBC haben ukrainische Teams am Persischen Golf bereits mehrere iranische Drohnen abgeschossen. Wird die Ukraine damit Kriegspartei im Iran-Krieg?
Es gibt noch keine Bestätigung, sondern nur den BBC-Bericht, und Aussagen von Präsident Selenskyj, der sagte, dass ukrainische Teams vor Ort seien. Völkerrechtlich ist das interessant – wobei man sagen muss, dass das Völkerrecht ja leider niemanden mehr interessiert.
Laut Völkerrecht gibt es zwei Kernkriterien, die entscheiden, ob ein Land zur Kriegspartei wird. Das eine ist, vereinfacht ausgedrückt, wenn die Soldaten eines Landes Schulter an Schulter mit der unterstützten Partei im Einsatz sind. Das zweite ist, wenn ein Land die Partei in einer Art und Weise unterstützt, dass diese ohne die Unterstützung nicht in der Lage wäre, selbstständig zu handeln. Hier sind wir mindestens in einem Graubereich.
Sehen Sie die Gefahr einer Eskalation durch den Einsatz der ukrainischen Spezialisten?
Nicht unmittelbar – außer, der Iran beschließt, die Ukraine mit einer weitreichenden Rakete zu beschießen. Was wir sehen: Der Krieg, der regional relativ begrenzt in der Ukraine begonnen hat, wird immer umfassender. Auch Nordkorea ist längst Kriegspartei: Nordkoreanische Soldaten kämpfen für Russland gegen die Ukraine. Und es gab in den vergangenen 14 Tagen Hinweise auf klare Indizien, dass Russland den Iran mit Satellitendaten unterstützt. Auch China soll das machen. Es ist im Prinzip das Gleiche, was die USA seit Jahren für die Ukraine tun.
Ist die Qualität der russischen Unterstützung des Iran mit Geheimdienstinformationen vergleichbar mit der US-Unterstützung für die Ukraine?
2023 hat ein US-Soldat Geheimdokumente veröffentlicht, die Discord Leaks. Da konnte man sehen, von welch hoher Qualität die Informationen sind, mit denen die USA die Ukraine unterstützen. Auch europäische Staaten geben Satellitenaufklärung an die Ukraine weiter. Aber die USA können Lagebilder erstellen, die eine Situation fast ohne Zeitverzug abbilden. Das können die Europäer nicht, auch Russland und China können das nicht in diesem Umfang. Aber sie können punktuell sehr wohl wesentliche Beiträge liefern, die den Iranern es ermöglichen, empfindliche Treffer auszuführen. In mindestens 17 Fällen wurden US-Basen am Golf gezielt angegriffen. Bis zu zehn hochwertige Radarsysteme und Satellitenkommunikationssystemen wurden getroffen. Ohne Hilfe wäre dem Iran das nicht gelungen.
Laut Politico hat Russland den USA angeboten, dem Iran keine Geheimdienstinformationen mehr zur Verfügung zu stellen, wenn die USA der Ukraine keine Informationen mehr geben. Russland hat das dementiert. Klingt der Bericht für Sie trotzdem plausibel?
Absolut. Sie können davon ausgehen, dass im Hintergrund entsprechende Verhandlungen laufen. Die USA sind so massiv unter Druck, dass sie zu einem solchen Deal bereit sein dürften.
Sie glauben, dass die USA auf das mutmaßliche russische Angebot eingehen könnten?
Trump macht den ukrainischen Präsidenten ohnehin für das bisherige Scheitern der Gespräche verantwortlich. Das deutet darauf, dass auf dem Rücken der Ukraine ein Deal geschlossen werden könnte, ja. Trump und sein direktes Umfeld haben offenkundig nicht damit gerechnet, dass der Iran so zurückschlagen würde. Man hat gedacht, auch auf Basis von Versicherungen der israelischen Regierung, dass die Bombardierungen nach wenigen Tagen einen Volksaufstand auslösen. Trumps Problem ist: Wenn der Iran die Blockade der Straße von Hormus aufrechterhält, können die USA sich nicht einfach zurückziehen. Und sollten die Huthis im Jemen gegen die zweite wichtige Meeresenge losschlagen, gegen den Bab al-Mandab zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden, dann würde das den Druck noch drastisch erhöhen.
Inwiefern?
Dann entstehen Versorgungsengpässe, die kritisch für die Weltwirtschaft wären und die auch Trump in eine prekäre Situation bringen würden. Die Schiffe, die jetzt noch unterwegs sind, werden in zehn Tagen ihre Zielhäfen erreichen. Beim Rohöl reichen die strategischen Reserven nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur für 90 bis 250 Tage. Noch kritischer ist es bei Flüssiggas und Düngemitteln. Deshalb kann ich mir durchaus vorstellen, dass es im Hintergrund zu einem Deal mit den Russen, unter Umständen auch mit den Chinesen, kommt.
Am Wochenende gab es in Florida erstmals seit mehr als einem Monat ein Gespräch auf Expertenebene, um Dreier-Verhandlungen über eine Beendigung des Kriegs vorzubereiten. Sind solche Treffen derzeit nur Alibi-Veranstaltungen?
Da bin ich mir nicht sicher. Zu Beginn des Iran-Kriegs wurde von den Russen faktisch verlautbart, dass die Verhandlungen ausgesetzt seien. Dann war zu hören, dass im Hintergrund sehr wohl verhandelt wird. Trumps Sondergesandter Steve Witkoff hat ja auch gesagt, die Verhandlungen seien weiter konstruktiv. Beide Verhandlungsteams sind auch durchaus prominent besetzt. Aber das Kernproblem ist nach wie vor ungelöst.
Das Kernproblem?
Selenskyj hat signalisiert, was die Ukraine tun kann: Er will die Front einfrieren und kein weiteres Gebiet hergeben. Die Russen wollen aber weiterhin den gesamten Donbass und sind überzeugt, dies militärisch zu schaffen – egal, wie hoch die Verluste sein werden. Es könnte sogar sein, dass die Ukrainer in einem Moment zähneknirschend nachgeben müssen, wenn sie sich militärisch auf dem Vormarsch befinden. Es wäre nicht das erste Mal in der Kriegsgeschichte, dass so etwas passiert.
Dann hätte der Iran-Krieg drastische Folgen für die Ukraine.
Ich war überzeugt, dass die Chance auf einen Friedensschluss in den letzten Monaten so groß war wie nie zuvor. Durch den Iran-Krieg haben die USA den Russen und den Chinesen ein absolutes Geschenk gemacht. Die Russen sagen jetzt: Die Amerikaner sind im Iran gebunden, dort läuft es nicht so, wie sie sich das vorgestellt haben. Das steigert die Chance für Russland, den Ukrainekrieg in die Länge zu ziehen.
Und China?
Allein die Menge an Waffensystemen, welche die USA im Iran verbraucht haben, ist sehr im Sinne der Chinesen. Für den Fall, dass es im Pazifik zu einer Zuspitzung kommen sollte, etwa in Taiwan, dann wäre es für die Chinesen natürlich gut, wenn die USA nicht aus dem Vollen schöpfen könnten. Was die USA im Iran an Waffensystemen verbrauchen – es wird Jahre dauern, das alles neu zu beschaffen. Und der Krieg ist noch immer in voller Fahrt.
Mit Markus Reisner sprach Hubertus Volmer
Source: n-tv.de