„Reiner Pazifismus war mir immer zu naiv“
Er kommt gerade erst zurück. Vier Stunden Autobahn liegen hinter ihm, eine Solo-Show am Vorabend in Fürth. Jetzt ist es später Nachmittag, Wolfgang Niedecken sitzt in seinem Kölner Arbeitszimmer. Während unseres langen Gesprächs wird es draußen dunkel. Hinter ihm an den Wänden hängen Bilder und Fotos seiner musikalischen Fixsterne, von Bob Dylan oder den Rolling Stones.
Niedecken wird im März 75. Und die Band, die er 1976 mitgründete, wird 50. BAP, entstanden in Köln, erster Auftritt 1977 in Nippes, waren und sind bis heute bundesweit erfolgreich mit auf Kölsch gesungenen Rocksongs. Von den prägenden Musikern der Anfangsjahre – Gitarrist Klaus „Major“ Heuser oder Percussionist Manfred „Schmal“ Boecker – ist außer ihm keiner mehr dabei. Geblieben ist Niedecken: Sänger, Texter, Erzähler, Frontmann, kreatives Zentrum. Heute steht er mal mit einer achtköpfigen BAP-Band auf der Bühne, oder er gibt Solo-Konzerte, bei denen er sich nur vom Jazzpianisten Mike Herting begleiten lässt.
Kaum ein deutscher Musiker hat dieses Land so flächendeckend bereist wie er. Niedecken hat Deutschland kartografiert, auf seine Weise vermessen. Zum Jubiläum wählen wir deshalb eine ungewöhnliche Interviewform: ein Gespräch von A bis Z, das sein Leben unterwegs als alphabetischen Parcours abbildet. Die neue Tour heißt „Die Zielgerade“ – ein Wort, das auch Endlichkeit andeutet. Aber „Ahnjekumme“, wie er in einem Song singt, also angekommen im Ziel, an einem Endpunkt, ist Wolfgang Niedecken noch nicht. Es gibt noch Sehnsuchtsorte, die er gerne bespielen würde. Mindestens drei.
WELT: Herr Niedecken, wir würden Sie gerne als menschliches Navi befragen und Ihr Leben „On The Road“ von A bis Z so gut wie möglich zu erfassen: Wir nennen Ihnen zu Buchstaben des Alphabets einen oder mehrere Orte, an denen Sie gespielt haben – und Sie sagen uns, was Sie damit verbinden. Sind Sie bereit für ein paar Zeitsprünge?
Wolfgang Niedecken: Wunderbar. Legen Sie los.
WELT: A wie Anröchte im Bürgerhaus 1981 und Amsterdam im Paradiso 1983.
Niedecken: Nach Anröchte hatten uns Mitglieder eines Jugendclubs eingeladen. Die Mütter machten das Catering, das war rührend. Wir haben dort oft gespielt, fühlen uns den Leuten bis heute verbunden. Wir waren unheimlich stolz, dort im Paradiso zu spielen. „Kristallnaach“ war damals sogar ein Top-Ten-Hit in Holland. Und dann die Geschichte mit der „Bravo“: Wir wollten dieser Zeitschrift keine Interviews geben, also schickten sie einen niederländischen Journalisten, der sich als Reporter einer Amsterdamer Zeitung ausgab. Eine Woche später standen wir groß in der „Bravo“. Schön aufs Kreuz gelegt.
WELT: B wie Bonn 1982 bei der Friedensdemo gegen den Nato-Doppelbeschluss, Burglengenfeld 1986 beim Protest-Festival gegen die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf oder Berlin 1995, improvisiertes Konzert mit Bruce Springsteen.
Niedecken: Auf den Bonner Rheinwiesen waren eine halbe Million Menschen. Am Schluss sangen wir mit Joseph Beuys „Knocking On Heaven’s Door“. Er betonte jedes „Knock“ mit Klopfbewegungen. Damals hatten wir alle Angst vor einem Atomkrieg. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sehe ich manches differenzierter, aber reiner Pazifismus war mir immer zu naiv.
Zu dem Festival in Burglengenfeld kamen 120.000 Menschen. Nach Tschernobyl baten uns die WAA-Gegner um Hilfe bei der Organisation. Ich rief u.a. Udo Lindenberg an – er hatte keine Band, also wurden wir für einen Tag seine Band und spielten „Sie brauchen keinen Führer“. Wolfgang Ambros bat ich per Postkarte. Solange Atommüll nicht sicher gelagert werden kann, bleibt das für mich keine sichere Energie.
Und dann Berlin, Café Eckstein. Bruce Springsteen und ich, wir hatten uns zuvor in New York kennengelernt, ich hatte ihn für die ARD interviewt. Am Abend vor dem Videodreh zu „Hungry Heart“ in Berlin, zu dem er mich und die Leopardefellband eingeladen hatte, entschied Bruce spontan ungeprobt zusätzlich live zu spielen – „Honky Tonk Women“, „Jumpin’ Jack Flash“, „Knocking On Heaven’s Door“. Ich stand da und dachte: Das träumst du nur, gleich klingelt der Wecker.
WELT: C wie Chemnitz, Schloss Klaffenbach 2016.
Niedecken: Wunderschönes Wasserschloss. Aber es war eine angespannte Zeit: Es gab oft Nachrichten über islamistische Anschläge, auch auf ein kleines Musik-Festival in Ansbach. An diesem Abend dann der Putschversuch in der Türkei. Ich habe das Land oft bereist, saß nach dem Konzert nachts vor dem Fernseher, wollte verstehen, was dort geschah. Mit so einer Unruhe gehst du dann auch auf die Bühne.
WELT: D wie Düsseldorf, Weihnachtskonzert der Toten Hosen 1993.
Niedecken: Campino verballhornte „Verdamp lang her“ zu „Verdamp lang Haar“. Ich kam als Weihnachtsmann verkleidet auf die Bühne, am Ende wurde ich enthüllt – ein Kölner beim Auswärtsspiel in Düsseldorf. Die Leute haben sich weggelacht. Seitdem schicken uns die Hosen immer, wenn wir in Düsseldorf spielen, eine Kiste Wein, damit die Debatte Alt gegen Kölsch endlich endet. Ich bin ohnehin kein Biertrinker.
WELT: E wie Eisenhüttenstadt, Stadtfest im Jahr 2000.
Niedecken: Anfang der 50er als sozialistische Idealstadt gegründet, die zunächst Stalinstadt hieß, 1961 dann umbenannt. Ich bin 1951 geboren, Eisenhüttenstadt ist also jünger als ich. Damals gab es Berichte über Neonazi-Ausschreitungen in der Gegend. Wir hatten etwas Muffe, weil das Stadtfest offen war. Aber es war ein wunderbarer Abend. Die Menschen freuten sich unglaublich. Werde ich nie vergessen.
WELT: F wie Frankfurt, Festhalle 1984 mit den Kinks.
Niedecken: Das ZDF bot uns eine Konzertsendung an, und wir durften eine internationale Band wählen. Wir pokerten hoch: die Kinks. Unsere Idole. Sie wurden extra aus den USA eingeflogen, wir sahen ihnen beim Soundcheck zu – und waren am Ende selbst der Headliner. Später entschuldigten sie sich, weil sie uns erst für Roadies gehalten hatten.
WELT: G wie Gerolstein 1981.
Niedecken: Vom Jugendclub organisiert, in der Aula des Gymnasiums, unfassbar heiß und brechend voll. Unprofessionell organisiert – aber unprofessionell waren wir ja damals auch noch. Das passte also wunderbar. Kürzlich war ich mit meinem Soloprogramm wieder dort. Die Leute sprechen mich noch heute auf dieses Konzert an.
WELT: H wie Hartenholm 1988, 200.000 Zuschauer beim „Werner“-Open Air auf dem Flugplatz, mit einem Rennen zwischen Porsche und frisiertem Motorrad, das von den gleichnamigen Kult-Comics inspiriert war.
Niedecken: Am selben Abend vorher noch „Wetten, dass..?“ in Stuttgart, dann im Learjet nach Hamburg geflogen, kein Hubschrauber da, Taxis wollten nicht fahren: „Da sind nur Verrückte.“ Schließlich brachte uns ein VW-Bus mit Rocker-Eskorte zum Gelände. Ein Biker-Publikum wartete. Zum Glück hatten wir „Born To Be Wild“ eingeprobt. Besserer Eisbrecher geht nicht.
WELT: I wie Isselhorst, bei Gütersloh, Auftritt im Odeon 1981.
Niedecken: Ein ehemaliges Kino in Ostwestfalen, eisiger Winter. Unsere Garderobe war das Männerklo. Während wir uns umzogen, gingen die Zuschauer pinkeln.
WELT: J wie Jonschwil 2006.
Niedecken: In der Nähe von Kirchberg, wo wir „Affjetaut“ aufgenommen hatten. Hügelige Voralpen, Blick aufs Hochgebirge. Ich liebe diese Schweizer Sommerfestivals. Nach uns spielte Status Quo.
WELT: K wie Köln – erster Auftritt 1977 im Mariensaal, später dreimal Special Guest bei den Rolling Stones, zweimal 1982 und noch einmal 1999.
Niedecken: Ein Studienfreund überredete uns zu dem ersten Gig. Wir fühlten uns nicht gut genug, hatten im Grunde keine Anlage. Und wir hatten keinen Namen. Unser Gitarrist sagte: „Schreib Bapp drauf, (Kölsch für Vater, Anm. d. Red.) aber lass das zweite P weg, das sieht scheiße aus.“ Zwei akustische Gitarren, Congas, ein paar Mikros – mehr nicht. Aber es kam gut an, wir hatten Blut geleckt. Fünf Jahre später standen wir dann als Special-Guest vor den Stones im Müngersdorfer Stadion. Als wir „Verdamp lang her“ spielten, sang das Stadion mit ohrenbetäubender Lautstärke. Mick Jagger kam gerade an und fragte den Veranstalter Fritz Rau: „Fritz, what the hell is this?“ Die Kölner waren unfassbar stolz. Wir auch. Und viele dachten damals: Die Stones gibt es jetzt 20 Jahre, die halten das nicht mehr lange durch. So kann man sich irren.
WELT: L wie Loreley, Rockpalast, live im Fernsehen übertragen, 1982.
Niedecken: Wir waren von den vorherigen Tourneen und Plattenaufnahmen völlig erledigt und wollten absagen. Aber ein europaweit übertragenes Live-Konzert hoch über dem Rhein – das war dann doch zu verlockend. Sommer, Euphorie ohne Ende. Ich dachte: Vielleicht sind wir doch keine Eintagsfliege. Nach dem Konzert standen wir alle auf der Loreley-Terrasse, Panoramablick auf den Rhein. Unser Schlagzeuger und der Perkussionist hatten sich die Finger blutig gespielt. Es gibt ein Foto von uns, ich halte eine Flasche Wein, wir sehen völlig fertig aus – fertig, aber glücklich.
WELT: M wie Managua in Nicaragua 1987 und Maputo in Mosambik 1988.
Niedecken: Nach Nicaragua kam ich mit meiner Soloband, den Complizen, auf Einladung von Dietmar Schönherr und Ernesto Cardenal. Schönherr hatte in Granada das Kulturzentrum „Haus der drei Welten“ gegründet. Wir reisten mit wenig Gepäck, das meiste Equipment stellte die nicaraguanische Band Mancotal. Manche Konzerte fielen ins Wasser, weil sie draußen stattfanden und es stark regnete. Ich wollte keinen Revolutions-Tourismus betreiben, sondern zeigen: Eine westliche Band spielt unter den Bedingungen eines Entwicklungslandes. Die Leute kannten uns nicht, aber wir kamen gut an.
Die Sandinisten waren an der Macht, die von den USA unterstützten Contras führten einen brutalen Guerillakrieg. Wenn du an Orten stehst, an denen Furchtbares passiert ist, ist das etwas anderes, als darüber zu lesen. Einmal sollten wir in einer Garnison spielen, aber dort gab es gar keine Anlage – zwei Lautsprecher in Bäumen, ein paar Mikrofone, das war’s. Spielen konnten wir nicht. Unheimlich war nur eine Autofahrt mit dem Verteidigungsminister am Steuer, der gern seinen Leibwächtern entwischte. Er hatte einen rauen Humor: „Das Bier muss so kalt sein wie das Herz eines Contras.“
Maputo ein Jahr später war von dem Grünen-Politiker Lukas Beckmann angestoßen worden. Die Grünen wollten im Bundestag auf die Folgen des Bürgerkriegs aufmerksam machen. In Maputo, das als relativ sicher galt, sollte ich mit den Complizen spielen, um dem Thema in der deutschen Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Konzerte waren wunderschön. Wir hatten „Anna“ und „Maat et joot“ als Reggae-Versionen eingeprobt. Statt „Maat et joot“ sangen die Zuschauer „Money Joe“ – das wurde tags darauf mein Spitzname, wenn man mich auf der Straße erkannte: „Hey, Money Joe.“
WELT: N wie Nürburgring, Rock am Ring 1987.
Niedecken: Es regnete in Strömen. Headliner war David Bowie mit Peter Frampton. Ich stand mit einer Flasche Riesling im Graben vor der Bühne und beobachtete Bowie aus nächster Nähe. Großartig.
WELT: O wie Olching 1997.
Niedecken: Ein „Good-Feeling“-Festival. Erst als wir ankamen, merkten wir: vor uns steht ein Schlagerpublikum. Die Spider Murphy Gang war der Headliner. Für uns war das der Horror, nicht unser Terrain. Aber da muss man dann durch.
WELT: P wie Peking, drei Auftritte im Shoudu Sport Palace 1987.
Niedecken: Wir spielten auf der Trauerfeier für Heinrich Böll, mit dem ich befreundet war. Danach sprach mich seine chinesische Übersetzerin an: Unsere Lieder müsste die Jugend Chinas hören. Monate später kam tatsächlich eine Anfrage. China öffnete sich gerade. In Peking spielten wir dreimal vor 18.000 Menschen. Elvis, die Beatles oder die Stones kannten sie nicht. Und wir hatten noch eigens „Gimme Shelter“ eingeprobt – niemand merkte den Sprachwechsel. Man sagte uns, Zugaben waren nicht üblich. Also spielten wir ausgerechnet „Verdamp lang her“ nicht. Zum Schluss kamen Mädchen mit riesigen Blumensträußen, und politische Funktionäre zu uns auf die Bühne, die sich mit uns fotografieren ließen – China wollte zeigen, dass es sich öffnet. Wirtschaftlich war es ein Desaster: Trotz Sponsoren zahlten wir am Ende sechsstellig drauf.
WELT: Q wie Quakenbrück – dort haben Sie nie gespielt, aber im 23 Kilometer entfernten Cloppenburg. Sind Sie auf dem Weg dorthin mal durch Quakenbrück gefahren?
Niedecken: Ja. Ich weiß das deshalb so genau, weil es, wann immer wir durch Quakenbrück fuhren, stets für große Heiterkeit gesorgt hat. Wir flachsten dann, wir führen jetzt durch Entenhausen, um Donald Duck zu treffen. Man muss dazu wissen, dass Quakenbrück in einigen deutschsprachigen Donald-Duck-Comics ja tatsächlich erwähnt wird. Quakenbrück ist der Hammer.
WELT: R wie Remagen, 2005.
Niedecken: Remagen liegt schräg gegenüber von Unkel, der Geburtsstadt meines Vaters, wo ich allerdings noch nie gespielt habe, das aber gerne noch nachholen wollen würde. Im Vorfeld unseres Auftritts in Remagen hatte ich mich in einem Interview etwas abfällig über das dortige Museum geäußert, in dem die Geschichte der Brücke von Remagen während des Zweiten Weltkriegs dargestellt wird. Die wurde weltgeschichtlich relevant, als am 7. März 1945 eine kleine Vorhut der 9. US-Armee die Brücke völlig überraschend und ungeplant als letzte unzerstörte Rheinüberquerung erobern konnte, was maßgeblich den weiteren Verlauf des Krieges beeinflusste. Ich hatte im Interview gemutmaßt, das Museum könnte womöglich kriegsverherrlichend sein. Ich war da sehr voreingenommen. Der Museumsdirektor wollte das nicht auf sich sitzen lassen und bot mir eine Führung an. Ich fand nicht nur seine Reaktion klasse, sondern auch die sehr gut aufbereitete Ausstellung, die überhaupt nicht kriegsverherrlichend war.
WELT: S wie Schwerin 1991.
Niedecken: Die ersten Konzerte im Osten nach dem Mauerfall waren wie Reisen in ein neues Land. 1984 hatten wir dort schon spielen wollen, aber die DDR-Behörden verlangten, „Deshalv spill mer he“ zu streichen, in dem es um politische Bevormundung und Meinungsfreiheit geht. 1991 war es endlich so weit. Die Eindrücke – der Geruch nach Braunkohle, Zweitaktern – sind mir bis heute präsent.
WELT: T wie Tübingen, Mensa 1982.
Niedecken: Wir spielten oft in Mensen. Der Essensgeruch hat mich nie gestört. In Tübingen hatten wir erstmals einen Tour-Begleiter – der bei jedem Ort eine neue Kaffeemaschine forderte und danach verscherbelte. Konzertveranstalter Peter Rieger schickte uns daraufhin einen neuen, Roland Temme hieß er. Der wurde später unser Manager, wir alle nannten ihn nur „Balou“.
WELT: U wie Übach-Palenberg, Stadthalle, 1983.
Niedecken: Eine „Stadthalle“, die den Namen kaum verdiente. Dauerbeleuchtete Theke, Karnevalsdeko, Stromausfall. Ich drohte nach dem sechsten Song aufzuhören, weil mich das Licht so ablenkte. Am Ende wurde es dank des Publikums doch noch passabel. Nach dem Konzert saßen wir völlig verschwitzt in einer eiskalten Garderobe, weil dort nur alle Heizungen gleichzeitig an- oder ausgingen.
WELT: V wie Völkingen-Wehrden, Turnhalle 1981.
Niedecken: Unser erstes Saarland-Konzert. Überm Publikum wanderten weiße Plastikkanister herum. Darin eine Plörre aus Cola, Rotwein und Schnaps. Man reichte sie auch uns. Ich habe mich allerdings nicht getraut.
WELT: W wie Wolgograd, 1989 und Wacken, Heavy-Metal-Festival 2025.
Niedecken: In Wolgograd und Moskau spielten wir im Mai 1989 jeweils dreimal. Die Idee zu dieser Tournee entstand bei einem Treffen mit meiner Galeristin und Kulturleuten aus der damaligen Sowjetunion. Sechs Monate später fiel die Mauer. Viele DDR-Bürger kamen zu unseren Konzerten in der Sowjetunion, weil wir in der DDR nicht auftreten durften. Das Publikum war gierig nach westlicher Musik. Wir tourten mit der russischen Band Brigada S – deren Trinkgewohnheiten uns aber zu hart waren. Was diese Burschen wegkippten, war unfassbar. Sie selbst fanden Gorbatschows Öffnungspolitik gut, aber viele Russen fürchteten schon damals, Gorbatschow schwäche Russland.
Wacken? Der Festival-Mitgründer Holger Hübner fragte schon im Vorjahr an. Ich sagte: „Wir sind keine Metal-Band.“ Er meinte: „Die Wacken-Fans sind alle mit deiner Musik aufgewachsen.“ Er hatte recht. 50.000 Metal-Fans sangen „Verdamp lang her“ und „Jraaduss“ lautstark mit. Matsch ohne Ende. Am Vortag hatte ich dort noch mein Solo-Programm mit Mike Herting gespielt – im strömenden Regen, während 150 Meter weiter eine Thrash-Metal-Band loslegte. Wir mussten dagegen anspielen. Das war die Härte.
WELT: X wie Xanten 1994.
Niedecken: Wunderschönes Amphitheater. Einmal am 14. Mai 1994 – das war eigentlich der ausgerechnete Geburtstermin meiner Tochter. Ich hatte angekündigt, nicht aufzutreten, falls meine Frau an dem Tag in den Kreißsaal müsste. Isis kam am 1. Mai auf die Welt.
WELT: Y ist ein bisschen problematisch, weil dieser Buchstabe eine Leerstelle auf der BAP-Tourneekarte ist. Wir behelfen uns mit einer Notlösung und nehmen das englische Wort Yangtse (deutsch: Jangtse), jenen Fluss, an dessen Mündung Shanghai liegt, wo Sie im Oktober 1987 ebenfalls im dreimal auftraten.
Niedecken: Wir waren dort tatsächlich dem Yangtse verbunden, über den Huangpu, einen Nebenfluss, machten wir eine Bootsfahrt am Bund entlang. Diese historische Uferpromenade Schanghais mit ihrem Ensemble westlicher Architektur, wirkte auf mich wie ein Freilichtmuseum aus Pseudo-Gotik, Pseudo-Barock und Pseudo-Neoklassizismus.
WELT: Z wie Zell, Sporthalle 1984.
Niedecken: Organisiert von einer Jugendeinrichtung an der Mosel. Einige von uns starteten nach dem Konzert zu einem Wettschwimmen durch die Mosel. Ich dachte nur: Seid ihr wahnsinnig? Für Mutproben bin ich nicht zu haben.
WELT: Jetzt sind wir über die Zielgerade gegangen. Gibt es nach 50 Jahren „On The Road“ noch Sehnsuchtsorte, in denen Sie gerne auftreten würden?
Niedecken: In Athen gibt es unterhalb der Akropolis ein schönes Amphitheater. Dort würde ich gerne mal spielen. Und in Paris. Und mein absoluter Sehnsuchtsort: Marrakesch, ein Konzert auf dem Djemaa El Fna, dem Platz der Gehenkten. Wenn es nicht dazu kommt, ist es auch nicht tragisch. Ich bin sehr glücklich mit dem, was sich ergibt.
Zur Person:
Von 1970 bis 1976 studierte der am 30. März 1951 in Köln geborene Wolfgang Niedecken zunächst Freie Malerei und Kunstgeschichte. 1976 gründete der Sänger, Songwriter und Gitarrist die Kölschrock-Band BAP. Zu seinen bekanntesten Songs zählen „Verdamp lang her“, „Kristallnaach“ oder „Jupp“. Im November 2011 erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich vollständig erholt hat. 2013 erhielt er für sein politisches Engagement für Toleranz und gegen Rassismus das Bundesverdienstkreuz. Vom 20. Juni bis 8. Juli gibt er sieben Aufwärm-Konzerte mit BAP in kleineren Städten. Am 10. Juli starten BAP im Müngersdorfer Stadion in Köln die Tournee zu ihrem 50. Bestehen. Bis zum 18. Dezember folgen 19 Konzerte (Tickets unter bap.de). Am 13. März führt er mit Wim Wenders in der Alten Oper Frankfurt ein Gespräch im Rahmen des Festivals „Driven By Music“, das dem Regisseur gewidmet ist.
Source: welt.de