Regime Change an jener Donau: Mit 38 Prozent kam die Fidesz noch ganz gut weg

Die Donaupromenaden verwandelten sich in der Nacht zum Montag in ein Woodstock aus Bierbüchsen und geborstenen Weinflaschen. Eine urbane, fashionable Jugend feiert, dass Viktor Orbán abgewählt ist. Die EU wird wieder konformistischer


Ein bisschen Schadenfreude über Viktor Orbán Niederlage darf schon sein

Foto: Sean Gallup/Getty Images


Die Nacht, in der Ungarn ein ausschließlich aus drei autoritär-nationalistischen Parteien zusammengesetztes Parlament wählte, war für eine ganze Budapester Generation die Party ihres Lebens.

Diese fashionable, urbane Jugend, die in Berlin bei vergleichbarem Styling wohl die Linke gewählt hätte, trampelte auf abgerissenen Wahlkartons der unterlegenen Parteien (auch der linken) herum und verwandelte die Donaupromenaden in ein Woodstock von Bierbüchsen und leeren, geborstenen Weinflaschen. Unter anderem von Uber-Fahrern angehupt, reichten einander Unbekannte die Hand, Paare kriegten Lust zu intensiver Beziehungspflege, es wurde nach Herzenslust in die Büsche uriniert.

Verdacht auf Napoleon-Komplex

Nach 16 Jahren, in denen Orbáns Fidesz-Partei mit beinahe nahtloser Verfassungsmehrheit durchregiert hatte, feierten diese Jungen ihre Befreiung aus einer Gefangenschaft. In der Tat ist der Einbruch von Fidesz auf etwa 55 der 199 Mandate nicht bloß ein Machtwechsel, sondern Regime Change: Das politische Ausnahmetier Orbán hat seinen schwächeren Epigonen vorgeführt, dass die Errichtung eines nationalkonservativen Deep Stateauch in Europa möglich ist.

Die Kontrollorgane des Staates sind weit über die Dauer einer Legislaturperiode einzementiert, Key Assets des Staates – sogar der Mineralölkonzern MOL – wurden in den Besitz von Fidesz-nahen Stiftungen und Akademien übertragen. Die Wähler ließen sich überzeugen, dass eine solche Durchdringung nur von einem ehemaligen Fidesz-Baron mit Fidesz-artigem Führermandat aufzudröseln ist. Bei der vermutlich höchsten Wahlbeteiligung seit dem Fall des Sozialismus 1989 gaben sie Péter Magyar eine satte Verfassungsmehrheit von 138 Sitzen.

Ich verfolgte die Wahlnacht auf der Wahlparty von Tisza, auf der Budaer Donaupromenade, mit der golden beleuchteten Kathedrale des beeindruckendsten europäischen Parlaments im Hintergrund. Der Wahlsieger, der sich beim Marsch durch die Massen mit der obligaten Trikolore als überraschend kleingewachsenes Kerlchen mit Verdacht auf Napoleon-Komplex erwies, forderte nach der raschen Gratulation durch Orbán den Rücktritt aller Fidesz-Nominanten.

Wieder mehr Toilettenpapier

Da ich irgendwann nicht mehr raus kam, steckte ich vier Stunden in dem zunehmend euphorisierten Menschenknäuel fest. Viel Mittelschicht, darunter Jugendliche, die sich vielleicht nur einmal im Leben für Politik interessieren. Vor mir köpfte ein Jüngling mit seinen Freundinnen Schampus, neben mir ein älterer Malochertyp mit hartem glatzköpfigen Schädel, der die ganze Zeit nur stand, schaute und schwieg. Nur einmal lachte er eine Sekunde befreit auf – nach der Nationalhymne, als ein aufgeblasenes Zebra, welches an das von Zebras bespielte Schloss der Orbán-Familie erinnerte, im Nachthimmel über Buda verschwand.

Viele Sprechchöre klangen nach Fußball-Länderspiel: „Hia hia Hungaria!“ Häufig der Slogan der Partei, die auf Ungarisch auch „Theiß“ bedeutet: „Die Theiß tritt über die Ufer.“ Immer wieder skandierten sie „dreckige Fidesz“, auch Verwünschungen der „Hure“ Orbán. Dreimal „Russen raus!“ („Ruszkik haza“, wörtlich „Russen nach Hause!“) und einmal „Európa!“.

Angesichts der zunehmend schlechten Verwaltung des Landes kam Fidesz mit rund 38 Prozent noch ganz gut weg. Die unorthodoxe, in der ersten Hälfte des Sechzehn-Jahre-Regimes durchaus auch für Linke studierenswerte Wirtschaftspolitik trug außer einer exorbitanten Inflation kaum Früchte. Die Bereicherung von Orbáns Felcsúter Clan sprengte in Mittelosteuropa akzeptierte Standards, und die systematische Vergewaltigung schutzbefohlener Minderjähriger in staatlichen Kinderheimen ließ die „Kinderschützer“ von Fidesz als verlogene Spießer dastehen.

Die Warnungen, dass Magyar ein so großes Vertrauen nur enttäuschen kann, sind wie immer berechtigt, aber doch schablonenhaft: Orbán hat sich seine Souveränität, die eine kleine osteuropäische Werkbank der deutschen Industrie für Jahre auf Augenhöhe mit Xi und Putin katapultierte, etwas kosten lassen: Etwa die Hälfte der 19 Milliarden Euro, welche die EU-Kommission gesperrt hat, sind wohl dauerhaft verloren. Wie man beim Machtwechsel in Polen sah, dürfte der Rest recht rasch fließen. Für die Versorgung der runtergekommenen staatlichen Spitäler mit Toilettenpapier – neben Kriegsangst bezeichnenderweise eines der brisantesten Wahlkampfthemen – dürfte das reichen.

Ein paarmal hörte man „Orsi“-Rufe

Ein Ergebnis der gestrigen Partynacht ist zweifelsohne, dass die EU so konformistisch wird wie selten zuvor: Mit dem Sturz ihrer Führungsfigur Orbán verliert die drittgrößte Fraktion im EU-Parlament, „Patriots for Europe“, an Strahlkraft, der linksnationalistische slowakische Ministerpräsident Robert Fico steuert spätestens 2027 auf seine Abwahl zu, und der Dritte im widerständigen Visegrád-4-Bunde, Tschechiens Andrej Babiš, ist ein an den Russland-Beziehungen letztlich desinteressierter Opportunist.

Selbst wenn der Favorit der bulgarischen Parlamentswahl am nächsten Sonntag, der als prorussisch beschriebene Ex-Präsident Rumen Radew, eine ukrainekritischere Duftnote setzt, kann er das eingespielte Tandem Orbán-Fico nicht ersetzen. Ohne seinen ungarischen Buddy wird Fico kürzer treten: Ohnehin hebt er in Brüssel immer dann, wenn EU-Förderungen für die Slowakei bedroht sind, folgsam die Hand.

Übrigens brachte die ungarische Wahlnacht auch eine deutsche Siegerin hervor: Es ist nicht dokumentiert, dass der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen jemals irgendwo die Herzen zugeflogen wären. Orbáns scharfe Kampagne gegen Brüssel und gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat aber bewirkt, dass ich letzte Nacht ein paar Mal den Ruf „Orsi!“ vernahm. Das ist der ungarische Kosename für Ursula.