Reederverband fordert: Zum Seedienst statt zum Bund

Die deutschen Reeder schlagen vor, dass in Deutschland ein „Seedienst“ geschaffen wird, als eine Möglichkeit, den neuen Wehrdienst auf Schiffen der deutschen Handelsflotte zu absolvieren. Dadurch könnte eine zivile maritime Reserve aufgebaut werden, die in Krisenzeiten für militärlogistische Dienste eingesetzt werden könnte, oder auch für die Versorgung der Bevölkerung, erklärt Martin Kröger, der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder (VDR). Auch die Waren für den zivilen Bedarf kommen zu 60 Prozent über den Seeweg, bringt Kröger die strategische Relevanz der Schifffahrt in Erinnerung: „Da ist es von zentraler Bedeutung, dass man Leute hat, die wissen, wie man ein Schiff bewegt.“

Der Hintergrund für diesen Vorstoß liegt in einem gewissen Ungleichgewicht in der Schifffahrt. Zwar ist Deutschland mit einer Flotte von gut 1700 Handelsschiffen eine der führenden Schifffahrtsnationen der Welt. Bei Containerschiffen sind die Deutschen gemessen an der Ladekapazität sogar die Nummer 2 (vor China), nur die Schweiz ist mit MSC als größter Containerreederei der Welt noch gewichtiger.

Was das Personal angeht, sind die Dimensionen aber komplett anders. Die Philippinen sind mit großem Abstand das wichtigste Herkunftsland der Seeleute, und zwar in der ganzen Welt. Sie stellen auch den allergrößten Teil der 60.000 Seeleute der deutschen Flotte. Nur 7100 von ihnen sind hierzulande sozialversicherungspflichtig beschäftigt, und wiederum haben davon etwa 4700 einen deutschen Pass.

„Beitrag zur gesamtstaatlichen Resilienz“

Gerade die Regierung der Philippinen sei aber dafür bekannt, dass sie regelmäßig ihre Landsleute aus Krisengebieten in die Heimat zurückbeordern, berichtet Kröger. Crewing-Agenturen, die das missachteten, verlören sofort ihre Zulassung. Auch andere Länder hätten in bisherigen Krisen Restriktionen erlassen. Wiederum sei logisch, dass der deutsche Staat sich in strategisch heiklen Situationen gern auf Personal aus dem eigenen Land, mindestens aber aus der EU-Ländern verlasse, so Kröger.

„Wir brauchen langfristig eine noch größere nationale Personalbasis. In einer echten Krisenlage dürfen wir nicht überrascht dastehen, sondern müssen vorbereitet sein.“ Der Seedienst wäre ein Beitrag zur gesamtstaatlichen Resilienz, so die Überzeugung des Verbandschefs. „Es ist eine Idee, die wir hiermit in den politischen Raum geben.“

Das Konzept des VDR sieht vor, dass junge Leute sich auf freiwilliger Basis und bezahlt von den Reedern während einer Praxisphase von elf bis zwölf Monaten so ausbilden lassen, dass sie in der Lage sind, ein Schiff zu führen. Dieser Seedienst wäre nach der Vorstellung des VDR eine zivile Option im Rahmen des Wehrdienstes – „für alle, die dem Land dienen, aber keine Waffe in die Hand nehmen wollen“, wie Kröger es formuliert.

Sofern es zu einer verbindlichen Wehrpflicht komme, könnte der Seedienst als Ersatzdienst gelten. Zugleich spricht sich der Verband dafür aus, an eine frühere Praxis anzuknüpfen: Bis zur Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 konnten aktive Seeleute vom Wehrdienst zurückgestellt werden, da sie für Versorgung und Transport unverzichtbar waren.

„Es braucht nichts als den politischen Willen“

Ob die Idee des Seedienstes in der Politik und der Bundeswehr auf Widerhall stößt, ist noch unklar. „Es braucht nichts als den politischen Willen“, stellte Kröger klar. Forderungen an den Staat seien damit nicht verbunden. Ein vergleichbares Konzept gebe es im Ausland bisher noch nirgends. Kröger verwies jedoch auf verschiedene Modelle zivil-militärischer Zusammenarbeit in den nordischen Staaten.

Auch hierzulande ist das Bewusstsein gewachsen, dass man sich für mögliche Kriegsszenarien wappnen sollte, nachdem die NATO explizit erwartet, Russland könnte etwa vom Jahre 2029 in der Lage sein, ein NATO-Land anzugreifen. Im Operationsplan Deutschland (OPLAN), den es seit dem Jahr 2024 gibt, sind zahlreiche Szenarien beschrieben, wie Truppentransporte funktionieren könnten und wie gleichzeitig die Versorgung der Bevölkerung und das Funktionieren der Wirtschaft gesichert werden könnte. Vieles davon wird schon konkret mit möglicherweise betroffenen Unternehmen und anderen zivilen Organisationen vereinbart und teilweise erprobt.

Für die Reeder könnte ein staatlich erwünschter Seedienst noch einen wichtigen Nebeneffekt haben: Aufmerksamkeit auf die maritimen Berufe zu lenken. „Der Dienst eröffnet jungen Menschen einen Einstieg in die Schifffahrt. Sie sammeln praktische Erfahrungen an Bord und erwerben Ausbildungsinhalte, die bei einer späteren Entscheidung für eine Ausbildung angerechnet werden könnten.“ So seien für die Laufbahn zum nautischen oder technischen Offizier ohnehin Praxiszeiten von einem oder eineinhalb Jahren die Regel. Für angehende Schifffahrtskaufleute oder auch Schiffsmechaniker ist die Anrechnung der Praxiszeit allerdings nicht geplant.

Das Interesse an einer Ausbildung in der Schifffahrt ist in den vergangenen Jahren ohnehin schon gestiegen. Seit dem Jahre 2023 sei die Zahl der Neueinsteiger auf See um fast ein Drittel auf 537 gestiegen, der höchste Wert seit dem Jahre 2012. Dazu dürfte die gute Bezahlung ihren Beitrag leisten: Nur Fluglotsen erhalten während ihrer Ausbildungszeit eine höhere Vergütung.