Rechtsruck im Klassenzimmer: Wenn Jugendliche hinauf dem Sportplatz „Sieg Heil“ rufen
Hitlergruß auf dem Pausenhof, naziverherrlichende Bilder in Klassenchats, aber auch körperliche Übergriffe sind an deutschen Schulen längst keine Einzelfälle mehr. Die Erhebungen variieren zwar nach Bundesland – der Trend bleibt derselbe. Jahr für Jahr steigt die Zahl der gemeldeten rechtsextremen Vorfälle.
Welche konkreten Situationen und Momente sich hinter den einzelnen Statistiken verbergen, wissen Laura Nickel und Max Teske. Im Frühjahr 2023 verfassten die beiden Lehrkräfte einen öffentlichen Brandbrief, in dem sie vom Alltag an ihrer Schule in Südbrandenburg berichteten. Täglich seien sie damit beschäftigt, „Schüler vor psychischer und physisch rechter Gewalt zu schützen“. Ihre Aufgabe, „demokratische Grundwerte zu vermitteln“, habe sich zu einem „Spießrutenlauf“ entwickelt; sie fürchteten um ihre Sicherheit. Der Brief sorgte für Aufsehen und stieß eine bundesweite Debatte an.
Für ihr Engagement erhielten Nickel und Teske den „German Dream“-Award und gründeten das Bündnis „Schule für mehr Demokratie“. Nun haben sie gemeinsam ein Buch geschrieben. In „Rechtsruck im Klassenzimmer. Wie neurechte Ideologien die Schulen durchsetzen und unsere Kinder bedrohen“ betten sie ihre persönlichen Erfahrungen in einen größeren Kontext ein – ein eher missglückter Versuch.

Dabei haben Nickel und Teske durchaus etwas zu sagen. Als sie an einer Grund- und Oberschule in Burg im Spreewald anfangen zu arbeiten, bemerken sie unabhängig voneinander rassistische, antisemitische und queerfeindliche Kommentare auf den Schulfluren. Sie beobachten Jugendliche, die auf dem Sportplatz „Sieg Heil“ rufen, „als wäre es ein harmloser Scherz unter Freunden“. Im Kollegium finden sie keinen Rückhalt: Viele ignorieren die rechten Tendenzen innerhalb der Schülerschaft – oder befürworten sie gar.
Nach vergeblichen internen Hilferufen entscheiden sich Teske und Nickel für den Brandbrief. Sie verschicken ihn anonym an die Presse, doch nach der Veröffentlichung wird ihre Identität schnell bekannt. Bundesweite Solidaritätsbekundungen stehen im Kontrast zu den Anfeindungen, die sie fortan vor Ort erleben. Für viele Eltern und Kollegen gelten sie als „Nestbeschmutzer“. Die Angriffe gehen so weit, dass beide inzwischen in anderen Städten leben und arbeiten.
Analysen bleiben an der Oberfläche
„Rechtsruck im Klassenzimmer“ will mehr sein als ein persönlicher Bericht. Es ist zugleich ein Erklärungsversuch, wie sich rechtes Gedankengut unter Kindern und Jugendlichen verbreitet – und wie man dem begegnen könnte. Leider enthält das Buch sehr viele Wiederholungen, und ständig klingeln die Alarmglocken. Fast jedes der 14 Kapitel mündet in einen Appell an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, während Analysen und Denkanstöße an der Oberfläche bleiben.

Nickel und Teske liegen nie falsch. Sie beschreiben die Attraktivität rechter Gruppen, die in abgehängten Gegenden nicht nur rar gesäte Freizeitaktivitäten anbieten, sondern mit Ausländern und queeren Menschen auch passende Sündenböcke für komplexe Probleme liefern. Verstärkt wird diese Dynamik durch rechte Influencer in sozialen Netzwerken, die Desinformationen verbreiten, sowie durch die sogenannte Manosphere, also Onlineforen, in denen toxische Männlichkeit als erstrebenswert propagiert wird.
In der Schule können Lehrkräfte diese Entwicklung kaum auffangen. Überlastung, Fachkräftemangel und eine unzureichende Finanzierung verschärfen die Lage. Doch Nickel und Teske streifen diese strukturellen Defizite nur, statt sie konsequent auszuleuchten. Mehr Raum nehmen konkrete Ratschläge für Lehrkräfte ein. Social-Media-Videos sollten im Unterricht analysiert werden, um ihre manipulativen oder falschen Botschaften offenzulegen. Und um demokratische Werte zu stärken, sollten Lehrer die Schüler stärker in demokratische Prozesse miteinbinden – etwa durch Klassensprecherwahlen oder eine gemeinsame erarbeitete Klassenverfassung. Richtig ist das alles. Nur reicht es auch?
Denn was ist, wenn das rechte Gedankengut bereits so verfestigt ist, dass die Jugendlichen über jede Intervention nur noch lachen? Was, wenn nicht nur die Eltern, sondern auch Teile des Kollegiums rechte Parolen gar nicht so schlimm finden? Gerade hier wäre es spannend gewesen, genauer nachzufragen, auch weil Nickel und Teske diese Dynamik selbst erlebt haben.
Denn das Buch ist am überzeugendsten dort, wo sie von ihren Erfahrungen erzählen. Etwa, als sie einem Jungen begegnen, der auf Instagram zur Jagd auf die beiden aufrief. Die Polizei ermittelte und schlug ein Treffen vor. Doch sitzen sie dann nicht einem verschüchterten Schüler, sondern einem selbstbewussten Jugendlichen gegenüber, dessen Reue sie anzweifeln. Solche Momente sind eindringlich erzählt. Sie verlieren aber an Wucht, weil Nickel und Teske mit ihrer Mischung aus persönlichem Bericht, gesellschaftlicher Diagnose und pädagogischem Ratgeber zu viel auf einmal wollen. So liest sich „Rechtsruck im Klassenzimmer“ wie ein zu lang geratener Brandbrief.
Laura Nickel, Max Teske, „Rechtsruck im Klassenzimmer. Wie neurechte Ideologien die Schulen durchsetzen und unsere Kinder bedrohen“. Heyne Taschenbuch, 224 Seiten, 16 Euro.
Source: faz.net