Rechtsmarkt im Wandel: Zeitenwende pro die US-Kanzleien

Der US-Rechtsmarkt steckt mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Nach Jahren kontinuierlichen Wachstums warnen Forscher der Georgetown University und des Thomson Reuters Institute in ihrem Branchenbericht gar vor einem Branchenbeben. Sie schreiben von einem „tektonischen Moment“: Kostendruck der Mandanten, eine geringere Nachfrage nach Rechtsberatung in wichtigen Geschäftsfeldern sowie die zunehmende Konsolidierung könnten die bisher dezentrale Kanzleilandschaft in den USA verändern. Die Auswirkungen werden wohl auch die deutschen Ableger der amerikanischen Großkanzleien treffen.
Über Jahre hatten die Sozietäten in den Vereinigten Staaten, dem größten Rechtsmarkt der Welt, stetig wachsende Umsätze und Gewinne erwirtschaftet. 2025 legten sie im Marktdurchschnitt um 13 Prozent zu. Die Stundensätze von Wirtschaftsanwälten stiegen um 7,3 Prozent – ein Tempo, das es seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr gab.
Doch der „State of the US Legal Market“-Jahresbericht der Georgetown University und des Thomson Reuters Institute deutet darauf hin, dass sich 2026 wohl einiges ändern wird. Die Studienautoren schreiben, dass wirtschaftliche Unsicherheiten und technologische Umbrüche eine Art Bruchlinie in der Branche verursachten. Darüber hinaus änderte sich die Nachfrage vieler Mandanten.
Größe und Prestige verlieren an Bedeutung
Das habe Folgen für die Kanzleien. Während einige Häuser sich bereits gut auf die Veränderungen eingestellt hätten, ständen viele andere auf schwankendem Boden. Traditionelle Maßstäbe wie Größe, Marktposition oder Prestige verlieren zunehmend an Bedeutung. Dagegen gewinnen bislang zweitrangige Faktoren deutlich an Gewicht: Dazu zählen die fachliche Tiefe einer Kanzlei, eine anpassungsfähige Kostenstruktur und der effiziente Einsatz neuer Technologie wie etwa der Systeme der Künstlichen Intelligenz (KI). Das wichtigste Ziel sei es, den zunehmend unter Druck stehenden Kunden einen schnellen und hohen Mehrwert zu bieten.
Für ihre Analyse haben die Forscher Daten von 184 Wirtschaftskanzleien aus verschiedenen Marktsegmenten in den USA ausgewertet. Darunter waren deren Umsätze, deren Stundensätze, die Auslastungen der Fachbereiche sowie die Ausgaben für Personal und Informationstechnik. Diese Daten wurden mit Rückmeldungen aus 2500 Rechts- und Einkaufsabteilungen von Unternehmen in aller Welt abgeglichen.
Aufgrund der starken Präsenz von US-Kanzleien in Europa wird der Branchenbericht von Kanzleimanagern und Beratern in Deutschland mit einigem Interesse gelesen. Auch wenn sich die Anwaltsbranche in den Krisen der jüngeren Vergangenheit als sehr robust erwiesen hat, zeichnen die Autoren nun ein eher düsteres Bild von der näheren Zukunft. Demnach seien die jüngsten Umsatzrekorde vieler Sozietäten nicht auf eine gesunde Wirtschaft zurückzuführen, sondern auf die von der Trump-Regierung ausgelösten Verwerfungen.
Umstieg auf günstigere Mittelstandskanzleien
Wie aktuelle Daten von Thomson Reuters bestätigen, sorgten Handelskonflikte, regulatorische Umwälzungen und geopolitische Spannungen derzeit in vielen US-Industrien sowie im Finanzsektor für große Unsicherheiten. Damit gehe ein deutlicher Anstieg der Nachfrage an Dienstleistungen der Rechtsbranche einher. Im zweiten Halbjahr erhielten mittelgroße Kanzleien im Durchschnitt fünf Prozent mehr zusätzliche Aufträge, da sie ihre Dienstleistungen teilweise bis zu 40 Prozent günstiger anboten als Großkanzleien an der Wall Street oder in Chicago. Viele Unternehmen reagierten bei stagnierenden Kostenbudgets ihrer eigenen Rechtsabteilungen, indem sie auf die günstigeren Mittelstandskanzleien umstiegen.
Doch die Wirtschaftskanzleien wollen durch die Bank weg wachsen, sei es durch die Beratung lukrativer, aber komplizierter Großmandate oder indem sie höhere Stundensätze verlangen. Nahezu alle im Report untersuchten Einrichtungen, darunter 50 der größten Wirtschaftskanzleien in Amerika, gaben im vergangenen Jahr erheblich mehr aus als noch im Jahr zuvor. Dabei standen Technologie und das sogenannte Wissensmanagement ganz oben auf der Agenda. Die Ausgaben für diese Posten stiegen zehn Prozent. Zudem verdienten angestellte Anwälte im Schnitt 8,2 Prozent mehr, was Folgen für die deutschen Ableger der US-Kanzleien hat.
Zielkonflikt bei Künstlicher Intelligenz
KI-Systeme werden mittlerweile vor allem in größeren Sozietäten angewandt. Laut Studie arbeiten Kanzleien mit juristisch spezialisierten Abteilungen und klaren KI-Strategien effizienter als traditionell breit und weniger technikorientiert aufgestellte Anwaltsbüros.
Zugleich weisen die Autoren auf einen Zielkonflikt hin: Trotz der hohen Investitionen in KI werden 90 Prozent aller Erlöse nach wie vor durch abrechenbare Stunden erwirtschaftet. Nun aber setzen Kanzleien mit KI auf eine Technologie, die in Minuten erledigt, was sonst Stunden dauerte. Dennoch bestehen die Sozietäten auf hohe Stundenhonorare. Die können schnell tausend Dollar oder mehr betragen. „Dies funktioniert nur, wenn die Kanzleien Preiserhöhungen aushandeln können, die hoch genug sind, um die Effizienzgewinne auszugleichen“, schreiben die Studienautoren. Viele Unternehmen aber sind begeistert davon, dass die KI-getriebenen Produktivitätsgewinne sich bei ihnen nicht widerspiegelten, sondern größtenteils nur zu höheren Umsätzen der engagierten Anwälte führten.
Rückmeldungen aus den Kanzleien verdeutlichen eine Pattsituation: US-Anwälte beklagen, dass Rechtsabteilungen einerseits maßgeschneiderte, innovative Abrechnungslösungen erwarten, andererseits aber nach wie vor alles anhand von Stundensätzen bewerten. Das führt zu Verstimmungen zwischen den Parteien – und die lassen sich belegen: Der von Thomson Reuters ermittelte Langzeitindex für geplante Ausgaben von Rechts- und Compliance-Abteilungen für externe Anwälte steht auf dem niedrigsten Stand seit sechs Jahren. Gleichzeitig gaben 90 Prozent der für die diesjährige Studie befragten Chefjuristen an, dass der ihnen auferlegte Sparkurs sie daran hindere, die von der Unternehmensführung ausgegebenen strategischen Ziele zu erreichen.
Daher prognostiziert der Branchenreport von der Mitte des Jahres 2026 an einen deutlichen Auftragsrückgang für Wirtschaftskanzleien. Dies werde vielerorts zu ersten Umsatzdellen führen. Damit dürfte sich die Konsolidierung der Branche beschleunigen. Das auf solche Kanzleifusionen spezialisierte Beratungsunternehmen Fairfax geht für 2026 von mehr Übernahmen oder Fusionen aus. Unter Druck geraten vor allem Kanzleien, die weder die Größe und Reputation der Marktführer noch die Kostenvorteile der Mittelstandssozietäten bieten können. Für den deutschen Markt bedeutet das: Die hiesigen Ableger amerikanischer Kanzleien könnten die Entwicklungen, sowohl bei den Gehältern als auch beim Strukturwandel, mit Verzögerung nachvollziehen.