Reality-TV: Beim Fernsehen ist mir nichts peinlich
Meine Liebe zum Schrottfernsehen begann rein zufällig, Mitte der 2000er-Jahre. Damals saß ich nach der Schule fast jeden Nachmittag zusammen mit meinem tschechischen Kindermädchen im Wohnzimmer, auf dem Bildschirm vor uns eine Frau in Richterrobe, besessen von der Wahrheit. Außerdem: nekrophile Bestatter, rachsüchtige Ehefrauen, vergewaltigende Lkw-Fahrer. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es sich um echte Verbrecher handelte, fühlte mit den Opfern, manchmal auch mit den Tätern und wurde bald süchtig nach all den bedrückenden Schicksalen, die in meinem eigenen Leben nicht vorkamen. Mein Kindermädchen ließ mir meine Fantasie. Sie klärte mich nicht darüber auf, dass die Angeklagten und Zeugen in Wahrheit Laiendarsteller waren. Wir sprachen bei unserem täglichen Treffen im Wohnzimmer überhaupt nicht miteinander. Wahrscheinlich, weil sie ahnte, dass meine Mutter ihrer siebenjährigen Tochter niemals erlaubt hätte, Richterin Barbara Salesch auf Sat.1 zu gucken.