Rauf, runter | Trump, Psychothriller und Kultrock: 10 Fakten zur Treppe
A
wie Aufstieg
Der Aufstieg (→ Lebensverlängernd) in den Himmel über eine Treppe gehört zu den ältesten Fantasmen des Menschengeschlechts. Bereits dem biblischen Patriarchen Jakob erschien eine derartige Himmelstreppe im Traum. Aber wer denkt noch ans Buch Genesis, seit es den 1971 erschienenen Song Stairway to Heaven von Led Zeppelin gibt, der als eines der besten Popmusikstücke aller Zeiten gilt. Zumindest unter alten weißen Männern.
Der auf die Sekunde genau acht Minuten lange Track glänzt durch den mystifizierenden Text von Sänger Robert Plant, in dem es wohl verrätselt um das Vordringen in einen spirituellen Raum geht. „There’s a feeling I get / when I look to the West / And my spirit is crying for leaving.“ Jimmy Pages Gitarrensolo in dem Song wurde in diesem August in einer Umfrage des Classic Rock Magazine zum besten aller Zeiten gewählt. Kein Zweifel aber, dass die dreiteilige Komposition die Band in Bestform zeigt: Folk, Progressive und Hardrock verbinden sich zu einer faszinierenden Klangreise. Uwe Schütte
B
wie Brandenburger Tor
Das Lebenswerk des Gurus der postmodernen Architektur Robert Venturi (Learning from Las Vegas, 1972) gründet auf seiner Sympathie für die unbekümmerten Architekturvorstellungen von Geflügelfarmern bei New York City und Casinobetreibern in Las Vegas. 1990 reichte er im Berlin der Mauerfall-Euphorie einen Entwurf als Beitrag zu einem Wettbewerb ein, der das Überspannen des Brandenburger Tors mit einem „Brandenburger Treppe“ genannten gewaltigen Konstrukt vorsah.
Die Architektur teilte Venturi in „Enten“ und „dekorierte Schuppen“ ein. Und der Bau hätte sich über das Tor wie eine riesige Ente über ein Ei in ihrem Nest gesetzt. Mit Treppen hatte es Architekt Venturi. In dem Haus, das er seiner Mutter Vanna 1964 gebaut hat, existierte eine Treppe, die nicht in die nächste Etage, sondern gegen eine Wand führte. Michael Suckow
D
wie DIN 18065
In Deutschland braucht es für alles Regeln und Normen, so auch für Treppen. Die erste Stufe einer Treppe sollte nach Möglichkeit nicht wackeln. Unter Jugendlichen ist das Meme äußerst beliebt, in dem sich eine junge Frau darüber beschwert, dass die Treppe nicht genormt sei. Wer kann das nicht nachvollziehen? Die Stufen sind sehr lang oder kürzer als der eigene Fuß oder gehen sehr steil nach oben. In den 1950ern wuchsen Neubauten wie Pilze aus dem Boden, jede Treppe hatte andere Maße, jede Stufe wurde zum Risiko. Architekten, Ingenieure und Sicherheitsbeamte trafen sich, maßen, rechneten, stritten.
Die Faustformel „2 × Steigung + Auftritt ≈ menschlicher Schritt“ setzte sich schließlich durch. Heraus kam die DIN 18065: Sie bestimmt, wie hoch, wie tief und wie breit Stufen sein müssen – samt Geländer und Podest. Eine Norm, die aus Alltagserfahrung, Statistik und Disput geboren wurde – damit wir heute relaxed Treppen steigen können, ohne ständig über die Stufenhöhe stolpern zu müssen. Jens Siebers
J
wie Jugendbuch
Lange ist es her, da hießen die Lektüren für die Mittelstufe Der Schimmelreiter (Theodor Storm)oder Die schwarze Galeere (Wilhelm Raabe). Doch die Zeiten, als Pubertierende mit klassischer Novellenkunst konfrontiert wurden, sind Geschichte. An westdeutschen Schulen setzte man spätestens seit den 1980er Jahren auf Sozialkritik und Betroffenheit. Also wurde im Deutschunterricht gerne das Schicksal eines 13-Jährigen verhandelt, der, von seiner alleinerziehenden Mutter vernachlässigt, zwangsläufig straffällig wird und im Heim landet.
Rolltreppe abwärts hieß der Jugendbuchklassiker von Hans-Georg Noack (1926 – 2005), der seit seinem Erscheinen im Jahr 1970 unzählige Auflagen erlebte. Heute wird lieber Wolfgang Herrndorfs muntere Ausreißerstory Tschick gelesen. Was natürlich in keinster Weise zu bedauern ist. Joachim Feldmann
L
wie Lebensverlängernd
Vor meinem ersten Semester an der Universität in Erlangen suchte ich ein Zimmer. Damals ging man noch nicht ins Studierendenwerk. Es hieß Studentenwerk. Eine freundliche Dame wachte über ein Buch, in dem freie Zimmer eingetragen waren. Die vermieteten wurden durchgestrichen. Ich schrieb mir zu fünf Zimmern Telefonnummern auf, telefonierte aus der Telefonzelle und verabredete mich.
Ein Zimmer war im Langen Johann, dem damals höchsten Wohnhaus. Im 22. Stock. Die WG war nett, das Zimmer okay, der Ausblick fantastisch. „Manchmal ist der Aufzug kaputt“, sagte wer. „Kommt gar nicht so selten vor.“ Ich dankte und zog kurz darauf in ein WG-Zimmer im Hochparterre. „Jede Treppe verlängert Ihr Leben“, pflegt meine Mutter zu sagen. Es liegt, wenn ich daran denke, nicht an den Treppen, die ich nicht gestiegen bin (→ DIN 18065), dass ich mir alt vorkomme. Trotzdem frage ich mich immer noch manchmal: Hätte ich damals nicht doch in den Langen Johann ziehen sollen? Beate Tröger
M
wie Marcel Duchamp
Die Band F.S.K. hat ein Album nach diesem Kunstwerk benannt: Akt, eine Treppe hinabsteigend von Marcel Duchamp. Und so wie F.S.K. ohne Zitate und Verweise nicht auskommt, so ist die Duchamp-Ikone selbst Zitat-Kunst. Nu descendant un escalier no. 2, dieses Gemälde aus dem Jahr 1912, Schlüsselwerk der Avantgarde in Ocker- und Brauntönen, zeigt den Bewegungsablauf in vielen, übereinandergeschichteten Einzelbildern. Ist es ein Frauenkörper, der da hinabsteigt?
Die Vorbilder dieses Werkes sind zahlreich, vor allem sind es die Errungenschaften fotografischer Bewegungsstudien. Eadweard Muybridge hatte 1887 die Serie Woman Walking Downstairs fotografiert – Duchamp knüpft hier an, um, wie er sagte, die „Idee von Bewegung“ selbst wiederzugeben. Ob die Treppe real ist – oder die Person, das sei für ihn gar nicht entscheidend, so Duchamp. Marc Peschke
R
wie Rolltreppe
Die längste Rolltreppe, an die ich mich erinnern kann, war in einem Moskauer U-Bahnhof, sie schien nie aufzuhören. Im UN-Hauptquartier in Manhattan ist sie wohl eher Mittel zum Zweck, da muss es schnell gehen, „up&down“. Zuletzt leistete eine Rolltreppe Widerstand, genau in dem Moment, als es für Donald Trump aufwärts gehen sollte. Sie blieb einfach stehen. Trump musste samt Melania die Treppen selbst erklimmen. Sabotage? Oder ein Sicherheitsstopp? Jedenfalls sollten die Verantwortlichen für das „Escalatorgate“ sofort verhaftet werden.
Rolltreppen dienen oft als Metapher. Der stille Fluss des Lebens, hoch und runter. Im Amerikanischen ist Up the Down Staircase ein geflügeltes Wort, was etwa bedeutet: Die Treppe hinauf, die hinabführt. Springer-Chef Mathias Döpfner hat es mal auf sein größtes Boulevardblatt und dessen Umgang mit Prominenten gemünzt: „Wer mit der Bild-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Ist gar nicht immer schlecht, wenn der Aufzug (Rolltreppe) auch mal stecken bleibt (→ Treppenwitz). Maxi Leinkauf
T
wie Treppenwitz
Kennen Sie das auch? Sie sind bei Freunden eingeladen, zum Essen wird angeregt diskutiert, irgendwann ist es Zeit zu gehen. Und gerade, als sich die Wohnungstür hinter Ihnen schließt und Sie die Treppe hinuntergehen, fällt Ihnen eine geistreiche Bemerkung zum eben Gesagten ein. Kein Scherz: Das ist die eigentliche Bedeutung vom „Treppenwitz“. Der Begriff kam in Deutschland im 19. Jahrhundert auf und meinte keinen Joke, sondern eine gewitzte Bemerkung, einen klugen Gedanken – der einem leider zu spät einfällt.
In Der Treppenwitz der Weltgeschichte versammelte William Lewis Hertslet folglich historische Ereignisse, die im Nachhinein, quasi von der Treppe aus, mit Anekdoten ausgeschmückt wurden. Heute meint ein historischer Treppenwitz (→ Rolltreppe) hingegen eine Entwicklung, die rückblickend ironisch wirkt. Ben Mendelson
W
wie Wendeltreppe
Das Unheil lauert im Keller. Trotzdem ist es unvermeidlich, dass das potenzielle Opfer die Treppe hinabsteigt. In diesem Moment verlöscht das Licht. Und ein schrecklicher Schrei ertönt. Wie oft haben wir diese Szenen gesehen, sei es im Horrorfilm oder im sonntäglichen Tatort. Ein Wunder, dass der Trick trotzdem immer wieder funktioniert. Sogar, wenn die Szene bekannt ist. Wer daran zweifelt, schaue sich den amerikanischen Psychothriller Die Wendeltreppe aus dem Jahr 1946 an, in dem ein Serienkiller es auf Menschen mit Behinderungen abgesehen hat. Am besten allein, während es draußen dämmert.Auch Regisseur Robert Siodmak setzte auf Natureffekte und lässt ein Gewitter wüten, während drinnen, am Fuß der Wendeltreppe, der Mörder zuschlägt. Der Schock bleibt im Gedächtnis, auch wenn der gruselige Film um ein gutes Ende bemüht ist. Das ist wahre Nachhaltigkeit. Schon deshalb leuchtet es ein, dass die in Frankfurt ansässige, älteste Krimibuchhandlung (→ Jugendbuch) in Europa, die 1989 aufgemacht hat, seit jeher „Die Wendeltreppe“ heißt. JF
Z
wie Zitate
Beim Freitag gibt es eine grafische Konvention in der Printzeitung. Die Zitate (Einblocker in den Texten in größerer fetter Schrift) und einspaltige Teaser müssen flattern. Es sind keine Treppen und keine Blocksatz-anmutenden-Zeilenverläufe erlaubt. Frei nach dem Schema A-B-A-B – auf kurze Zeile folgt lange Zeile. Das führt oft dazu, dass der/die Redakteur:in viel Zeit damit verbringt, eine passende Textpassage zu finden.
Mit akribischem Auge werden die Seiten vor Druckfreigabe vom Art Department kontrolliert, sodass sich kein Zitat einschleicht, welches nicht dem Freitag-Standard entspricht. Der ganze Aufwand hat sich in den vergangenen Jahren gelohnt, auch wenn er vielleicht nur einen kleinen Baustein zu den mehrfachen Auszeichnungen des Freitag – wie zum Beispiel „European Newspaper of the Year“ – beigetragen hat. Marco Rüscher