Ratschläge zu Silvester: Ist dies nicht ungesund?

Wetterfühlig

Gesund ist das nicht. Der Sonne zum Beispiel traue ich nicht mehr über den Weg. Das wird ein „kleines Zwischenhoch“ sein, eine thermische Ausbuchtung, die nächste Regenfront im Anmarsch. Und seit Özden Terli im ZDF mit freundlicher Mainzelmännchenstimme die „Superzellen“ erklärt hat, wittere ich sie hinter jedem Wölkchen. Behauptet hingegen Wetter Online oder eine andere App (ich ziehe immer die mit den besten Aussichten vor), dass es draußen genau jetzt heiter ist, spaziere ich unbekümmert mit dem T-Shirt in den Kölner Sprühregen. Gesund mag es nicht sein, aber mein Guilty Pleasure: Wetternachrichten. Zusammengenommen füllen sie längst mehr Sendezeit als die Kulturberichterstattung.

Und zu Recht! Nichts lässt uns schließlich mehr entspannen, als der Blick auf eine Isobarenkarte, auf völlig irrelevante Strömungsfilme, auf ulkige Omegalagen, ferne Nebelobergrenzen und den herrlich unverständlichen Übergang von El Niño zu La Niña oder zurück. Wenn man „ARD-Wetterkompetenzzentrum“ nur hört, ist Sommer im Hirn. Fünf Minuten Pause von Hass, Wirtschaftsflaute und Krieg, nichts als kommunikativer Sprühregen. Dafür sitzt dieses Zentrum auch in Frankfurt am Main, wo es gar kein Wetter gibt, bloß mitteldeutsches Grau.

Auch er gehört zum Setz der Unentbehrlichen: der Wettermoderator Sven Plöger.
Auch er gehört zum Setz der Unentbehrlichen: der Wettermoderator Sven Plöger.dpa

Würden die Kleinerts und Plögers nur 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche durchsenden, es gäbe kein Arg mehr in der Welt. Gut, den Klimawandel gäbe es immer noch, aber der interessiert ja nicht einmal mehr Greta Thunberg. Und über die rituellen Hitzerekordmeldungen „im langjährigen Mittel“ lässt sich prima hinwegdösen, es folgt ja immer gleich der aktuelle Strömungsfilm. Kurz: Mehr Wetter bitte, gern alle zehn Minuten! Was der Gen Z ihr Lachgas, ist für uns Prämillenials der unkaputtbar gut gelaunte Meteorologen-Dadaismus. (Oliver Jungen)

Aufgespritzt

Die Beautyinfluencer und Geschäftsmänner „Dr. Rick & Dr. Nick“ sind die Raubtierkapitalisten auf dem Schönheitsmarkt. Sie tragen lächerlich enge Hemden, grinsen permanent in die Kamera und verdienen ihr Geld durch das Spritzen von Botox und Fillern in meist sehr junge Gesichter. Ach ja, „Lachssperma“ spritzen Henrik Heüveldop („Dr. Rick“) und Dominik Bettray („Dr. Nick“) ebenfalls, damit die Haut unter den Augen weniger Fältchen wirft. Ihre Social-Media-Videos sind an Selbstverliebtheit kaum zu überbieten.

Leider finden sich immer wieder Frauen, die dieses Vermarktungsspiel mitspielen, sich im Behandlungsstuhl filmen lassen und auf schlüpfrige Anspielungen eingehen – oder selber Steilvorlagen liefern: „Warum ist das so hart? Das ist voll geil.“

Stünden „Dr. Rick & Dr. Nick“ in irgendeinem Friseursalon und färbten Haare, man könnte über die beiden herzlich lachen. Nur spritzen sie eben Botox und Hyaluronsäure und suggerieren ihren Kundinnen und Social-Media-Followern, dass ein vermeintlich schöneres, aufgepolstertes Kinn ohne Nebenwirkungen zu haben ist. Nur weiß man inzwischen, dass sich Hyaluronsäure nicht vollständig abbaut oder gar wandern kann, wenn sie schlecht gespritzt wurde – aber hey, damit haben die Beauty-Docs dann nichts mehr zu tun. Sie zählen nämlich schon ihr Geld. (Melanie Mühl)

Angstgetrieben

„Zehn Kilo in zwei Wochen abnehmen“. „Easy tricks that will change how you feel forever“. „Diese dreizehn Produkte musst du bei Rossmann mitnehmen“. „What I eat in a day: high protein, hungry & disciplined“. Mit solchen Titeln bewerben Food- und Medizininfluencer ihre Videos. Je undifferenzierter und provokanter, desto besser, denn Algorithmen belohnen nicht Sätze wie: „Eine Studie zeigt, dass das Polyphenol Oleocan­thal entzündungshemmende Eigenschaften hat, die aber kaum der Rede wert sind.“ Ernährungsideologien brauchen Panik, Heilsversprechen und Pauschalurteile.

So liest man in den sozialen Medien häufig, Kohlenhydrate und Samenöle seien gesundheitsgefährdend. Mit der Datenlage hat das nichts zu tun, mit Klickerzeugungskompetenz dafür eine Menge. Der Kaufmännischen Krankenkasse zufolge haben Essstörungen bei zwölf- bis siebzehnjährigen Mädchen von 2019 bis 2023 bundesweit um knapp 50 Prozent zugenommen. Ein Grund dafür seien Selbstoptimierungstrends auf Social Media.

Da haben ahnungslose Influencer nichts zu melden: Der Sänger Frank Zander serviert während seiner 31. Weihnachtsfeier, die er in Berlin für Obdachlose und Bedürftige organisiert, im Estrel Hotel Essen.
Da haben ahnungslose Influencer nichts zu melden: Der Sänger Frank Zander serviert während seiner 31. Weihnachtsfeier, die er in Berlin für Obdachlose und Bedürftige organisiert, im Estrel Hotel Essen.dpa

Spezialisten wie der Ernährungsmediziner und F.A.Z.-Kolumnist Andreas Michalsen, der britische Epidemiologe Tim Spector, dessen Kollegin Sarah Berry oder Martin Smollich und Matthias Riedl weisen immer wieder auf die Gefahren hin, die von Meinungsmachern im Netz ausgehen. Letzterer lieferte sich eine Auseinandersetzung mit einem Fitnessinfluencer, der, so schrieb Riedl im Juli auf Instagram, „offenbar große Angst davor hat, wenn jemand sachlich über gesunde Ernährung aufklärt“. Das ist der Punkt: Sagen Ärzte oder Wissenschaftler, was der Fall ist, bedrohen sie das Geschäft jener Leute, die mit Werbung, Produktpaletten und Informations-Fast-Food nicht uns unterrichten, sondern sich bereichern wollen. (Kai Spanke)

Populistisch

Bei der Bundestagswahl im Februar stimmten junge Wähler unter 25 Jahren vor allem für die Linke und die AfD. Das hat maßgeblich mit den sozialen Medien zu tun. Dabei, das Weltgeschehen in kurzen Tiktok-Videos zu kommentieren, punkten nämlich besonders Populisten und Extremisten. Deren Inhalte werden bekanntlich von den Algorithmen befördert und bieten vermeintlich einfache Antworten auf die vielen Herausforderungen der Gegenwart.

Auch Politikinfluencer wie Simon David Dreßler, selbst ernannter „progressiver Populist“, haben Konjunktur. Sein Beitrag zur Wehrpflichtdebatte lautete: „Bist du cool oder lässt du dir von ‚deinem‘ Staat sagen, dass du auf Leute mit einem anderen Pass zu schießen hast?“

Dreßler schaffte es Anfang Dezember damit gar in die dritte Folge der neuen Sendung „Keine Talkshow“ mit Jan Fleischhauer im ZDF. Derlei Kulturkampf bildete denn auch einen der Tiefpunkte des deutschen Fernsehens 2025. Alle Populisten vereint, dass sie vorgeben, für die Mehrheit zu sprechen, und ­allein auf Emotionen statt auf Ar­gumente setzen.

Aber das ist auch ihre Achillesferse. So können vernünftige Inhalte im Vergleich zu den Stammtisch-Plattitüden besonders glänzen. Der „Newsfluencer“ Fabian Grischkat zum Beispiel enttarnt auf Instagram auf so unterhaltsame wie kluge Weise Populisten jeder Couleur. Auf dass das neue Jahr mehr Rationalität in die Social-Media-Feeds bringe. (Yelizaveta Landenberger)

Traumwandelnd

Der amerikanische Präsident ist ein intelligenter Mann mit tief verwurzelten Überzeugungen und einem moralischen Kompass. Seine Mitarbeiter sind politisch versiert und gebildet, und sie stutzen dem Chef regelmäßig das Ego. Die Welt ringsherum ist gefährlich und ungerecht, aber mit etwas Chuzpe und kluger Diplomatie ist dem zumeist beizukommen.

Ein schöner Traum, ja, aber Aaron Sorkin hat ihn in seiner Serie „The West Wing“ als Utopie voller kantiger Figuren mit guten Absichten ausgemalt, darunter Präsident Bartlet (Martin Sheen), sein scharfzüngiger Stabschef Leo McGarry (John Spencer), die resolute Pressesprecherin C. J. Cregg (Allison Janney) und der melancholische Kommunikationsdirektor Toby Ziegler (Richard Schiff). Sie streiten, taktieren, verhandeln und meistern so internationale Krisen und heimische Politik.

Schön wär's: Allison Jannay, Richard Schiff, John Spencer und Martin Sheen (als Präsident Josiah „Jed“ Bartlet, von links) in „The West Wing“.
Schön wär’s: Allison Jannay, Richard Schiff, John Spencer und Martin Sheen (als Präsident Josiah „Jed“ Bartlet, von links) in „The West Wing“.Picture Alliance

Klar ist das übertrieben idealistisch. Aber angesichts der Shitshow, die sich in der echten amerikanischen Politik, einer Arena voller offen inkompetenter, niederträchtiger, machtgeiler und korrupter Figuren, abspielt, braucht es etwas comfort food, ein Stückchen Sahnetorte gegen die bitteren Brocken, die man beinahe jeden Tag hingeworfen bekommt. Deshalb gebe ich mich beim Bingewatching aller sieben Staffeln der Illusion hin, dass bei CNN eine düstere Satire von Jesse Armstrong („Succession“) läuft und im Weißen Haus Jed Bartlet die Zügel in der Hand hat. Gesund mag das nicht sein, aber es hilft, die wahre Welt zu ertragen – und sich daran zu erinnern, dass alle Dinge temporär sind. (Nina Rehfeld)

Handyfrei

Es gibt Menschen, die kein Smartphone haben. Das weiß ich, weil ich selbst einer von ihnen bin. In der Bahn erkennen wir uns sofort. Wir starren nicht auf ein Gerät. Stattdessen schauen wir nach draußen oder lesen ein Buch.

Ich besitze seit Jahrzehnten nur ein Dumbphone. Das ist ein internetfreies Mobiltelefon, auf dem man mich nur telefonisch oder per SMS erreichen kann. Whatsapp und ähnliche Dienste nutze ich ebenso wenig wie soziale Medien. Man findet mich nicht bei Linkedin. Nachdem ich viele Jahre lang für diese Lebensweise beäugt wurde, galt ich jüngst beim Gang über die „Future of Festivals“-Messe in Berlin als hip. Klapphandys ohne Internet sind wieder in, hörte ich. Auch diesen Trend hatte ich verschlafen, weil ich Trends ohne Smartphone kaum folgen kann.

Braucht man als Journalist kein Handy? Nicht, wenn man langfristige Tiefenrecherchen macht, statt tagesaktuell berichten zu müssen. Tatsächlich lese ich Bücher, manchmal tagelang, und habe ein anderes Zeitempfinden als jene, die jede Eilmeldung auf die Armbanduhr gespielt bekommen. In zweierlei Hinsicht war mein handyfreies Leben bislang kompliziert: Bei der Vernetzung mit anderen Müttern und Vätern für Kinderaktivitäten und beim Fehlen von Navigationsgeräten in Mietwagen, etwa im Familienurlaub in England. Zum Glück hat meine Frau ein Smartphone. (Sie nutzt das Gerät zurückhaltend, keine Suchtgefahr, anders als bei mir.)

Manchmal wollen mich Freunde vom Handy überzeugen. Sie preisen diverse Apps. Ich schaue mir die an, glaube aber nie, dass sie mein Leben bereichern würden. Der größte Vorteil meiner Lebensweise ist das Abgeschnittensein von banaler Kommunikation, extremistischem Müll und vom DB Navigator. (Jochen Zenthöfer)

Versalzen

Auf den ersten Blick wirken Polittalkshows wie Vollkornbrot für die Demokratie: nahrhafte Streitkultur, reich an Thesen. In Wahrheit sind sie mediale Tiefkühlpizza: schnell heiß, schnell weg, hinterlassen ein Völlegefühl, aber keine echte Sättigung.

In den Talkshows des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die von Sonntag bis Donnerstag über die Bildschirme dudeln, sind die Rituale starr: zugespitzte Fragen, die immergleichen Gesichter aus Politik und Medien, kurzer Schlagabtausch. Doch kaum wird ein Gedanke aufgeworfen, tickt die unsichtbare Stoppuhr. Sätze werden nicht zu Ende gesprochen, sondern auf Pointe gebracht. Wer Komplexität wagt, wirkt sofort verdächtig.

Die gefährlichste Nebenwirkung ist die Dauerkur aus Empörung und Vereinfachung. Die Welt wird zum Duell geschrumpft: hier die einen, dort die anderen, dazwischen die Moderation als Schiedsrichter. Was nicht in 60 Sekunden passt, fällt weg; Zweifel stören nur den Fluss. So wird Politik zur Reiztherapie statt zur Denkübung. „Richtig essen“ hieße hier: tief durchatmen, eine Reportage lesen, eine Rede im Original hören. Stattdessen greifen wir zum Talk-Snack – hübsch angerichtet, aber voll von symbolischen Transfetten: künstliche Aufregung und eine Prise vorgegaukelter Betroffenheit.

Zeit zum Reden: Bundeskanzler Friedrich Merz im Oktober dieses Jahres in der Talkshow von Caren Miosga.
Zeit zum Reden: Bundeskanzler Friedrich Merz im Oktober dieses Jahres in der Talkshow von Caren Miosga.dpa

Ganz los werden wir sie nicht. Sie locken wie die Chips, die man „nur kurz probieren“ wollte, bevor die ganze Tüte leer gefuttert ist. Wir sollten die Talkshows als das sehen, was sie sind: kein Hauptgericht der Demokratie, sondern ein Beilagenbuffet. Laut, salzig und – politisch betrachtet – ziemlich ungesund. (Kira Kramer)

Faustisch

Die Klassik Stiftung Weimar stellt, um die Welt auf sich aufmerksam zu machen, jedes Jahr unter ein bestimmtes Motto. 2025 war es „Faust“, weil Johann Wolfgang von Goethe vor 250 Jahren in das thüringische Städtchen kam und Teile seiner Weltbetrachtung bereits in der Tasche hatte. Im Dezember dieses Jahres beschloss die Ministerpräsidentenkonferenz, Weimar zum künftigen Sitz der Medienratsgeschäftsstelle auszuwählen. War es Zufall?

Dieses Gremium aus sechs Kommunikations- und Rezeptionsexperten ist eine der Kernideen der jüngsten Reformagenda für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Expertenrat soll die qualitative Auftragserfüllung analysieren und so langfristig Vertrauen und Akzeptanz der beitragszahlenden Bevölkerung sichern, so der Glaube der Bundesländer. Alle zwei Jahre wird beispielsweise berichtet, ob ausgewogen informiert wird, das Verhältnis zwischen Kultur und sportlichem Kommerz stimmt, alle Altersgruppen bedacht und nicht die eine oder andere Krisenregion übersehen wurde.

Hatten die Ministerpräsidenten dazu etwas im Sinn: Szenenfoto zur Inszenierung von „Faust I“, 1957 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, von Gustaf Gründgens (links), mit Will Quadflieg.
Hatten die Ministerpräsidenten dazu etwas im Sinn: Szenenfoto zur Inszenierung von „Faust I“, 1957 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, von Gustaf Gründgens (links), mit Will Quadflieg.dpa

Wahrlich eine Herausforderung von faustischer Dimension. „Der Mensch irrt, solang er strebt“, heißt es bereits im „Prolog im Himmel“, der den ersten Teil von Goethes Werk einleitet. Ob die 16 Regierungschefs bei ihren Überlegungen diese geniale Dichtung im Blick hatten, ist ungewiss. Dabei ähnelt der Länderpakt jedoch in vielem der Wette zwischen Faust und Mephisto. Er formuliert Regeln mit der Gewissheit: „Du kannst! So wolle nur!“ Und hat zudem die Erwartung: „Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn.“ Doch der skeptische Beobachter hält es da lieber mit Faust: „Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ (Helmut Hartung)

Häuslich

Wie wäre es mit einem Cottage in Cornwall, dessen Sichtbalken von einem Viermastsegler stammen? Mit einem Häuschen in den Malvern Hills, die J. R. R. Tolkien als Vorlage fürs Auenland gedient haben sollen? Einer Selbstversorgerfarm in den Yorkshire Dales, die an „Der Doktor und das liebe Vieh“ erinnert? Der Wohnung in Bath hinter georgianischer Fassade, die an Jane Austen gemahnt? Oder dem Ensemble im schottischen Nationalpark Cairngorms, das Kath, Sue und ihr Hund Fudge mithilfe der BBC entdeckt und gekauft haben?

Die beiden Polizistinnen konnten sich nach ihrer Frühpensionierung nicht entscheiden, in welchem County sie ihr „Forever Home“ finden wollten, bis sie im TV fündig wurden. Für Normalsterbliche bezahlbar, mit Platz für Freunde und Familie und in praktischer Nähe zu Wanderpfaden und Lochs fürs wilde Schwimmen, wie sie auf ihrem Youtube-Kanal zeigen (Motto „age disgracefully“).

Felix Britannia, trotz fünf Jahren Brexit. Wer auf Youtube mit englischen Fernsehprogrammen zum „Househunting“ aufbricht, kann sich umstandslos in eine Parallelwelt imaginieren, in der ein anderer Geist herrscht als die öde deutsche Mietermentalität. Wir reden nicht von finanziellen Beschränkungen, sondern vom Selbstverständnis der Leute. Dass wir Deutschen uns als Dauermieter völlig okay finden, finden Briten seltsam. Warum über Jahre den Kredit eines anderen abbezahlen?

Anders als in den schrecklichen deutschen oder amerikanischen Maklersendungen erhält man im britischen Immobilienjagd-TV Einblicke in die steingewordene Geschichte des Inselreichs und lernt einiges über Architektur- und Sozialgeschichte, Naturinitiativen und Gartenglück, Slow Life und exzentrische Kundschaft. Und über das System der „Property Ladder“. Inzwischen könnten wir sofort mitbieten im britischen Kaufsystem, wären zwar „First Time Buyer“, aber „Chain Free“ (mach nur einen Plan). Britische Dauerbrennersendungen wie „Escape to the Country“ (BBC) oder „Location, Location, Location“ und „Love It or List It“ (Channel 4) mit den Sachverständigen Kirstie Allsopp und Phil Spencer zeigen seit mehr als einem Vierteljahrhundert, wie Wohnungs- oder Hauskauf geht, so unterhaltsam wie edukativ. „Every day is a school day“ (Allsopp), yes my dear, wie schön. (Heike Hupertz)

Latein

Das große Latinum ist lange her. Und es ist eine Last. Erst kämpft man in der Klausur um jede Vokabel. Später braucht man es – fast – nie mehr, und dann geht die Wortspielerei nach hinten los (irritum est).

„Habemus accusatio“ hieß es hier kürzlich zur Anklage gegen die frühere RBB-Intendantin Patricia Schlesinger. „Habemus accusationem“ hätte es selbstverständlich – Akkusativ! – heißen müssen, worauf uns ein geschätzter Kollege Emeritus freundlich (vir amicus!) hinwies. Eine Reihe von Oberstudienräten meldete sich hernach in bestimmterem Ton („setzen, sechs“).

Errare humanum est, gilt an dieser Stelle nicht. Tabula rasa, alea iacta est, quod licet lovi, non licet bovi, haben wir uns noch gemerkt. Doch wollen wir weiter per aspera ad astra streben (ob das jetzt wieder hinhaut?). Ad maiorem Dei gloriam zu sagen, wäre übertrieben, aber zur höheren Ehre der Zeitung und der Leserinnen und Leser möge es auch 2026 gereichen. Mit und ohne ungesunder Lust auf Latein. (Michael Hanfeld)

Source: faz.net